Tom Franklin | Die Gefürchteten

„Und wenn sie mich fragen?“
„Dann sagst du einfach, du weißt nichts über die Sache.“
„Ich kann nicht so gut lügen wie du.“
„Jetzt pass mal auf“, sagte William. „Der, auf den’s ankommt, muss dem Lügner die Lüge glauben. Dann ist es keine Lüge mehr. Dann ist es die Wahrheit. Für dich und mich ist Gottes Wahrheit von jetzt an, dass wir absolut nichts über den Mord an Arch Bedsole wissen. (Auszug Seite 88)

In einer ländlichen Gegend namens Mitcham Beat in Alabama im Jahre 1897 wird der aufstrebende und beliebte Ladenbesitzer und Lokalpolitiker Arch Bedsole mehr oder weniger zufällig bei einem Überfall erschossen. Sein Cousin Tooch schart einige Bekannte und Unzufriedene um sich, um dessen Tod zu rächen und um es den „Städtern“ der nächstgrößeren Kleinstadt Grove Hill mal so richtig zu zeigen. Und vielleicht auch, um ein paar Dollars einzusacken. So wird dann auch der Geheimbund „Hell-at-the-Breech“ gegründet, der fortan sein Unwesen treibt.

Die Bande terrorisiert die Gegend, verübt Überfälle, Brandstiftungen, begeht die ersten Morde. Vor allem duldet sie keinen Widerspruch unter der Landbevölkerung. Wer nicht mitmacht, muss wenigstens ein Alibi abgeben, ansonsten ist er seines Lebens nicht mehr sicher. Als die Nachricht vom Mord am Farmer Anderson bis nach Grove Hill dringt, bleibt dem alternden und trinkenden Sheriff Billy Waite nichts anderes übrig, als sich der Sache anzunehmen. Doch man traut ihm nicht mehr so richtig etwas zu, auch nicht sein Cousin Oscar York, der örtliche Richter. Oscar hat sogar schon jemanden als Deputy im Auge, Ardy Grant, der Billy womöglich auch bald als Sheriff beerben könnte. Doch dieser Ardy Grant ist nicht der, der er vorgibt zu sein.

Um ganz sicherzugehen, dass er auch wirklich tot war, nahm Ardy Carlos‘ Schrotflinte, fuhr mit dem Lauf unter James‘ Haarschopf und presste die Mündung gegen den Schädelansatz. Dann drückte er ab, und der Kopf zerplatzte wie eine Melone. Ardy stand da und horchte. Was für eine stille Welt. Er schaute nach oben, in die Welt hinein. Er fühlte sich, als wäre er von irgendetwas der Mittelpunkt. Die Krähe war weggeflogen, sonst hätte er auch sie erschossen. (Seite 322)

In weiten Teilen des Buches wird aber die Geschichte von Mack Burke erzählt, einem jungen Waisen, der zusammen mit seinem Bruder William bei der alten Hebamme und Witwe Gates aufwächst. Mack und William begehen einen ungeschickten Überfall auf Arch Bledsoe, bei dem dieser versehentlich stirbt, und lösen damit ungewollt die weiteren Ereignisse aus. Als er fünfzehn ist, wird er zu Tooch Bledsoe in dessen Laden als Helfer geschickt, um die Schulden der Witwe abzuarbeiten. Sein volljähriger Bruder schließt sich der Bande an. Mack wird zunächst ein stiller und heimlicher Beobachter der Ereignisse, doch als er sechzehn wird, kann er Teil von Toochs Bande werden.

Die Geschichte um die „Hell-At-The-Breach“-Bande hat einen wahren Hintergrund, doch Autor Tom Franklin verweist in einer Vorbemerkung darauf, dass er sich erhebliche fiktionale Freiheiten genommen habe. Franklin stammt selbst aus Alabama. Im Klappentext steht, dass seine Eltern eine Kirche gründeten, in der Wunderheilungen und Teufelsaustreibungen üblich waren. Die Gefürchteten war sein erster Roman und ist bis jetzt der einzige ins Deutsche übersetzte. Für 2017 ist allerdings der Titel Smonk: Stadt der Witwen bei Pulp Master angekündigt.

Alabama, eigentlich die gesamten Südstaaten, sind in den Jahrzehnten nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg wirtschaftlich und moralisch am Boden. Der Krieg hat die Wirtschaft des Südens zerstört, die Abschaffung der Sklaverei das Wirtschaftsmodell. Nun schuften die meisten als arme Pachtbauern, immer am Rande oder sogar unterhalb des Existenzminimums. Es entstehen Konflikte mit den vermeintlich reicheren Städtern. Doch in Wahrheit profitieren in diesen Zeiten nur ganz wenige. In dieser Atmosphäre sind Ausbrüche der Gewalt nicht überraschend.

Tom Franklin erzählt die Geschichte mit einem eindrucksvollen Gespür für Stimmung und Details. Beispielsweise die ärmlichen, windschiefen Hütten der Farmer, oder die harte Arbeit auf den Baumwollfeldern. Franklin kreiert ein absolut stimmiges Setting in bester Tradition der Südstaaten-Autoren. Beim Plot nimmt er sich ausreichend Zeit für bestimmte Szenen und Figuren, um aber auch wieder anschließend das Tempo anzuziehen. Es geht um Rache und Vergeltung, um Armut, Gewalt und das Recht des Stärkeren, oft als Freiheit missinterpretiert. Daneben beinhaltet der Roman aber auch die Coming-Of-Age-Story des jungen Mack und die Geschichte eines alternden Sheriffs, der seinen Alkohol, seine Lethargie und Selbstzweifel überwindet, um noch einmal für Recht und Ordnung zu sorgen. Schließlich ist Die Gefürchteten aber auch durchaus ein Noir. Es entsteht eine Spirale der Gewalt, die sich immer weiter dreht, bis am Ende auch die vermeintlich gute Seite mit blutigen Händen dasteht. Insgesamt ein absolut lesenswerter Roman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Die Gefürchteten | Erschienen am 18. März 2005 im Heyne Verlag
aktuell nur noch antiquarisch erhältlich
416 Seiten | ehem. 21,90 Euro
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Besprechung des Romans auf Deutschlandradio Kultur

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Country Noir.

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