Sebastian Fitzek | Das Paket

„Fast hätte ich es vergessen. Könnten Sie das hier für ihren Nachbarn annehmen?“
Salim hob ein etwa schuhkartongroßes Paket vom Boden auf, von dem Emma gedacht hatte, es wäre nicht für sie bestimmt, womit sie im Prinzip ja auch richtiglag.
„Für meinen Nachbarn?“ Ihre Knie begannen zu zittern, während sie die Konsequenzen zu begreifen begann, die diese ungeheuerliche Bitte nach sich ziehen würde, sollte sie so verrückt sein, darauf einzugehen.
Sie würde wie letztes Mal, als sie so freundlich gewesen war und die Bücherlieferung für die Zahnärztin entgegengenommen hatte, stundenlang in der Dunkelheit des Wohnzimmers sitzen, unfähig, etwas anderes zu tun, als ununterbrochen darüber nachzudenken, wann es passieren würde. Wann die Klingel die Stille zerreißen und den ungewollten Besuch ankündigen würde. (Auszug Seite 72)

Emma Stein ist Psychiaterin, hat eine Privatpraxis in Berlin und setzt sich für die Verbesserung der Rechtsstellung von Patienten in psychiatrischer Behandlung ein. Nach einem Kongress, bei dem sie eine Rede zu dem Thema, für das sie sich einsetzt, gehalten hat, übernachtet sie in einem Hotelzimmer. Dort wird sie vergewaltigt und ihr werden die Haare abrasiert. Nach diesem Muster wurden bereits weitere Frauen vor ihr überfallen, die Presse nennt den Täter den „Friseur“. Danach leidet Emma unter Wahnvorstellungen und Angstzuständen. Sie verschanzt sich in ihrem Haus und macht keinen Schritt mehr nach draußen. Dann bittet sie ihr Postbote ein Paket für einen Nachbarn einige Häuser weiter anzunehmen. Das Paket ist an A. Palandt adressiert, der Name sagt Emma gar nichts. Was steckt hinter dem Paket?

Emma ist verheiratet mit Philipp. Ihr Ehemann ist leitender Ermittler der Abteilung für operative Fallanalyse beim BKA, also umgangssprachlich „Profiler“. Beide wohnen in einem Haus etwas außerhalb von Berlin, dass sie sich nur leisten können, weil Philipp geerbt hat. Philipp schenkt Emma nach der Vergewaltigung einen Husky, der sie aus ihrem „Loch herausziehen“ soll.

Das Paket von Sebastian Fitzek hat mir teilweise gefallen. In der Geschichte sitzt Emma bei ihrem Anwalt und erzählt ihre Erlebnisse, damit er einen Verteidigungsansatz findet. Dabei wechseln die Kapitel immer mal wieder in die Gegenwart und in die Zeit von vor 3 Monaten, als sie das Paket annimmt. Die Erzählung von Emma ist sehr spannend, weil der Autor zum Ende jeden Kapitels mit Cliffhangern arbeitet. Dadurch konnte ich als Leser das Buch einfach nicht aus der Hand legen und habe es an einem Tag gelesen.

Am Anfang war ich etwas enttäuscht von dem Buch. Ich habe von Sebastian Fitzek bereits Passagier 23 gelesen (auch auf dem Blog rezensiert) und war begeistert, deshalb ging ich mit einer hohen Erwartungshaltung an diesen Thriller. Die Protagonistin finde ich eher unsympathisch, weil ihre Angstzustände doch schon ziemlich verrückt wirken. Sie fällt in Ohnmacht, weil sie in der Werbung einen Rasierapparat sieht, schaltet gleich alle Alarmanlagen an, weil die Haustür für einige Minuten offen stand, gerät in völlige Panik, weil der Feuermelder piept und sie es zuerst nicht zuordnen kann. Bei jedem Schatten sieht sie sofort ihrem Tod ins Auge. Zum Ende hin überrascht die Geschichte aber mit mehreren Wendungen. Immer, wenn ich als Leser dachte, dass das jetzt die Auflösung ist, wurde das Ruder wieder rumgerissen, mehrere Male. Und die Wendungen sind auch so gravierend, dass ich erstmal kurz innehalten musste, um es zu begreifen. Also das Ende ist echt grandios und tröstet über den enttäuschenden Anfang hinweg.

Sebastian Fitzek wurde 1971 geboren und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Berlin. Er hat Jura studiert, aber nie als Anwalt praktiziert. Stattdessen wurde er Chefredakteur beim Berliner Radio, wo auch heute noch sein Schreibtisch steht. Der Autor hat bis jetzt 21 Bücher veröffentlicht, darunter auch ein Kinderbuch. Bisher wurde ein Thriller verfilmt, drei weitere Verfilmungen sind in Arbeit.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Das Paket | Erschienen am 26. Oktober 2016 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-19920-6
368 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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