Gard Sveen | Der letzte Pilger

Ein Blitzlicht leuchtete über Tommys Kopf auf, und der Lichtstrahl einer Taschenlampe traf das Ende des Zollstocks. Tommy sah noch immer nichts Besonderes. Der Kripos-Mann tippte mit dem Zollstock noch einmal auf die Stelle. Da stellten sich die Haare auf Tommys Armen auf, und alles Blut wich aus seinem Kopf. Für einen Moment fürchtete er, das Gleichgewicht zu verlieren. „Verdammt“, sagte Abrahamsen und sprach aus, was beide dachten. „Da liegen nicht zwei Menschen, da liegen drei.“ Tommy starrte mit weit aufgerissenen, trockenen Augen in das Loch. Eine fünfte Hand drückte sich unter den Rippen durch die Erde. Langsam zählte er die kleinen Finger. Die Hand war zur Faust geballt. Eine winzig kleine Faust. „Scheiße“, flüsterte er. Ganz unten lag ein Kind. (Auszug Seite 46 und 47)

Beim Zelten in einem Waldgebiet in der norwegischen Nordmarka stoßen Studenten auf die Skelette von drei verscharrten Leichen. Laut Gerichtsmedizin handelt es sich um zwei Frauen, die per Kopfschuss hingerichtet wurden und ein kleines Mädchen. Das Verbrechen muss schon etliche Jahre zurückliegen und wird in den 40er Jahren zu Kriegszeiten verortet. Einige Tage nach der Veröffentlichung in der Zeitung wird der betagte Ex-Handelsminister Carl Oscar Krogh brutal ermordet in seiner Villa aufgefunden. Der hochangesehene Politiker wurde bestialisch mit zahllosen Messerstichen getötet. Der ermittelnde Kommissar im Polizeipräsidium Oslo ist Tommy Bergmann, der aufgrund von privaten Problemen freiwillig über Pfingsten Dienst schiebt. Der eigenwillige Kommissar verbeißt sich in den Fall und fragt sich, wer einen Grund und so viel Wut hat, um den ehemaligen Kriegshelden umzubringen.

Da Krogh im zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft hat, sieht Bergmann das Motiv für diesen grausamen Mord in dieser Zeit begründet. Er vermutet eine Verbindung zu den skelettierten Leichen in der Nordmarka, und besonders das Schicksal des Kindes lässt ihm keine Ruhe. Bei seinen Recherchen stößt er auf den Namen Agnes Gerner, die zusammen mit der Tochter ihres Verlobten und der Haushälterin seit 1945 als vermisst gilt. Er gräbt in Kroghs Vergangenheit, aber bei den noch lebenden Zeitzeugen stößt er auf eine Mauer des Schweigens.

Ein zweiter Handlungsstrang führt den Leser in das Milieu der norwegischen Widerstandsbewegung zwischen den Kriegsjahren 1939 und 1945. Die Deutschen haben Norwegen besetzt und Agnes Gerner, die zu Beginn des Krieges aus England in ihr Heimatland Norwegen zurückkehrte, arbeitet fortan verdeckt für die Milorg, die größte norwegische Widerstandsgruppe. Agnes Gerner führt ein gefährliches Doppelleben als geheime Informantin. Die attraktive und intelligente Frau lässt sich in die innersten Zirkel einschleusen und lernt wichtige Nazigrößen aus Norwegen und Deutschland kennen. Sie verlobt sich sogar mit dem Nationalsozialisten Gustav Lande. Der Witwer hat sich in die wunderschöne Agnes verliebt und für seine Tochter wird sie eine Art Mutterersatz. Durch die engen Beziehungen zum Feind befindet sich Agnes permanent in Lebensgefahr. Zu allem Übel hat sie noch ein leidenschaftliches Verhältnis zu ihrem Verbindungsmann bei der Milorg, das natürlich auch geheim bleiben muss.

Der Autor versteht es hervorragend die Bedrohlichkeit ihrer Lage darzustellen und man fiebert mit der verzweifelten Agnes mit. Ihre ständige Todesangst und die Furcht, aufgedeckt zu werden sind allgegenwärtig. In den Wirren des Krieges denkt Agnes ständig an die todbringende Ampulle in ihrer Handtasche und hofft, noch rechtzeitig ins sichere Schweden gebracht zu werden.

Dieser hochspannende Handlungsstrang kommt als klassischer Agententhriller daher mit allem, was dazu gehört: verdeckte Ermittlungen und geheime Treffpunkte, Spione und Doppelagenten, Widerstandskämpfer und Kollaborateure, Verräter und Geheimpolizisten. Der Kriminalroman wechselt immer wieder in kurzen Kapiteln zwischen den beiden Zeiten und entwickelt dadurch eine fesselnde Dynamik. Orts- und Zeitangaben über jedem Kapitel helfen dem Leser bei der Zuordnung. Dadurch dass die Geschehnisse in der Vergangenheit nach und nach erzählt werden, meint man als Leser einen Wissensvorsprung zu haben. Doch überraschende Wendungen und neue Spuren sorgen dafür, dass man bis zum Schluss im Unklaren bleibt. Parallel verfolgt man in dem Erzählstrang in der Gegenwart Bergmanns Ermittlungsarbeit, in dem immer mehr Fakten und Zusammenhänge ans Licht kommen.

Nach leichten Irritationen am Anfang des Buches, die in den permanenten Zeitsprüngen aber auch an dem Protagonisten Tommy Bergmann lagen, war ich total gefesselt. Tommys Freundin hat ihn verlassen, weil er sie geschlagen hat. Er fühlt sich schuldig, tut sich mit neuen Bekanntschaften schwer, sehnt sich aber nach einer neuen Beziehung. Er trainiert in seiner Freizeit eine Mädchen-Handballmannschaft und interessiert sich aktuell für die Mutter einer seiner Schülerin. Bergmann ist ein nahe am Genre-Klischee gebauter Bulle, eigenbrötlerisch, ein schwieriger Mensch und Einzelgänger. Gleichzeitig ist er klug, hartnäckig und verbissen. Mit all seinen Fehlern wirkt er auf mich sehr menschlich und authentisch. Auch alle anderen Charaktere sind sehr genau beobachtet und glaubhaft dargestellt.

Schon nach wenigen Seiten entwickelte die Story einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich habe selten so etwas Spannendes gelesen! Auch außerhalb des Lesens machte ich mir Gedanken, wie alles zusammenhängen könnte. Nicht nur die komplexe Handlung mit ihren ständig wechselnden Orten und Zeiten erfordert eine hohe Aufmerksamkeit. Auch die Vielzahl an Personen und ihren unterschiedlichen Biographien beanspruchen volle Konzentration. Anders als in vielen skandinavischen Krimis werden keine sozial- oder gesellschaftskritischen Aspekte behandelt, sondern ein dunkles Kapitel der skandinavischen Zeitgeschichte. Das über 500 Seiten starke Krimi-Debüt ist eine hervorragende Mischung aus Krimi- und Agententhriller und wurde mit mehreren Preisen, unter anderem als bester Kriminalroman Skandinaviens ausgezeichnet.

Gard Sveen wurde 1969 in Norwegen geboren und arbeitet aktuell im Verteidigungsministerium. Der studierte Politikwissenschaftler, der in seiner Freizeit die Fußballmannschaft seiner jüngsten Tochter trainiert, schrieb sein Debüt abends und an den Wochenenden. Zu seinem Roman angeregt wurde er durch die reale Geschichte eines führenden Widerstandskämpfers. Nachdem Der letzte Pilger allein in Norwegen 50.000 Mal verkauft wurde, konnte er sich ein Sabbatjahr nehmen und schrieb den zweiten Band Teufels Kälte, der Tommy Bergmann Reihe. Dieser basiert zum Teil auf der wahren Geschichte eines mutmaßlichen schwedischen Serienkillers und wurde in Norwegen bereits veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erscheint voraussichtlich am 16. Juni 2017 im selben Verlag.

 

Rezension von Andy Ruhr.

 

Der letzte Pilger | Erschienen am 26. Februar 2016 bei List im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-47135-116-1
544 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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3 Gedanken zu “Gard Sveen | Der letzte Pilger

  1. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich mit diesem Buch recht schwer getan habe. Das liegt zum einen wohl daran, dass ich es als Hörbuch gehört habe und die vielen Zeit- und Ortssprünge in dieser Form schon sehr verwirrend waren und man noch besser aufpassen musste, um nicht den Anschluss zu verlieren.

    Zum anderen hatte ich auch eigentlich eher einen typischen Skandinavien-Krimi erwartet und war schon ein wenig davon überrascht, dass es viel mehr ein historischer Spionageroman war, was jetzt im Thriller- und Krimigenre nicht unbedingt zu meinen Lieblingsgeschichten zählt.

    Trotzdem werde ich die Reihe weiter im Auge behalten, weil mich die Thematik des zweiten Bandes schon sehr reizt. Wenn das Buch tatsächlich auf einem realen Serienkiller basiert, dürfte die Fortsetzung schon deutlich mehr nach meinem Geschmack sein :D

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