Jérôme Leroy | Der Block

„Scheiße, Stanko, wach auf! Der gesamte Block lässt dich fallen. Wir stehen kurz davor, an die Regierung zu kommen, mein Junge. Ist dir das klar? Darauf warten wir seit fast fünfundvierzig Jahren. Alle. Und wenn wir, um die letzte Stufe zu erklimmen, einen der Unsrigen opfern müssen, selbst wenn du das bist, Stanko, wird keiner lange zögern.“ (Auszug Seite 68)

In Frankreich brennen die Vorstädte, seit Monaten gibt es schon blutige Unruhen, die TV-Sender blenden sogar inzwischen einen Live-Bodycount ein. Die konservative Regierung wird der Situation nicht mehr Herr und bricht mit einem Tabu – sie führt Koalitionsverhandlungen mit dem rechtsextremen Bloc Patriotique. In der Nacht der Verhandlungen sind zwei Männer ganz allein: Antoine Meynard, Ehemann der Parteivorsitzenden und Anwärter auf ein hohes Amt in der neuen Regierung, und Stéphane Stankowiak, Sicherheitschef des „Block“ und nun in Ungnade gefallen.

Beide Männer sind alte Freunde. Meynard ist Schriftsteller, ein Intellektueller, mit Agnès, der Parteichefin, verheiratet und ihr hemmungslos verfallen („Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden“, Seite 9). Meynard ist nicht unbedingt ein Rassist, aber er berauscht sich an der Gewalt, war früher regelmäßig mit Stanko unterwegs. Nun sitzt er in einer Luxuswohnung und wartet auf Agnès, die die Verhandlungen führt. Zur gleichen Zeit hockt Stanko in einer billigen Absteige. Er ist auf der Flucht, man will seinen Kopf.

Stanko stammt aus zerrütteten Verhältnissen, hat sich früh einer Hooligan-Gruppe angeschlossen. Er ist ein Proll, ein Rassist. Beim Militär lernte er Meynard kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm. Beim Block ist der homosexuelle Stanko dann zum Chef der parteieigenen Schläger- und Sicherheitstruppe aufgestiegen. Nun ist aber die Nacht der langen Messer angebrochen, der zukünftige Koalitionspartner verlangt Stankos Kopf und die Verantwortlichen des Block sind bereit, ihn zu opfern, auch Meynard unternimmt nichts dagegen.

Die literarische Form, die Autor Jérôme Leroy für Der Block gewählt hat, ist höchst anspruchsvoll. Leroy selbst erklärt im Nachwort, dass er die Form der klassischen Tragödie gewählt hat, mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Dabei benutzt ein bei den zwei Hauptfiguren ein „Ich“ für Stanko und das „Du“ für Meynard. Beide sind in dieser Nacht allein mit sich und ihren Gedanken. Als Handlung passiert nicht viel, stattdessen resümieren die Protagonisten ihr Leben und ihre Zeit beim Block und geben dem Leser einen authentischen Einblick in die Köpfe rechter Parteifunktionäre.

Also verstehen die Armen, was los ist, was wirklich los ist, nur dass sie es nicht unbedingt in Worte fassen können. Und dann wählen sie uns, die einzige echte Alternative, die Partei, die alle anderen gegen sich hat. Was glauben Sie? Genau so sind wir zur größten Arbeiterpartei Frankreichs geworden. (Seite 187)

Der Roman ist selbstredend ein Schlüsselroman. Auch wenn Leroy aus juristischen Gründen allzu direkte Parallelen vermeidet, spiegelt sich im Roman die Geschichte der französischen extremen Rechte und insbesondere des Front National wider. Meynard und Stanko reflektieren in ihren inneren Monologen die Geschichte einer Bewegung, eine Geschichte der Gewalt, die ihren Marsch durch die Institutionen angetreten hat, sich gehäutet hat, ein modernes Antlitz verpasst hat, um nun als kühle, aber immer noch gefährliche Technokraten den Zugang zur Macht zu erhalten.

Ich dachte immer, dass wir, wenn der Block eines Tages die Macht ergreifen würde, aus Frankreich ein neues Sparta machen würden. Wir würden den Museln, den Negern und den Juden wieder ihre Heloten-Plätze zuweisen. (Seite 30)

Die Lektüre des Romans ist durch die gewählte Form alles andere als bequem. Ich muss zugeben, dass ich zur Mitte des Buches so meine Mühe hatte, mich durch Stankos und Meynards inneren Monologe und Erinnerungen, die zwischen Larmoyanz und „Je ne regrette rien“ schwanken, zu arbeiten. Doch es lohnt sich definitiv. In der aktuellen Situation, in der die neuen Rechten vielerorts plötzlich salonfähig werden, ist ein solcher Roman noir ein klares politisches Statement. Der Wolf mag Kreide gefressen haben, aber er ist immer noch ein Wolf.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Der Block | Erschienen am 1. März 2017 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-037-3
320 Seiten | 19,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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5 Gedanken zu “Jérôme Leroy | Der Block

  1. „Der Wolf mag Kreide gefressen haben, aber er ist immer noch ein Wolf.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Eine klasse Rezension, Gunnar! (Naja, eigentlich wie immer ;-) ) Und aktueller kann eine Lektüre wohl kaum sein. Ich hoffe ja weiterhin, dass der Verstand in Frankreich siegen wird und uns Marine Le Pen erspart bleibt. Allein … mein Gefühl sagt etwas anderes.

    1. Danke dir. Was die Wahl betrifft, gibt es ja sehr viele, die behaupten, dass Le Pen in einem zweiten Wahlgang niemals eine Mehrheit bekäme. Ich hoffe, sie behalten recht. Aber das Szenario im Roman erscheint keineswegs völlig abwegig.

  2. Hat dies auf crimealley rebloggt und kommentierte:
    Vorab – nein, ich habe jetzt nicht vor, andauernd irgendwelche Beiträge anderer Blogger zu rebloggen, um meine eigene Seite zu füllen. In diesem Fall muss ich aber mal eine Ausnahme machen, da mir die Rezension vom lieben Gunnar erstens außerordentlich gut gefällt und zweitens der Titel wohl angesichts der Wahlen in Frankreich nicht aktueller sein könnte. Ein Buch, das es sich offensichtlich gerade jetzt unbedingt zu lesen lohnt.

    Und darauf mache ich dann gerne auch bei mir nochmal extra aufmerksam.

    Besten Dank für euer Verständnis und kommt gut durch eine hoffentlich stressfreie Woche!
    Euer Stefan

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