Carlo Feber | Das Spiel der Anderen

Ich reiße den Mund weit auf, werfe den Kopf zurück und hacke mit den Zähnen in den Geldhaufen. Ein roter Zehner rutscht von meinen Lippen. Aber ein Zwanziger bleibt mir an der Zuge kleben. Langsam zerbeiße ich den Schein. Hört ihr das Papier knistern? Fetzen haften an meinem Gaumen wie fades Knäckebrot, das nicht rutschen will. Wie alter Rauch hängt mir beim Runterwürgen der pappige Scheißgeschmack auf der Zunge. Immer noch auf den Knien richte ich den Oberkörper auf und fische einen Zweihunderter aus dem Napf. „Soll ich den auch noch fressen?“ (Auszug Seite 5)

Vier junge Menschen haben genug von der Ausbeutung des Planeten durch die kriminelle Finanzwelt. Um die schmutzigen Geschäfte der German Global Credit Bank am Potsdamer Platz in Berlin aufzudecken, verfolgen sie einen Plan. Die vier Politaktivisten Marie-Luise, genannt Malu, ihr Freund Leon, der Libanese Habibi und der Hacker Sanctus haben monatelang alles akribisch vorbereitet. Die Vorstände der global agierenden Bank sollen entführt werden und dadurch zum öffentlichen Eingeständnis ihrer kriminellen Machenschaften gezwungen werden. Die Bevölkerung soll über die illegalen Geschäftspraktiken der Bank informiert werden, deren Verdienste zu Lasten von Mensch und Umwelt gehen. Das erinnert mich ein bisschen an die Radikalität der RAF in den 70er Jahren, aber der Bewusstseinswandel in der Bevölkerung soll möglichst ohne Blutvergießen geschehen.

Und die Entführung des Vorstandsvorsitzenden Harald Lengsfeld, die Nummer eins auf der Angriffsliste, verläuft dann auch wie am Schnürchen. Doch danach geht alles schief. Der zweite Bankvorstand Joachim Fokker, den die vier Freunde als nächstes Kidnappingopfer auserkoren hatten, wird zeitgleich ermordet in seinem total ausgebrannten Mercedes SLS Coupé aufgefunden. Anscheinend hat sich irgendjemand in ihre Pläne gehackt und verfolgt diese jetzt als Trittbrettfahrer. Des Weiteren erweist sich der im Keller unter Leons Skateboardladen gefangen gehaltene Banker Lengsfeld als zäher Bursche, der an harte Verhandlungen gewöhnt, sich nicht so leicht einschüchtern lässt. Er zeigt überraschenderweise kaum Angst und konfrontiert seine Entführer damit, einen von ihnen, nämlich Leon, erkannt zu haben.

Das angespannte Quartett darf jetzt nicht kopflos oder übereilt agieren, sondern muss improvisieren. Der in der Hacker-Szene berühmte Sanctus hatte sich vor einem Jahr mit gefälschtem Lebenslauf als Systemadministrator in die Bank eingeschleust. Als Head of Data will er sich jetzt nicht auffällig verhalten, denn er fürchtet die Aufdeckung seiner Systemmanipulationen durch den IT-Kollegen Hellcamp. Malu versucht indessen herauszufinden, wer mit ihren Plänen ein anderes Spiel spielt und hat auch schon eine Vermutung.

Im Berliner LKA laufen die Ermittlungen inzwischen auf Hochtouren. Das Innenministerium hat Sicherheitsstufe drei zur Gefahrenabwehr und zum Schutz der öffentlichen Sicherheit ausgerufen. Kriminalrätin Dr. Vera Werchteshaus bildet zwei separate Sokos. Während die junge Polizeihauptkommissarin Kara Menzel und ihr Kollege Oberkommissar Jörg Olvers im Mordfall Fokker ermitteln, übernimmt den Entführungsfall Lengsfeld eine andere Abteilung.

Die dritte Vorstandsvorsitzende, Gerlinde Schindhelm, gewährt ihnen nur zögerlich Einblicke in die Arbeitsabläufe der Bank. Die für die Konzernsicherheit zuständige Bankmanagerin setzt mehr auf die von ihr eingesetzten Londoner Sicherheitsexperten des Kerberos-Ten-Teams. Da der ermordete Joachim Fokker zuletzt von den außen an der Bank befindlichen Sicherheitskameras aufgenommen wurde, konzentrieren sich die beiden Kommissare erst mal auf die direkte Verbindung der Tiefgarage mit der Vorstandsetage. Schnell finden sie in dem ehemaligen Abteilungsleiter Georg Ducasse einen Verdächtigen. Der Ingenieur war für technische Gutachten großer Industrievorhaben zuständig und für die Bank in Usbekistan tätig. Nachdem er fünf Wochen in usbekischer Gefangenschaft gelitten hatte, streitet er um Entschädigung. Er hatte als letzter einen Termin mit dem für Personalfragen zuständigem Fokker.

Aus einem eingehendem Erpresserbrief wird schnell deutlich, dass es sich um einen Trittbrettfahrer handeln muss. Sanctus liest aus dem Brief versteckte Botschaften heraus, die sich an die vier wirklichen Entführer richten. Die Polizei hat derweil einen schwierigen Stand. Man erwartet schnelle Ergebnisse, aber aufgrund der Nachrichtensperre werden Kara und Jörg wichtige Daten nicht zugänglich gemacht. Kara Menzel ist der große Sympathieträger und agiert umsichtig und mit Verstand. Als sie ihren schwedischen Freund Thure von der Rikspolisen um Rat fragt, warnt er sie explizit vor den Mitarbeitern des Kerberos-Ten-Teams.

Carlo Feber hält sich in seinem Politthriller Das Spiel der Anderen nicht lange mit Erklärungen auf. Sofort findet sich der Leser mitten in der Geschichte wieder und man springt von einer Szenerie zur nächsten. Auch die Charaktere werden nicht groß eingeführt. Das Figurenpersonal ist nicht ganz frei von Klischees, aber durchweg glaubwürdig und authentisch dargestellt. Ich konnte sie mir alle gut vorstellen, den Hacker Sanctus mit seinem Samuraizopf oder den hartgesottenen Banker Lengsfeld, der oft als Finanzexperte in Talkshows mit seinem selbstgerechten Tonfall nervt. Dazu passend wohnt sein Sohn natürlich in einer Luxuswohnung mit Blick auf den Berliner Lietzensee.

Der in der Pfalz geborene Autor lebt mittlerweile in Berlin und man merkt seinen detaillierten Schilderungen an, dass er sich hier auskennt. Ob die Beschreibungen der unkonventionellen Hipster mit Bart und schrägen Klamotten im Berliner Friedrichshain oder die deprimierende Tristesse in Berlin-Niederschöneweide, wo noch die Backsteinmauern an DDR-Zeiten erinnern und billig sanierte Werkhallen an Künstler vermietet werden. Das alles ergibt ein stimmiges Setting. Die Sprache ist anspruchsvoll und modern mit vielen Anglizismen und Netzjargon.

In unterschiedlichen Erzählperspektiven verfolgt man die vier jungen Politaktivisten oder die Ermittlungsarbeit der Polizei. Am Anfang empfand ich bei dem flotten Erzähltempo eine fast atemlose Spannung und konnte den Thriller nur schwer aus der Hand legen. Ein Pageturner, der seinen Namen verdient. Diese rasante Spannung kann der Autor natürlich nicht durchgehend halten und in der Mitte hatte ich einen kleine Hänger. Oder wie es auf Seite 251 heißt: Kara rauchte der Kopf. Mir auch bei all den Verwicklungen, Machtspielchen und falschen Machenschaften. Der Autor verlangt dem Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration ab. Zum Schluss läuft der lesenswerte Thriller noch auf ein spannendes, actionbetontes Finale zu, das noch mit einigen Überraschungen und unvorhersehbaren Wendungen aufwartet.

Carlo Feber beschäftigt sich in seinem fesselnden Politthriller kritisch mit der Finanzwelt, in dem er die Machenschaften einer Bank darstellt und die politischen Abgründe aufzeigt. Auch den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik nimmt er dabei ins Visier. Der studierte Politologe ist 1965 in der Pfalz geboren, lebt heute in Berlin. Hier gibt er auch Schreibseminare. Als Schriftsteller arbeitet er mit verschiedenen Pseudonymen in unterschiedlichen Genres und auch als Ghostwriter.
Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Das Spiel der Anderen | Erschienen am 9. Mai 2016 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-472-8
416 Seiten | 12,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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