Jörg Fauser | Der Schneemann

„Ich könnte auf den Geschmack kommen. Vor allem bei dem Stoff, den ich gerade habe. Wirklich erstklassig. Erstaunlich, was man noch alles entdeckt.“
„Wie meinen Sie das?“
„Mit zwanzig bin ich auf den Geschmack von Sex gekommen, mit dreißig auf den von Whisky und jetzt auf den von Kokain. Wo wird das noch enden?“
„Ich würde sagen, es geht aufwärts. Darf ich mal probieren?“. (Auszug Seite 105)

Siegfried Blum ist ein Kleinkrimineller, ein Überlebenskünstler. Gerade ist er auf Malta und versucht, eine Sammlung dänischer Pornohefte zu verhökern. Ein möglicher Abnehmer wäre der italienische Mafioso Rossi. Da gerät er durch Zufall in den Besitz eines Gepäckaufbewahrungsscheins von Rossi. Blum verlässt Hals über Kopf Malta und löst am Münchener Hauptbahnhof einen Koffer voller Dosen mit Rasierschaum aus. Doch er findet schnell heraus, dass noch mehr in den Dosen steckt: 5 Pfund 96%iges Kokain, Sorte Peruvian Flake.

Das ist für Blum natürlich eine einmalige Chance. Er ist ein Einzelgänger, ein „Ein-Mann-Unternehmen“, der sich mit fast 40 mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Sein Traum ist eine Bar auf den Bahamas und die könnte im Bereich des Möglichen liegen, wenn es ihm gelänge, den Stoff zu verhökern. Doch das ist selbstredend alles andere als einfach. Er bemüht einige Kontakte, verkauft hier und da einige Gramm, doch der entscheidende Deal will nicht gelingen. Und immer muss er befürchten, dass die tatsächlichen Eigentümer der Ware ihm auf den Fersen sind. Blum begibt sich auf eine Odyssee über Frankfurt, Wesel (!), Amsterdam bis nach Ostende.

Autor Jörg Fauser ist sicherlich eine der interessanten Personen des deutschsprachigen Literaturbetriebs der Nachkriegszeit. Zunächst ein ausgewiesener Undergroundautor mit engen Bezügen zur amerikanischen Beat-Literatur, eigene Drogenerfahrungen und Nähe zur Frankfurter Hausbesetzerszene inklusive. Fauser arbeitete in den 70ern als Journalist, veröffentlichte Essays, Reportagen, Lyrik, eine Biografie von Marlon Brando, Hörspiele, arbeitete als Übersetzer und schrieb Songs für Achim Reichel. Er beschäftigte sich auch intensiv mit amerikanischen hardboiled-Krimis. 1981 erschien dann Der Schneemann als echter „richtiger“ Roman. Drei Jahre später erschien die Verfilmung mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle. Das Filmdrehbuch verlässt die Romanvorlage teilweise deutlich, Fauser fand es angesichts ordentlicher Tantiemen angeblich nicht so tragisch.

Im Literaturbetrieb war er immer ein Außenseiter, am deutlichsten wurde dies 1984, als er beim Ingeborg-Bachmann-Preis von den Literaturgranden niedergemacht wurde (Video). 1987 starb Jörg Fauser viel zu früh in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag bei einem Unfall als Fußgänger auf einer Autobahn bei München.

Natürlich können sie überall sein, dachte er, als er den Mann im blauen Maximantel sah, der an der Würstchenbude stand und sich mit einem Corriere della Sera beschäftigte […] – und genau davon gehen sie aus: daß du durchdrehst, daß du aufgibst, daß du in die Knie gehst und den Koks wieder zur Aufbewahrung Stelle 1 gibst und den Gepäckschein eingeschrieben ans Phoenicia schickst. Paranoia heißt das Wort. Verfolgungswahn. Diese Stiche im Herzen, diese Nierenschmerzen, das Kribbeln an der Wirbelsäule, das Jucken unter der Kopfhaut, alles nur der Verfolgungswahn. Bleib cool. Du hast dich entschlossen, die Sache durchzuziehn, also zieh sie auch durch, betritt diesen Speisewagen mit der gereizten Miene eines Reisenden in Rheumawäsche, letzte Woche kein Abschluß, die Chemie rottet uns aus, die Frau hatte ihre Tage, Hertha BSC hat schon wieder verloren, und eine lange Woche im Raum Wuppertal starrt dir in das biervernebelte Hirn.
„Ober, ein Pils, aber kalt, näch!“. (Seite 56-57)

Fauser erzählt die Story mit einem auktorialen Erzähler ganz eng an seinem Protagonisten Blum. Er schickt ihn auf einen Road Trip durch mehrere Staaten, ein einsamer Handlungsreisender in Sachen Kokain. Blum ist ein Vagabund, je nach Blickwinkel könnte man ihn als Loser oder Überlebenskünstler bezeichnen. Die Nummer mit dem Koks ist eindeutig zu groß für ihn, aber er schlägt sich wacker, doch der Verfolgungswahn (nicht zu unrecht) begleitet ihn über die ganze Reise. Dabei begegnet er zahlreichen merkwürdigen Gestalten mit ähnlich skurrilen Biografien. Die Figuren und auch die wechselnden Schauplätze machen ebenfalls einen erheblichen Reiz dieser Geschichte aus. Der Muff der alten Bundesrepublik wird in einigen Schauplätzen wie Bahnhofshallen, ranzigen Hotelzimmern oder Intercity-Speisewagen nur allzu deutlich. Daneben verteilt Fauser in einigen Szenen wie der Party in einem Münchener Schriftsteller-Bungalow auch einige Seitenhiebe auf das kulturelle Establishment.

Ich habe beim Recherchieren irgendwo gelesen, dass Fauser nach diesem Buch schnell als Krimiautor abgestempelt war. Was mich allerdings wundert, denn trotz der 5 Pfund Kokain geht es in diesem Roman doch eigentlich um die beschwerliche Suche Blums nach seinem persönlichen Glück („Denn das Glück, meine Herren, ist die teuerste Droge“, Seite 86) und das in Zeiten von Sinnsuche, Hedonismus und Paranoia. Und auch wenn D-Mark, Gulden, belgische Francs und maltesische Lira längst nicht mehr existieren, ist Der Schneemann mit einem frischen und lässigen Stil immer noch ein lesenswerter Roman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

 


Der Schneemann | Erstmals erschienen 1981
Die gelesene Ausgabe erschien 2006 im Rahmen der Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek (#50)
Aktuell erhältlich beim Alexander Verlag Berlin im Rahmen der Jörg-Fauser-Edition
ISBN 978-3-89581-118-0
264 Seiten | 19,90 Euro
oder als Taschenbuchausgabe beim Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-23921-8
272 Seiten | 11.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Trailer zur Verfilmung mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Klassikern der deutschen Kriminalliteratur.

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8 Gedanken zu “Jörg Fauser | Der Schneemann

  1. Hallo,
    was für eine ansprechenden Rezension. „Der Schneemann“ ist schon so ‚alt‘ und den Film mit MMW habe ich vor vielen, vielen Jahren gesehen, dass Buch wird mir mit Sicherheit besser gefallen. Eine Reise mit solch schrägen Charakteren, die gleichzeitig ein bisschen Sozialstudie ist – genau meins. Wieder einmal bei Euch entdeckt.
    Viele Grüße und ein schönes langes Wochenende. Bin gespannt auf die nächsten Vorstellungen.
    Kerstin

  2. Ich finde die Rezension wirklich toll geschrieben. Sie gibt einen sehr guten Einblick in das Buch und macht Lust auf mehr :)

    Würden sich auf deinen Blog noch ein paar mehr Bilder anfinden und das Design noch etwas mehr ausgearbeitet werden, würde ich als Leser definitiv bleiben.

    Liebe Grüße
    Captain Books

    captainbooksweb.wordpress.com

    1. Vielen Dank. Was das Design betrifft: Das ist ja immer Geschmackssache. Aktuell ist jedenfalls keine Anpassung geplant, aber trotzdem danke fürs Feedback.

      Viele Grüße
      Gunnar

    2. Unser Fokus liegt auf den Texten und seit geraumer Zeit auf eigenen Bildern. Eine Überfrachtung durch mehr Bilder würde von dem Eigentlichen wegführen. Besuch uns doch auf unserem Instagram-Account. Dort ist es etwas bunter;-)

      Viele Grüße und danke fürs Feedback!
      Nora

  3. Ich habe schon so viel über Jörg Fauser gehört, aber tatsächlich noch nie ein Buch von ihm gelesen. Den „Schneemann“ kenne ich nur als Hörspiel. Liebe Grüße und noch ein schönes Langwochenende.

    1. Das war bei mir fast genauso. Von Fauser und Arjouni hatte ich noch gar nichts, von Miehe ein Buch gelesen. Dieses Pfingstspecial steht unter dem Motto: Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte…;-)

      Auch dir ein schönes Wochenende!
      Viele Grüße,
      Gunnar

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