Katarzyna Bonda | Das Mädchen aus dem Norden

„Okay, dann lassen wir das Ganze bleiben“, sagte Sasza resigniert. „Ich will euch nicht in irgendetwas reinziehen. Trotzdem wäre es klasse, wenn ihr mir die Ermittlungsakten überlassen könntet, meinetwegen auch nur für ein, zwei Tage. Wenigstens über Nacht“, fügte sie eilig hinzu.
„Du hast sie wohl nicht alle“, murmelte Duchno.
„Ich könnte euch nützlich sein – ganz unabhängig von diesem aktuellen Fall. Wirklich, ich kann euch helfen.“
„Profiling, ja?“, zischte Duchno. „Das ist hier nicht mehr das alte Polen, weißt du? Sogar wir haben uns weiterentwickelt. Wir kommen schon allein zurecht. Der Fall ist aufgeklärt – wir haben mittlerweile unseren Täter.“ (Auszug Seite 227)

Die Profilerin Sasza Załuska kehrt nach einigen Jahren an einer englischen Universität zurück nach Danzig. Dort wird sie direkt privat von dem Besitzer eines Musikclubs engagiert, der sie beauftragt, herauszufinden, wer hinter den Einschüchterungsversuchen gegen ihn steckt. Doch kaum hat Sasza mit Nachforschungen begonnen, geschieht im Club ein Gewaltverbrechen: Der Mitinhaber und Sänger Nadel wird ermordet, die Managerin überlebt schwer verletzt, kann aber der Polizei die mutmaßliche Täterin nennen. Doch Sasza misstraut der allzu schnellen Festlegung.

Die Tatverdächtige, eine Mitarbeiterin des Clubs, soll Einnahmen geraubt haben und dabei von den Opfern überrascht worden sein. Allerdings bestreitet sie die Tat, obwohl weitere belastende Indizien bei ihr gefunden werden. Doch Sasza findet heraus, dass es rund um den Musikclub einige Ungereimtheiten gibt. Offenbar sichern kriminelle Hintermänner das Überleben des Clubs und nutzen ihn zur Geldwäsche und anderen schmutzigen Deals. Es gibt also durchaus auch noch weitere Mordmotive. Und dann ist da noch dieses Lied, der große Hit des Ermordeten, „Das Mädchen aus dem Norden“, das eine ganz eigene Geschichte erzählt.

Seit unserem Osteuropa-Spezial halte ich gerne mal nach Büchern aus diesen Gegenden Ausschau. So ist mir auch Das Mädchen aus dem Norden aufgefallen. Die Autorin Katarzyna Bonda zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern Polens der letzten Jahre. Der vorliegende Titel ist der Auftakt zu einer Tetralogie um die Profilerin Sasza Załuska. Direkt am Anfang beginnt der Roman mit einer Geschichte aus dem Winter 1993, bei der sich ein paar Jugendliche in den Fängen der polnischen Mafia verstricken. Der Rest spielt genau zwanzig Jahre später und natürlich spielen die Ereignisse von damals eine entscheidende Rolle.

In seinen besten Momenten ist dieser Roman eine düstere Erzählung von Gewalt und Vergeltung und wie das organisierte Verbrechen in Polen seine Macht in den Jahren des Postkommunismus‘ ausgedehnt hat und bis heute mit guten Verbindungen zu Politik, Justiz und natürlich zur katholischen Kirche immer noch hat. Grundsätzlich reizen mich solche Romane, die auch gern etwas komplexer sein dürfen. Allerdings hat die Autorin aus meiner Sicht nicht das ideale Maß getroffen. Die Geschichte wird episch ausgewalzt, viel zu ausschweifend. Zudem verkompliziert sie manches unnötig, beispielsweise durch eine Eineiige-Zwillinge-Nummer. Auch die Figur der Profilerin Sasza Załuska ist teilweise viel zu übertrieben angelegt, nicht nur ist sie alleinerziehend und trockene Alkoholikerin, nein, ihre Tochter stammt auch noch von einem Psychopathen, dem sie bei einem Undercover-Einsatz näher gekommen ist.

So bleibt mir als Fazit von Das Mädchen aus dem Norden“ ein gemischtes Bild, stellenweise packend und interessant, aber insgesamt auch mit vielen Längen und unnötigen Verwirrungen. Am Ende wird es auch noch arg melodramatisch. Somit war es für mich diesmal nur eine mittelmäßige Lesereise gen Osten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Das Mädchen aus dem Norden | Erschienen am 6. März 2017 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-27074-9
656 Seiten | 16,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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