Yrsa Sigurdardóttir | DNA

Diese Tür ist sonst nie geschlossen.
Elísa geht auf die Tür zu, langsam und vorsichtig. Ihre Zehen kleben auf dem kalten Parkett, und die Angst wächst mit jedem Schritt. Sie legt ein Ohr an die weiße Tür. Zuerst ist nichts zu hören, doch dann schreckt sie zurück. In der Küche werden Stühle gerückt.
Was tun? Ihr Körper will zurück ins Bett kriechen und sich die Decke über den Kopf ziehen. Der nächtliche Besucher wird sicher bald aus der Küche herauskommen. Ihr Hab und Gut könnte Elísa nicht gleichgültiger sein. Der Einbrecher soll ruhig alles nehmen, was er will, wenn er sich bloß schnell aus dem Staub macht. (Auszug Seite 24)

In Reykjavik dringt nachts ein Mann in ein Familienhaus ein und überfällt eine dreifache Mutter. Während die beiden Söhne in ihrem Zimmer eingesperrt sind, muss die siebenjährige Tochter versteckt unter dem Bett miterleben, wie ihre Mutter brutal ermordet wird. Das traumatisierte Mädchen wird daraufhin in einem Kinderhaus von der Psychologin Freyja und ihrem Team behutsam befragt. Als einzige Tatzeugin schwebt die kleine Margrét eventuell auch in Gefahr. Da die Polizei in Reykjavik momentan Probleme mit ihrer derzeitigen Führungsebene hat, übernimmt der bis dahin unerfahrene Huldar erstmals die Leitung eines Mordfalls.

Die Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig, denn Freyja und Huldar kennen sich von einem kürzlich stattgefundenen One-Night-Stand. Dass Huldar sich als Tischler Jonas ausgab und am anderen Morgen einfach kommentarlos verschwand, verbessert die Stimmung nicht grade. Aber für persönliche Befindlichkeiten ist eigentlich gar keine Zeit, denn es geschieht ein weiterer Mord. Eine allein lebende, pensionierte Biologielehrerin wird auf ähnlich unvorstellbar grausame Weise getötet. An beiden Tatorten findet die Kripo schwer deutbare Zahlenbotschaften.

Obwohl die Ermittlungen auf Hochtouren laufen, können die Beamten weder Hinweise auf ein Motiv noch auf Gemeinsamkeiten zwischen den Mordfällen entdecken.
Und dann ist da noch Karl, ein junger Hobby-Funker, der kryptische Zahlenfolgen von einem isländischen Sender empfängt. Diese dubiosen Botschaften scheinen etwas mit den Morden und mit ihm zu tun zu haben und so beginnt Karl auf eigene Faust zu recherchieren.

Der aktuellen Handlung wird ein Prolog vorangestellt, in dem circa dreißig Jahre zuvor drei Geschwister durch das Jugendamt zu ihrem eigenen Schutz in unterschiedliche Familien untergebracht werden sollen. Aufgrund einer schrecklichen, nicht näher beschriebenen Familientragödie sollen die zukünftigen Adoptiveltern zum Schweigen über die Herkunft der Kinder verpflichtet werden.

Das beschauliche Island gilt seit Jahren laut Global Peace Index als die friedlichste Nation der Welt. Und waren es nicht die Isländer, die im letzten Sommer durch ihre besonders herzliche Art die ganze Fußball-Europameisterschaft in Frankreich geprägt haben? Dann frage ich mich, was in dem Kopf der Autorin vorgeht, die auch Kinderbücher schreibt und sich solch finstere Geschichten ausdenkt. Dass ein kleines Mädchen mit ansehen muss, wie ihre Mutter zu Tode gefoltert wird, war für mich schon starker Tobak und am Rande des Erträglichen. Warum muss es eigentlich in Krimis und Thrillers immer perverser zugehen, der Trend zu immer bestialischeren Morden gehen? Die Autorin erspart dem Leser zwar allzu genaue Beschreibungen der widerlichen Details, aber trotzdem hatte ich im Kopfkino grauenhafte Bilder und verstörende Szenen vor Augen.

Der Anfang ist wirklich nichts für schwache Nerven, brutal, aber auch gut erzählt. Yrsa Sigurdardóttir gelingt es hervorragend, eine spannende, beklemmende Atmosphäre zu kreieren. Vielleicht hat es mich auch so angefasst, weil der Mörder die Frauen in ihren eigenen vier Wänden überfällt, in denen man sich ja eigentlich sicher und geborgen fühlen sollte. Den Fokus legt sie in ihrem flüssig geschriebenen Reihenauftakt auf einen genial konstruierten und intelligenten Plot. Sie nimmt sich auch viel Zeit, ihre Figuren dem Leser vorzustellen, trotzdem bleiben ihre Beschreibungen für mich nur an der Oberfläche, zum Beispiel erfährt man, dass Huldar sich das Rauchen abgewöhnt und ständig Nikotinkaugummis kaut. Einen großen Raum nehmen seine Frauengeschichten ein. Aber da DNA der Auftaktband zu einer neuen Serie um den Kriminalkommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja sein soll, lernen wir die Charaktere bestimmt noch besser kennen. Ich sehe bei beiden durchaus Entwicklungspotential. Die privaten Kinkerlitzchen zwischen ihnen lockern den düsteren Stoff ein wenig auf, auch wenn es die Handlung ein ums andere Mal etwas verschleppt.

Am genauesten wird noch das Innenleben von Karl beleuchtet. Seit seine Adoptivmutter verstarb, fühlt sich der junge Chemiestudent, der nur zwei enge Freunde hat, sehr einsam. Auch zu seinem Bruder hat er keine enge Beziehung und seit dieser im Ausland lebt, kaum noch Kontakt. Sein großes Hobby ist der Amateur-Funk, den er mit großem Equipment im Keller betreibt.

Das aus verschiedenen Perspektiven erzählte Handlungsgeflecht ist voller Überraschungen und Wendungen, an einigen Stellen etwas konstruiert. So ist es zum Beispiel unwahrscheinlich, dass ein Nerd wie Karl die seltsamen Zahlenfolgen eher entschlüsselt als die Experten von der Kripo.

Die Auflösung hat mich als versierten Krimileser dann wirklich überrascht. Man vermutet die ganze Zeit, dass die Mordserie mit den Geschehnissen in der Vergangenheit zusammen hängt, aber auf die Lösung wäre ich nie gekommen, obwohl die Hinweise da waren und es auch logisch und konsequent aufgelöst wird. Trotz der angesprochenen Kritikpunkte empfand ich einen großen Lesegenuss. Ein absoluter Hingucker war für mich das aufwendig gestaltete Cover, das das Grauen des Thrillers gut wiedergibt. Auf weißem Grund prangen über Namen und Buchtitel zwei Streifen erhabenes, mit Blutspritzern versehenes Gaffa Tape.

Yrsa Sigurdardóttir wurde 1963 geboren. Die studierte Bauingenieurin übt ihren Beruf weiter aus. Auch als 2005 ihr erster Kriminalroman um die Anwältin Dora Gudmundsdottir erscheint. Eine Reihe, die sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut. In vielen ihrer Bücher ist ihre Affinität für das Mystische zu spüren.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

DNA | Erschienen am 26. September 2016 im btb Verlag
ISBN 978-3-44275-656-8
480 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Buchtrailer

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Ein Gedanke zu “Yrsa Sigurdardóttir | DNA

  1. Ich finde es auch immer amüsant, wie die Schauplätze in Skandinavien etc. in Krimis immer zu totalen Kriminalitäts-Hochburgen gemacht werden. Ich glaube in Island ist vor kurzem erst der erste Mord seit Jahren passiert und in Büchern werden die Leute da immer reihenweise umgebracht :D

    Ich habe „DNA“ auch vor ein paar Wochen gelesen und fand es gut, hatte aber so meine Anlaufschwierigkeiten, weil die Story sich doch eher ruhig entwickelt und ich mit den beiden Protagonisten bisher noch nicht wirklich viel anfangen konnte. Die Auflösung fand ich aber auch sehr überraschend und gelungen und ich freue mich schon auf den zweiten Band!

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