Mark Billingham | Die Lügen der Anderen

„Sie ist einfach losgegangen … so muss es gewesen sein … hab schon überall nach ihr gesucht und … sie geht nie weit weg … das würde sie nie machen.“
„Können Sie bitte noch mal die Anschrift wiederholen?“
„Herrgott! Sie müssen sofort herkommen, hören Sie?“
„Bitte versuchen Sie, die Ruhe zu bewahren, Ma’am.“
„Bitte! Sie müssen wissen, dass sie Probleme hat, hören Sie? Sie … sie ist geistig behindert. O Gott … sie vertraut jedem. Verstehen Sie? Einfach jedem …“ (Auszug Seite 75)

Drei britische Paare lernen sich im Urlaub in Florida kennen. Im Pelican Palms Resort verbringen sie eine unbeschwerte Zeit, bis am letzten Tag das spurlose Verschwinden eines kleinen Mädchens aus der Club-Anlage die Urlaubsfreude trügt.

Die Polizei befragt bei ihren Ermittlungen auch die sechs britischen Touristen, die alle über stichhaltige Alibis verfügen und zum Auffinden der dreizehnjährigen, lernbehinderten Amber-Marie nichts beitragen können. Währenddessen weigert sich ihre Mutter Patti Lee, in ihre Heimat zurückzukehren und verbringt ihre Tage verzweifelt am Pool. Zurück in Großbritannien lassen die sechs Briten den Kontakt nicht abreißen und laden sich gegenseitig zu sich nach Hause ein. Das verschwundene Mädchen ist natürlich Hauptgesprächsthema, besonders als das Kind ermordet in den Mangrovensümpfen in Florida aufgefunden wird.

Detective Jeffrey Gardner arbeitet bei der Aufklärung des Falles mit den englischen Behörden zusammen, und bittet die Aussagen der englischen Touristen routinemäßig noch mal zu verifizieren. In Großbritannien wird diese Routinearbeit der jungen Trainee Detective Constable Jenny Quinlan übertragen. Doch die ambitionierte Jenny übernimmt diese Aufgabe mit sehr viel Ehrgeiz, da sie sich noch profilieren möchte. Aber erst als in Kent nahe London ein ebenfalls geistig zurückgebliebenes Mädchen unter ähnlichen Umständen verschwindet, geraten die sechs in den Fokus der Ermittlungen. Es stellt sich heraus, dass alle es mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben, aber ist einer von ihnen der Täter?

Den Haupterzählstrang bilden die drei Dinnereinladungen, die reihum stattfinden, unterbrochen von Rückblenden in den Urlaub. Anhand der abwechselnden Beschreibungen der einzelnen Figuren erfährt man das Geschehen und ist dabei der Gedankenwelt der Protagonisten sehr nahe. Im Mittelpunkt stehen nicht so sehr die Verbrechen oder die Ermittlungen, sondern das Hauptaugenmerk liegt auf den Interaktionen der Personen. Viel interessanter ist es zu beobachten, wie die Charaktere miteinander agieren und welche Lügen sie sich gegenseitig erzählen.

Mark Billingham ist ein Meister im Beobachten und Vermitteln von Verhaltensmustern. Die einzelnen Figuren wirken lebendig und glaubhaft und nehmen immer mehr Konturen an. Da ist Angie, Hausfrau und Mutter, ein bisschen tratschig, leidet sie wie ihr Ehemann Barry unter Übergewicht, einem leicht aufbrausenden Bauunternehmer mit eigener Firma. Dann die tolerante Lehrerin Sue, scheinbar demütig ihrem Mann Ed gegenüber, der machohaft und großmäulig nicht verlieren kann. Marinas Traum ist die Schauspielerei, mit ihrem Freund Dave, einem eigenartigem Nerd und Spieleerfinder ist sie noch nicht so lange zusammen.

Bei den üblichen Sticheleien und Frotzeleien erfahren die Paare immer mehr über ihre neuen Urlaubsbekanntschaften und ertappen sich beim Lügen. Mal bei kleineren, mal bei größeren Lügen. Es wird gelogen, wenn es um die Partnerschaft oder die Familie geht, es wird die Unwahrheit erzählt über den Beruf oder über den Sex. Jeder hat was zu verbergen und zeigt nur zögerlich sein wahres Gesicht.

Der Autor zeigt ein psychologisches Bild der menschlichen Schwächen und streut dadurch gekonnt Argwohn und Misstrauen in die Szenen. Dies fördert den Aufbau subtiler Spannung. Trotzdem fehlte mir auf weite Strecken der Thrill. Denn das Unaufrichtige, Heuchlerische und Unredliche der Protagonisten, welches wir größtenteils in vielen Dialogen erfahren, fand ich schon sehr ermüdend und unerfreulich. Wirklich sympathisch sind eigentlich nur die beiden Beamten.

So regelten sie die Dinge. Sue nahm an, dass das wohl bei allen Paaren von Zeit zu Zeit so war. Es gab immer etwas, worüber man sich stritt. Irgendetwas köchelte, funkte, flog ihnen immer mal wieder um die Ohren, doch man musste es beiseiteschieben, um überhaupt weitermachen zu können. Jedes Mal bekamen sie einen Kratzer, die Stiche schmerzten immer ein klein wenig mehr, und sie lebten mit dem Schaden, bis dieser irreparabel wurde. (Auszug Seite 285)

Bei dem handwerklich soliden Psychothriller Die Lügen der Anderen handelt es sich mehr um eine Charakterstudie über das Verhalten ganz normaler Menschen, praktisch den Leuten von nebenan. Der Autor wirft sehr geschickt einen ungeschönten Blick hinter die Fassade der Mittelschicht und damit einen intelligenten, einfühlsamen Einblick in die Psyche verschiedenster Charaktere.

Dazwischen gibt es immer wieder Kapitel, in dem der Mörder selbst zu Wort kommt und eine Rechtfertigung und Erklärung für seine Taten liefert. Diese Einschübe liest man natürlich mit besonderer Aufmerksamkeit und macht sich Gedanken zu Motiv und Täter. Leider fand ich den Antrieb für die Taten dann etwas weit hergeholt.

Erst mit dem Erscheinen der britischen Beamtin Jenny Quinlan wechselt das Kammerspiel zu einem klassischen Whodunnit und fordert die Rätselinstinkte des Lesers. Gespannt verfolgt man, wie das ganze beim letzten Dinner auf eine Katastrophe zusteuert.

Mark Billingham wurde 1961 in Birmingham geboren und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in London und Florida. Im englischen Fernsehen ist der Autor auch als Komiker bekannt. Er arbeitete als Schauspieler und schrieb Drehbücher. Der studierte Theaterwissenschaftler ist vor allem mit seiner Reihe um den Ermittler Tom Thorne berühmt geworden, der in dem vorliegendem Psychothriller auch einen kleinen Cameo-Auftritt hat. Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Serie wurde von der BBC mit David Morrissey in der Titelrolle verfilmt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Die Lügen der Anderen | Erschienen am 8. Februar 2016 bei Heyne
ISBN 978-3-45343-833-0
416 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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