Sven Heuchert | Dunkels Gesetz

Dunkel nickte. Er spürte ein Pochen in der Wunde, wie es im Fleisch arbeitete.
„Ich verbinde das noch“, sagte sie und tauchte den Lappen in der Schüssel aus und entrollte eine Mullbinde. Sie wickelte das Verbandszeug lose um ihre Faust und formte eine Kompresse. „Sie sollten die Gegend verlassen.“ Die Alte klebte zwei breite Streifen Fixierpflaster über die Mullbinde. „Das Land hat kein Gewissen. Wenn man den Menschen ihre Träume nimmt, dann haben sie auch kein Gewissen mehr.“ (Auszug Seite 155)

Richard Dunkel, ein ehemaliger Söldner, verschlägt es irgendwo ins entlegene Rheinland nahe der belgischen Grenze. Ein alter Kumpel verschafft ihm einen Job als Sicherheitsmann, der eine zur Zeit stillgelegte Blei- und Zinkgrube bewachen soll. Dort ist vor kurzem ein Junge tot aufgefunden worden, offiziell abgestürzt. Doch Dunkel merkt schnell, dass in der Ortschaft Altglück illegale Dinge vor sich gehen und kann nicht anders, als sich einzumischen.

Einzige Infrastruktur in Altglück scheint die Tankstelle von Achim zu sein, ein heruntergekommene Bude weit ab vom Schuss. Achim fühlt sich zu kurz gekommen und träumt mit zwei Kumpeln vom großen Reibach, indem er eine Drogenküche auf dem Grubengelände aufbauen will. Achim hat eine neue Freundin. Auch sie ist abgebrannt, gescheiterte Beziehungen hinter sich und sucht auf dem nahe gelegenen Autohof nach Freiern, wobei sie auf Dunkel trifft. Sie hat ihre 16-jährige Tochter Marie bei sich, auf die Achim insgeheim mehr als nur ein Auge geworfen hat. Dunkel kann sich den Vorgängen nicht verschließen, greift ein und beschwört eine Gewaltreaktion herauf.

Anfang diesen Jahres, der Polar Verlag hatte gerade drei bis vier Country Noirs in Serie veröffentlicht, habe ich unter einem Beitrag beim Schneemann einen Kommentar geschrieben, dass ich auf europäische Country Noirs warte. Meine Worte damals: „Wenn ich ein paar Grundelemente herauspicke, die ich mit einem Country Noir verbinde, wie abgehängte, ländliche Räume, symbolhafte Landschaft, unterprivilegierte Menschen, Gewalt, Kriminalität, Fatalismus, dann behaupte ich mal, dass das auch in Europa funktioniert.“ Und siehe da, meine Worte wurden erhört.

Dunkel beschleunigte. Seitdem er von der Bundesstraße abgebogen war, hatte sich die Gegend nicht verändert. Brachliegende Felder, umsäumt von dichtem Nadelwald. Hin und wieder stand am Straßenrand ein zweistöckiges Haus mit fehlenden Dachziegeln und abgeplatztem Lack an Türen und Fensterrahmen. Danach kilometerland Einöde. Er sah keinen einzigen Menschen. In der kalten Luft der Geruch von Dung und Verwesung. Auf einer Anhöhe Getreidesilos, die Metallwände voller Vogeldreck, auf dem Zufahrtsweg lagen zerstochene Autoreifen. (Seite25)

Was mich sofort begeisterte, war der „Sound“ dieses Romans. Heucherts Schreibe ist verknappt, es wird wenig erklärt, dabei liegt der Fokus auf Situationsbeschreibungen und vor allem den Dialogen. In diesen ist die Sprache rau, rheinländisch, teilweise Jargon, aber stimmig und authentisch. Auch die Figuren überzeugen: Richard Dunkel ist ein Einzelgänger und desillusionierter Typ, Ex-Söldner, der seine große Liebe im Bürgerkrieg in Ruanda verloren hat. Achim als lokaler, gewalttätiger Maulheld, ein zu kurz Gekommener, der nun dick ins Geschäft einsteigen will, sich in Wahrheit aber nur in Abhängigkeit zur regionalen Größe Falco begibt. Marie und ihre Mutter, die ähnlich wie Dunkel eine schmerzhafte Vergangenheit hinter sich hat und nun in der Beziehung zu Achim einem weiteren Tiefpunkt entgegensteuert. Aber auch die Nebenfiguren sind hervorragend angelegt. Beim Plot hatte ich allerdings das Gefühl, dass da durchaus noch Luft nach oben gewesen wäre. Es geht anfangs nicht unbedingt temporeich zu, teilweise plätschert es auch etwas dahin, erst zum Ende wird die Intensität gesteigert.

Autor Sven Heuchert erlangte vor zwei Jahren mit seinem Debüt, dem Erzählband „Asche“, einige Beachtung. Auf seiner Homepage hat er mit folgenden Worten seine Vita formuliert: „Geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Lehre, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte „Zinn 40“ noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Keine Preise.“ Letzteres könnte sich perspektivisch durchaus ändern, ein überzeugendes Romandebüt hat Heuchert jedenfalls vorgelegt. Dunkels Gesetz ist ein richtig guter Noir aus der deutschen Provinz. Das ich das noch erleben darf!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Dunkels Gesetz | Erschienen am 14. Juli 2017 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-783-55008-178-1
187 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Extra: Fragebogen mit Sven Heuchert

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6 Gedanken zu “Sven Heuchert | Dunkels Gesetz

  1. Ich hatte ihn eigentlich schon von meinem Wunschzettel gestrichen, aber Deine klasse Rezi lässt mich da doch nochmal umdenken. Wirklich gut geschrieben und mir erfolgreich den Mund wässrig gemacht.

    1. Ja, aber ich halte es da am ehesten mit Dir, da wir doch geschmackstechnisch den höchsten gleichen Nenner haben. Und Deutscher Noir – das muss ich einfach ausprobieren. ;-)

  2. Hab vorhin schon Peters Besprechung gelesen und wollte nun noch deine ergänzen. Sehr spannend, eure Einschätzungen! Hatte über die Zitate von Thomas Wörtche und dem Kaffeehaussitzer schon gestaunt, weil die so gegenübergestellt so großartig konträr sind und so spannend das alles ist, wie unterschiedlich ihr alle den Roman einschätzt, ich passe. :D Mich kann hier nicht mal die Kontroverse locken, in das Buch reinzulesen. Verknappte Sprache mag ich zwar, und vielleicht verpasse ich was, aber dafür schaue ich dann lieber, wie sich die Meinungen der Leserschaft so verhalten. :)

    1. Ja, wirklich spannend, die Meinungsunterschiede sind hier echt enorm. Aber ich habe an anderer Stelle schon geschrieben, dass ich es überhaupt gut finde, dass sich mal jemand an einen deutschen Country Noir wagt.

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