Antonin Varenne | Die Treibjagd

Der Alte fuhr einen uralten verbeulten und schmutzigen Citroën C15. Er stieg aus und richtete sich langsam auf. Schon ein halbes Jahrhundert trug er diese kakibraune Kunststoffhose, wasserdichte Stiefel und dieselbe Arbeitsjacke. […] Dennoch wussten diejenigen, die ihn kannten, Bescheid: Paul Courbier war der schlauste und durchtriebenste Geschäftsmann der Region, vergleichbar nur mit dem alten Messenet. Die beiden Alten hatten die Hälfte der kleinen Höfe der Gegend aufgekauft. Paul Corbiers Wort, so hieß es, war nur in einem einzigen Fall von Wert: wenn er geschworen hatte, jemandem den Garaus zu machen. (Auszug Seite 85)

Eine kleine Stadt im Zentralmassiv: Zwei rivalisierende Familienclans kontrollieren das Gemeinwesen. Nur wenige sind nicht einer der beiden Seiten zuzuordnen, unter anderem der Revierjäger Rémi Parrot. Mit dem Verschwinden eines Umweltschützers und Freund Parrots kurz vor der jährlichen Treibjagd wird eine Kette an Ereignissen in Gang gesetzt, die den Ort bis in die Grundfesten erschüttern werden.

Die Fronten sind in der Stadt R. geklärt: Den Courbiers gehören die Wälder und der holzverarbeitende Betrieb, den Messenets gehören die Weideländer. Damit bestimmen diese beiden Familien in der strukturschwachen Region die wirtschaftlichen (und letztlich auch die sozialen) Geschicke. Diese Macht kosten die Clans dann auch reichlich aus, samt ständiger Rivalitäten. Doch es herrscht Unruhe im Ort, seitdem Umweltschützer Sabotageakte verüben und ein Sinticlan Wilderei betreibt. Der verschwundene Umweltschützer wird schließlich auch tot aufgefunden und es wird nicht die letzte Leiche bleiben.

Der Revierjäger Rémi Parrot lebt in einer Hütte in den Wäldern auf dem letzten Stück Land, das seiner Familie geblieben ist, seitdem sie systematisch von den beiden Clans ruiniert wurde. Damals vor zwanzig Jahren musste Rémi seinem Vater auf dem landwirtschaftlichen Hof helfen. Bei einem Unfall mit einer Maschine wurde Rémi schwer verletzt, eine Gesichtshälfte ist seitdem entstellt. Aus dieser Zeit rührt auch seine Liebe zu Michèle Messenet. Aufgrund seiner Verletzung und jahrelanger Krankenhausaufenthalte zerbrach die Beziehung, Michèle verließ die Stadt. Rémi blieb und führt mehr oder weniger ein Leben als Einzelgänger. Wegen seiner Verletzung nimmt er starke Schmerzmittel und ist tablettenabhängig – und doch ist der Schmerz sein ständiger Begleiter. Er hat den Status Quo in der Stadt nie in Frage gestellt, doch nun ergibt sich eine neue Situation: Michéle ist nach vielen Jahren zurückgekehrt und durch Unterlagen seines getöteten Freundes kommt Rémi einem Umweltskandal auf die Spur, in den beide Familien verwickelt sind.

Autor Antonin Varenne ist in Frankreich bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Auf Deutsch sind neben Die Treibjagd noch sein erfolgreichstes Buch „Fakire“ und Die sieben Leben des Arthur Bowman erschienen. Varenne lebt im Departement Creuse, in dem dieser Roman auch spielt. Der Nordwesten des Massif Central ist ein sehr ansprechender Schauplatz. Varenne bringt dies exzellent zur Geltung, besonders hervorheben möchte ich den Auftritt einer Wildschweinrotte an zwei Stellen des Buches. Er beschreibt eine reizvolle, aber durchaus auch raue Landschaft, die allerdings auch starkem ökonomischem Druck ausgesetzt ist. Ebenso überzeugt auch die Darstellung der Kleinstadt R., die wirtschaftlich darnieder liegt, wo der Filz wie ein Krebsgeschwür wuchert und wo offenbar auch die Geschäfte der beiden Clans nicht mehr so laufen wie früher.

„Sie und Mademoiselle Messenet haben mich zwar belogen, mir aber auch die Augen geöffnet, was hier geschehen ist. Wie für fast alle, die ich befragt habe, gilt auch für Sie, dass ihre Antworten die Situation ebenso sehr erhellten wie in einen Nebel hüllten, in dem die Wahrheit nicht mehr auffindbar ist. Ich habe Leute befragt, die verdächtigt wurden, Verbrechen begangen zu haben, die sie nicht begingen […] – obwohl sie zweifellos für andere Dinge verantwortlich sind, von denen wir nie mehr etwas hören werden. Ich habe noch nie so viele Lügen gehört, so viele Feinde verhört, die sich gegenseitig decken. Bis zu dem Punkt, an dem es unmöglich und absurd wird, zwischen guten und bösen Absichten zu unterscheiden.“ (Seite 235)

Der Autor schafft es, durch seine Erzählweise und den reizvollen Aufbau des Buches, die Spannung und Intensität noch zu steigern. Er erzählt nicht chronologisch, sondern streut immer wieder Kapitel ein, in denen Michèle Messenet und Rémi Parrot vom Polizeichef Vanberten befragt werden und so zusammen mit den Kapitelüberschriften weitere Ereignisse andeutungsweise vorwegnehmen.

Bestechend an diesem Buch ist auch die Zeitlosigkeit. Obwohl es im Jahre 2012 spielt, kann man die Thematik und den Plot problemlos um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte zurückversetzen. Antonin Varenne gelingt es in diesem französischen „Country noir“ sehr eindrucksvoll, die Themen Liebe, Macht, Wut und Rache zu einer kraftvollen, düsteren und melancholischen Geschichte zusammenzubringen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Die Treibjagd | Erschienen am 13. Juni 2017 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10156-7
304 Seiten | 10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit …Krimis aus Frankreich.

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2 Gedanken zu “Antonin Varenne | Die Treibjagd

  1. „Die Treibjagd“ steht natürlich auch bereits in meinem Regal, allein die knappe Lesezeit verhindert auch hier eine zeitnahe Lektüre. Als ich letztens von der Buchmesse wieder mit dem Zug gefahren bin, merkte ich wie sehr es mir bei meinem alten Job entgegen kam, mit der Bahn fahren zu müssen. Soviel wie früher werde ich wohl nie wieder lesen können. Nun – bleibt die Hoffnung auf anhaltende Gesundheit und ein ruhiges Rentnerleben. Wenn wir sowas wie Rente noch kriegen … ;-) – Übrigens; Mal wieder (man kennt es ja von Dir nicht anders) eine sehr gelungene Besprechung!

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