Leena Lehtolainen | Schüsse im Schnee

Tief im Wald liegt das verwunschene Anwesen Loberga Gård. Im Winter, wenn große Schneemassen fallen, ist das Herrenhaus gelegentlich von der Außenwelt abgeschnitten. Das Gerücht, es würde dort spuken, passt zu diesem Ort. Niemand wundert sich, als die zweiundneunzigjährige Besitzerin des Hauses, Lovisa Johnson, sich bedroht fühlt. Sie heuert Hilja Ilverskero als Bodyguard an, die ihre Berichte von angeblichen Anschlägen auf ihr Leben nicht ganz ernst nimmt. Doch als sie auf Loberga Gård eintrifft und der illustren Schar von Lovisas Erben begegnet, weiß sie, dass sie einen Job zu erledigen hat.

Schüsse im Schnee entführt ins tief winterliche Finnland, genauer gesagt in die Umgebung von Raaseport und schildert den neuesten – inzwischen vierten – Fall der Leibwächterin Hilja Ilveskero.

Sie wird von der 92-jährigen Lovisa Johnson, die nur mit ihrer Haushälterin Dunja auf dem abseits gelegenen Landgut Loberga Gard lebt, als Bodyguard engagiert. Lovisa glaubt, dass bereits mehrfach Anschläge auf ihr Leben verübt wurden. Zuletzt wurde ihr eine Schachtel mit Pralinen zugesandt, die – sonst bei dieser Marke nicht vorhandenen – Haselnüsse enthielt, gegen die Lovisa hoch allergisch reagiert. Der Absender war angeblich ihr Großneffe Johannes, der jedoch energisch bestreitet, die Schachtel versandt zu haben. Die von Lovisa hinzugezogene Polizei konnte keinerlei Fingerabdrücke an der Schachtel oder dem Papier feststellen, eine Ermittlung war somit vorerst nicht möglich.

Alle bisherigen Vorkommnisse lassen Lovisa darauf schließen, dass ein Mitglied ihrer Familie, bestehend aus den Großnichten und -neffen Raisa, Aurora, Sampo (Geschwister) und Johannes, ihr nach dem Leben trachtet. Daher soll Hilja, getarnt als Sekretärin, die eine Biografie über Lovisa schreibt, für ihre Sicherheit sorgen und möglichst herausfinden, wer der Täter ist.

Bereits bei der Hinfahrt, kurz vor Loberga Gard, wird auf das Auto von Hilja geschossen. Da ihre Ankunft eigentlich keinem bekannt war, wird Wilderei vermutet. In einem ausführlichen Eingangsgespräch erfährt Hilja, dass Lovisa Johnson kurz nach dem Krieg eine einflussreiche Industrielle war, die sich nicht nur Freunde machte. Auch nach einem Interview zu ihrem neunzigsten Geburtstag, in dem sie darauf hinwies, dass einige finnische Männer es Frauen im Berufsleben immer noch schwer machen, wurde ihr anonym im Netz und durch Briefe gedroht. Trotz allem ist Lovisa aufgrund der bisherigen Vorfälle davon überzeugt, dass nur ein Familienmitglied ihr gefährlich werden kann.

Hilja verstärkt als erstes die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen, erschwert wird ihre Arbeit allerdings dadurch, dass Lovisa weiterhin allen Neffen und Nichten selbstverständlich Zutritt zu ihrem Haus gewährt. Auch nachdem Hilja mit allen außer der Nichte Raisa, die sich in Russland aufhält, bekannt gemacht wurde, bleiben zunächst nur Vermutungen, keiner erscheint auf Anhieb verdächtig. Zusätzlich kompliziert wird ihre Arbeit, als Johannes, der als Arzt für Flüchtlinge arbeitet, Sergej, einen jungen Russen, der illegal nach Finnland gekommen ist, in Loberga einquartiert. Dort soll er bleiben, bis ein Weitertransport nach Norwegen organisiert ist. Natürlich darf Sergej von keinem gesehen werden, bei jeder Ankunft eines Außenstehenden ist somit Versteckspielen angesagt.

Richtig schwierig wird es, als Hilja beim abendlichen Joggen auf der Straße nach Loberga von einem Auto fast erfasst wird, dass jedoch kurz danach auf einen Baum prallt. Als Hilja am Auto ankommt, ist der Fahrer bereits tot. Nachdem sie die Polizei und den Rettungswagen angefordert hat, untersucht sie die Aktentasche des Toten auf Hinweise nach seiner Identität: Es handelt sich um Leo Priha, den Ehemann von Lovisas Nichte Raisa, dessen Ankunft von Raisa bereits angekündigt wurde. Doch warum fuhr er ein Auto ohne Kennzeichen, und was war der Grund für den Unfall? Natürlich kommt anschließend auch Raisa auf das Landgut, somit wären alle Verdächtigen nun im engeren Umfeld vorhanden.

Die Autorin Leena Lehtolainen macht es dem Leser wirklich nicht einfach, unter den Familienmitgliedern den Täter zu vermuten: Raisa lebt mit ihrem Mann Leo in Russland und ist dort auch geschäftlich tätig, Aurora versteht sich als Heilerin und Medium, Sampo arbeitet bei einem Sicherheitsdienst und ist Mitglied bei den „Söhnen Finnlands“, einer nationalistischen Gruppierung, und Johannes ist als Arzt für Asylbewerber (und manchmal auch für illegal eingewanderte Flüchtlinge) tätig.

Eine Rolle spielt auch der Familienfriedhof, hier gibt es den Grabstein einer jungen Frau, zu der es anscheinend keine genaueren Erkenntnisse gibt, der aber, obwohl mehrfach aufgerichtet, immer wieder umfällt; spukt es etwa auch noch? Könnte man fast vermuten, zumal Hilja eines Nachts das Gefühl beschleicht, eine fremde Frauengestalt im Treppenhaus gesehen zu haben. Und was besagt der Umstand, dass bereits im Krieg Flüchtlinge einen Unterschlupf in Loberga fanden?

Die Handlung bleibt spannend bis zum Schluss, der Leser kann sich auf einige  Überraschungen gefasst machen. Der Plot ist zudem sehr vielschichtig aufgebaut, es ergeben sich durch die Schilderungen der Vorgeschichten immer wieder neue Sichtweisen auf die handelnden Personen. Auch die Lebensumstände von Hilja werden immer wieder in die Handlung mit einbezogen. Man findet hier eine Person beschrieben, die gerne in andere Rollen schlüpft und vor allem ihre Freiheit liebt, was nicht immer einfach für ihre nähere Umgebung ist. Für ihre Auftraggeber ist sie aber in jedem Fall mit vollem Körpereinsatz dabei.

Interessant finde ich auch die Schilderung der Auftraggeberin Lovisa Johnson. Man erkennt eine Frau, die sowohl im Krieg als auch anschließend als Unternehmerin unerschrocken ihre Position behauptet hat und trotz ihres Alters noch fit und geistig rege ist und durchaus weiß, was sie will. Auch auf das Thema Flüchtlinge geht die Autorin ein, denn auch in Finnland scheint es die hier bekannten Reaktionen – teilweise bis hin zu den Hassausbrüchen auf unerwünschte, als illegal bezeichnete Personen, die in diesem Buch von den Söhnen Finnlands regelrecht gejagt werden – zu geben. Auch die Nähe zu Russland wird immer wieder thematisiert.

Fazit: Eine spannende Handlung, interessante Schilderungen des Handlungsortes, seiner Umgebung und der Vorgeschichte der Protagonisten1! Leena Lehtolainen hat sich einiges einfallen lassen, um den Leser zu fesseln. Gut geeignet für Liebhaber von nordischen Krimis.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

 

Schüsse im Schnee | Erschienen am 19. Mai 2017 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-40687-9
384 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Eisige Tatorte.

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