Melanie McGrath | Im Eis

„Ich würde dich nicht bitten, wenn ich keine Hilfe brauchte.“ Ihre Miene war plötzlich wild, sie packte sein Gesicht und schüttelte es. „Hast du vergessen, wer wir sind? Inuttigut. Wir sind Inuit. Wir bewohnen eine Stätte, die übersät ist mit Knochen, mit Seelen, mit Erinnerungen an Vergangenes. Hier stirbt nichts, hier verrottet nichts, Knochen nicht, Plastik nicht, Erinnerungen nicht. Wir leben inmitten unserer Geschichten. Das ist ein Geschenk. Anders als der größte Teil der Welt können wir unseren Geschichten nicht entkommen, Derek.“ Sie nahm seine Hand. „Wir müssen wissen, wie Joes Geschichte ausgeht. Deswegen müssen wir ihn ausgraben.“ (Auszug Seiten 390-391)


Die Inuk-Frau Edie Kiglatuk ist eine erfahrene Jägerin und wird daher regelmäßig für Jagdausflüge im Süden der arktischen Ellesmere-Insel gebucht. Bei einem dieser Ausflüge mit zwei Amerikanern wird einer der Männer von einer Kugel tödlich verwundet. Die Dorfgemeinschaft und insbesondere der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Autisaq wollen eine offzielle Untersuchung vermeiden, so dass der Tod als Unfall abgehandelt wird. Edie beugt sich, kann dies aber nur schwer akzeptieren.

Wenige Wochen später wird sie erneut engagiert, diesmal zusammen mit Joe, dem Sohn ihres Ex-Partners. Mit dabei ist auch wieder der überlebende Amerikaner des vorherigen Ausflugs. Doch als dieser in einem Schneesturm vermisst wird und Joe völlig entkräftet und verwirrt zurück ins Dorf kehrt und kurz darauf offenbar mit Tabletten Selbstmord begeht, ist Edie voller Trauer und Wut fest entschlossen, die Ungereimtheiten nicht länger zu ignorieren und der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Hintergrund

Die Autorin Melanie McGrath arbeitet als Journalistin für diverse britische Zeitungen. Als Schriftstellerin begann sie zunächst als Sachbuchautorin. In ihrem 2006 erschienenen Buch „The Long Exile“ beschreibt McGrath ein Umsiedlungsprogramm der kanadischen Regierung Anfang der 1950er Jahre von einigen Inuitfamilien aus der nördlichen Provinz Quebec in die Arktis. Damals wollte die Regierung mit der Umsiedlung unter anderem die Besitzansprüche in der Arktis zementieren. Ein heute sehr umstrittenes Projekt, denn die Familien wurden in ein für sie unbekanntes Terrain versetzt und die versprochene Unterstützung war nicht ausreichend. Diese Hintergrundrecherchen nutzte McGrath zur Konzeption einer Krimiserie mit der Inuk Edie Kiglatuk. Edies fiktives Heimatdorf Autisaq ist deutlich angelehnt an den damals im Zuge der Umsiedlung gegründeten Ort Grise Fiord an der Südspitze von Ellesmere Island. Im Eis ist der Auftakt einer Trilogie, der zweite Teil heißt Zeichen im Schnee, der dritte Teil The Bone Seeker wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Ausnahmsweise beginne ich mal mit dem Aspekt, der mich nicht ganz überzeugt hat: Der Plot. Es geht, so viel darf ich verraten, in diesem Roman natürlich um die Ausbeutung der Arktis, die Gier nach Bodenschätzen. Das allein bietet schon ausreichend Stoff. Doch letztlich spielen weitere Motive eine Rolle bei den gewalttätigen Ausbrüchen in diesem Buch. Dadurch wird der Plot aus meiner Sicht unnötig verkompliziert und es leidet meiner Meinung nach auch ein bisschen die Plausibilität. Man hätte es etwas stringenter und präziser erzählen können.

Die Jägerin

Überzeugend ist hingegen die Wahl der Protagonistin. Die Inuk Edie Kiglatuk ist eine Frau in den Dreißigern, die als Hilfslehrerin und Führerin für (Jagd-)Expeditionen arbeitet. Sie lebt getrennt von ihrem Ex-Mann Sammy. Besonders zu dessen Sohn Joe hat sie noch ein sehr enges Verhältnis. Edie ist eine Außenseiterin in Autisaq, sie ist eine selbstbewusste Frau und eine exzellente Jägerin, was von den Dorfältesten und insbesondere vom Macht bewussten Bürgermeister Simeonie misstrauisch gesehen wird. Sie hatte wie so viele ein Problem mit zu viel Alkohol, das sie eigentlich in den Griff bekommen hat. Aber angesichts des Todes von Joe bricht eine gewisse Depression und auch ihr Alkoholproblem wieder auf. Letztlich überwindet sie ihre Depression und Lethargie, indem sie alles daran setzt, die Verantwortlichen für diese Tode zu ermitteln. Dabei ist ihr trotz einiger Widerstände der verantwortliche Polizist vor Ort, Derek Pallister, behilflich. Edie Kiglatuk erweist sich als optimale Hauptfigur, eine starke, widerspenstige Frau mit großem Herz, ihren kleinen Fehlern und inneren Dämonen.

Die Arktis

Bei den Einheimischen hieß es, der Unterschied zwischen Inuit und Südlern sei, dass Südler Eis für gefrorenes Wasser hielten, während Inuit wussten, das Wasser nur geschmolzenes Eis war. (Seite 145)

Ein großer Pluspunkt des Romans ist außerdem sein Schauplatz. Ellesmere Island gehört zu den größten Inseln der Welt und ist gleichzeitig einer der einsamsten Orte. In der Sprache der Inuit heißt die Insel Moschusochsenland. Es ist eine Kältewüste mit Stein, Geröll und Eis, umgeben von arktischen Gewässern mit mächtigem Schelfeis (allerdings wird die Erderwärmung und die Klimaveränderung immer wieder im Buch nebenbei thematisiert). Eine imposante Landschaft, aber McGrath hat dieses Buch bewusst aus Sicht der Einheimischen geschrieben, um die Umgebung nicht zu verklären. Bei aller Bewunderung für die Landschaft ist immer klar, dass dies hier ein gefährlicher, feindseliger Ort ist.

Die Autorin gibt zudem einen Einblick in die Lebenswelt der Inuit, die hier mühselig ihr Dasein fristen und sich im Buch immer mal wieder abfällig über die qalunaat, die Menschen aus dem Süden, äußern, die sich selbst bei gutem Willen nicht wirklich in die Lebensumstände der Einheimischen hineinversetzen können. Diese sind im Wesentlichen durch die äußeren Gegebenheiten beeinflusst. Der Autorin spart nicht aus, dass es zahlreiche Probleme in der dörflichen Inuit-Gemeinschaft gibt: Armut, Verwahrlosung, Alkohol, Drogen. Dennoch gibt sie den Inuit ein Gesicht und letztlich über Edie und Derek auch das Heft des Handelns in die Hand.

Das ist alles sehr überzeugend beschrieben, immer wieder sind auch Wörter in Inuktitut, der Sprache der Inuit, eingeflossen. Im Nachwort wird auch die Kompliziertheit dieser Sprache erklärt und die beiden Übersetzerinnen danken einem Glaziologen für die Hilfe, bei der Übersetzung so mancher Fachbegriffe. Trotz meiner Abstriche beim Plot kann ich Im Eis als spannenden, mitreißenden Thriller auf jeden Fall empfehlen. Vor allem die starke Hauptfigur Edie und der eindrucksvolle Schauplatz in der Arktis machen den Reiz dieses Buch aus.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Im Eis | Erschienen 2011 im Rowohlt Verlag
Die Taschenbuchausgabe wurde am 1. Oktober 2013 veröffentlicht
ISBN 978-3-499-25519-9
464 Seiten | 9,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe (TB)

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Eisige Tatorte.

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5 Gedanken zu “Melanie McGrath | Im Eis

  1. Hallo,
    hört sich ja sehr gut an diese Geschichte, vorallem ist es mal in einer Gegend die mir zumindest vollkommen unbekannt ist. Da lässt sich bestimmt einiges ‚lernen‘. Habe mir das Buch mal direkt auf meine WuLi gepackt, bei so einem als starken Charakter bezeichneten Hauptfigur kann ich gar nicht anders.
    Danke und liebe Grüße
    Kerstin

    1. Mitreißend ist ja durchaus, aber ich finde die Handlung zum Schluss hin, was Motive usw. betrifft, zu breit angelegt und nicht mehr so präzise.

Gedanken dazu

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