Peter May | Moorbruch

Fin ließ Whistlers Fernglas sinken. „Du weißt, wessen Flugzeug das ist?“
Whistler nickte.
„Was zum Teufel macht es da unten, Whistler? […]“
Whistler zuckte mit den Achseln, sagte aber nichts dazu.
„Das schau ich mir mal aus der Nähe an“, sagte Fin.
Whistler hielt ihn am Arm zurück, einen seltsamen Ausdruck in den Augen. Angst, hätte Fin gemeint, wenn er es nicht besser gewusst hätte.
„Das sollten wir lieber lassen.“ (Auszug Seiten 191-192)

Fin Mcleod hat einen neuen Job als Sicherheitschef eines großen Guts auf Lewis. Sein erster Auftrag: Er soll ausgerechnet die Wilderei seines alten Freundes Whistler stoppen. In den Bergen werden beide von einem extremen Gewitter überrascht, Whistler rettet Fin in eine Höhle. Als sie am anderen Morgen wach werden, hat sich in der Nacht ein bizarres Naturschauspiel zugetragen: Ein Moorbruch. Der unterhalb ihrer Höhle liegende Loch ist verschwunden, das Wasser abgelaufen – und mitten im schlammigen Seegrund liegt das seit langem verschollene Kleinflugzeug des Rockstars Roddy Mackenzie.

Die Band

Roddy war der Bandleader der keltischen Rockband Amran, die als Jugendband auf Lewis angefangen hat und später den großen Durchbruch in Glasgow schaffte. Fin war lange Zeit Roadie der Band, Whistler spielte keltische Flöte, stieg aber vor dem großen Erfolg aus der Band aus. Mitten auf dem Höhepunkt des Banderfolgs verschwand Roddy damals bei einem Flug. Als Fin und Whistler nun die Leiche im Wrack finden, ist schnell klar, dass es sich um Mord handeln muss, denn die Leiche zeigt massive Gewalteinwirkungen, während das Flugzeug relativ unversehrt, also wohl nicht abgestürzt ist.

Trilogie

Moorbruch, im Original „The Chessmen“ (die berühmten Lewis-Schachfiguren spielen tatsächlich eine Nebenrolle), ist der dritte Teil der Lewis-Trilogie des schottischen Autors Peter May. Kehrte Fin Mcleod im ersten Teil (Blackhouse) noch im Dienst als Detective Inspector auf seine Heimatinsel in den Äußeren Hebriden zurück, hatte Fin im zweiten Teil (Beim Leben deines Bruders) bereits als Konsequenz aus dem Unfalltod seines Sohnes und des Scheiterns seiner Ehe den Dienst quittiert und war endgültig nach Hause zurückgekommen.

Nun ist Fin zu seiner Jugendliebe Marsaili zurückgekehrt, allerdings merkt Fin selbst, dass der alte Glanz sich nicht so recht wieder einstellt. Außerdem muss er auch noch seinem besten Freund, der ihm zweimal das Leben rettete, das Wilderer-Handwerk legen. Und der Fund der Leiche im Flugzeug bringt eine weitere Geschichte aus der Vergangenheit zurück.

Fin begann den Abstieg, zunächst langsam, jeden Schritt vorsichtig setzend. Er glitt aus und schlitterte ein paar Meter, bevor er sich fangen konnte und wieder sicheren Stand hatte. Nun kam er schneller voran, von seinem eigenen Körpergewicht gezogen, vom Wind wie mit einer Hand im Rücken geschoben. Das Licht seiner Taschenlampe flog über ein Gewirr aus Farn und Heide und landete schließlich auf einem Teppich aus Geröll, der einen zu schartigen Felsen abfallenden Hang bedeckte. Der Regen floss in Bächen und Rinnsalen den Berg hinab, schlängelte sich durch die Steine zu Fins Füßen. Er hatte rutschend erst ein paar Meter zurückgelegt, da verbreiterte sich der Geröllteppich nach links und nach vorn und ließ ihn öfters ausgleiten. Erfasste ihn schließlich wie eine Lawine und riss ihn mit, und Fin stürzte hilflos ins Dunkel, das Geräusch kullernder Steine in den Ohren. Dann schlug er hart auf etwas auf, das ihm den Atem nahm. Sah Sterne und fiel in ein Dunkel, aus dem es, wie er wusste, keine Wiederkehr gab. (Seiten191-192)

Wehmut

Peter May erzählt in Moorbruch eine Geschichte von Freundschaft und Rivalität. Äußerst fein und sehr versiert werden immer wieder Rückblicke eingestreut. Bemerkenswert ist die sehr präzise Figurenzeichnung. Fast alle der Figuren aus Fins Freundeskreis durchleben mehr oder weniger eine Lebenskrise, eine Midlife Crisis. Dadurch erhält die Story einen melancholischen, fast wehmütigen Ton. Dazu passen auch die sehr genauen und intensiven Beschreibungen von Natur und Landschaft. Zwar ist der Spannungsbogen nicht so hoch wie bei anderen Krimis, aber dennoch wird man immer weiter hineingezogen in die Geschichte von der alten Clique rund um die Band Amran, mit den sich kongenial ergänzenden Antipoden Roddy und Strings sowie der undurchsichtigen und umschwärmten Sängerin Mairead als weitere Figuren.

Lewis and Harris

Neben Fin Mcleod und Whistler spielt aber ebenso die Hebrideninsel Lewis (eigentlich Lewis and Harris) eine Hauptrolle. Die Landschaft mit den Torfmooren, Lochs, steinigen Hügeln und felsigen Klippen und das dazu gehörende raue Wetter wird prominent und gekonnt in Szene gesetzt. Dabei werden auch historische Ereignisse wie der Untergang der Iolaire am Neujahrstag 1919 in die Handlung eingeflochten.

Dieser Roman zeigt es mal wieder: Gute (Kriminal-)Literatur braucht keine ausgefallenen Plots oder skurrile, exzentrische Figuren. Moorbruch bietet authentische Figuren, ein tolles Setting, einen realistischen Plot und literarisch gehobenes Handwerk. Peter May liefert hier einen absolut exzellenten Roman ab.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Moorbruch | Erschienen am 30. Januar 2017 im Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-5520-5817-0
335 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unserer Blogkooperative Insel-Spezial.

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3 Gedanken zu “Peter May | Moorbruch

  1. Oh, noch eine feine Vorstellung!
    Ich seh es genauso: Es muss nicht immer turbulent dahergehen, wenn einem allein schon die Charaktere ans Herz wachsen :)

    1. Ganz genau. Die Qualität eines Krimis besteht oft auch darin, seine Figuren zur Geltung zu bringen. Dazu braucht man keinen total ausgefallenen Plot.

Gedanken dazu

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