Oliver Bottini | Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

Aber sie hörte einfach nicht auf, sich zu wehren, selbst jetzt nicht, als er schwer auf ihr lag. Sie biss und kratzte und versuchte, zu schreien und zu treten, und da musste er sie wieder schlagen, bis sie endlich stillhielt.
Als er fertig war, fuhr ihm der Schreck über das, was er getan hatte, in die Knochen, und mit dem Schreck kam die Wut.
„Adrian…!“, schrie sie unter seiner Hand und fing wieder an, sich zu wehren, und seine Wut wuchs immer mehr.
Da griff er zum Messer und befreite sich von der Angst und der Wut. (Auszug Seiten 30-31)

Im rumänischen Banat, nahe der Stadt Temeswar, wird die junge Deutsche Lisa Marthen ermordet aufgefunden. Ihr Vater ist einer der zahlreichen ausländischen Großgrundbesitzer. Zeitgleich mit ihrer Ermordung ist der junge Feldarbeiter Adrian spurlos verschwunden. Zu Hause hatte er sich noch schnell umgezogen und versucht, seine blutige Kleidung zu verbrennen. Wie sich schnell herausstellt, Blut von Lisa. Der Fall scheint eindeutig und dennoch ist Kommissar Ioan Cozma vorsichtig. Vor allem irritiert ihn, dass ein solch brisanter Fall ihm übertragen wurde.

Lisa und Adrian waren befreundet, seine Verliebtheit wurde von ihr aber wohl nicht geteilt. Ein Mord aus verschmähter Liebe? Cozma hat von Beginn an Zweifel, zumal es nahe des Tatorts noch Spuren eines Fahrzeugs gibt, das nicht von Adrian ist. Im fruchtbaren Banat haben ausländische Investoren weite Teile der landwirtschaftlichen Fläche übernommen. Es herrscht ein heftiger Bieterkampf um weitere Flächen. Marthen erhielt mehrfach Angebote, die er bisher ablehnte. Ergibt sich hier ein mögliches weiteres Motiv?

Der stille Winkel

Kommissar Ioan Cozma ist ein stiller, einsamer Mann. Seine Frau hat ihn schon länger verlassen, zu Hause warten nur seine eigene Dämonen: Sein früh verstorbener jüdischer Vater und sein früheres zorniges Ich, das unter der Ceauşescu-Regime als Polizist an den brutalen Verfolgung von Regimegegnern beteiligt war. Cozma hat es nicht mehr lange bis zu seiner Pensionierung. Er fliegt bis dahin unter dem Radar. Mit seinem Chef hat er eigentlich eine stillschweigende Übereinkunft, dass er keine großen Mordermittlungen mehr übernehmen muss. Doch in diesem Fall wird Cozma aus seinem stillen Winkel vertrieben. Irgendjemand weiter oben zieht die Fäden und verspricht sich etwas davon, dass ausgerechnet er den Fall bearbeitet. Aber Cozma ist gewissenhaft und nicht gewillt, den Fall schnell zu beenden. Dabei erhält er durch die Antikorruptions-Staatsanwältin Valentina Olar unerwartete Unterstützung. Doch schon bald erhält er auch erste Warnungen vor allzu tiefgreifenden Ermittlungen.

Mecklenburg

Ein weiterer Schauplatz dieses Buches ist außerdem Mecklenburg. Aus dem kleinen Dorf Prenzlin stammt die Familie Marthen und Maik Winter, Betriebsleiter von Marthen in Rumänien. Winter ist so etwas wie der zweite Protagonist des Buches. Er hat im Jahr 2011 bei einer Massenkarambolage auf der A 19 wegen eines Sandsturms seine Familie verloren (hiermit beginnt das Buch) und nun in Rumänien neu angefangen. Winter hat sich seiner Trauer nur bedingt gestellt und als er nun nach Prenzlin reist, weil der Gesuchte Adrian dorthin flüchtet, holt ihn die Vergangenheit mit voller Wucht ein, inklusive seiner Jugendfreundin Anett, der Schwester von Marthen. Auch Cozma reist nach Deutschland auf der Suche nach der Wahrheit in diesem Fall.

Vielseitigkeit

Oliver Bottini ist wahrlich kein Unbekannter mehr in der deutschen Krimiszene, unter anderem mehrfacher Preisträger des Deutschen Krimi Preises. Seine Reihe um die Kommissarin Louise Boní ist inzwischen schon fürs Fernsehen verfilmt worden. Daneben schreibt Bottini aber immer wieder Stand-Alones. Zuletzt den großartigen und vielseitigen Politthriller Ein paar Tage Licht. Auch Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens ist von einer faszinierenden Vielschichtigkeit. Dabei schafft es der Autor aber spielend, gesellschaftliche, politische Themen mit persönlichen Schicksalen zu verbinden und europäische Verbindungen aufzuzeigen. Hier sind es Themen wie der Ausverkauf der landwirtschaftlichen Flächen damals in Mecklenburg wie heute in Rumänien, der Kampf der jungen Demokratie in Rumänien gegen Korruption und Vetternwirtschaft inklusive die Aufarbeitung der Verbrechen während des kommunistischen Regimes.

An einem Metallschild mit der Aufschrift ‚JM Romania‘ bogen sie auf eine nicht asphaltierte Privatstraße ab, passierten ein schlichtes Holzschild mit einem Ortsnamen, ‚Neu-Prenzlin‘.
„Was soll das bedeuten?“
„Sie kommen aus Prenzlin“, sagte Cozma. „Prenzlin in Deutschland. Das alte Prenzlin vielleicht.“
„Und in Rumänien haben sie ein neues Prenzlin gebaut, ja?“
„Wir wollten in die EU, Cippo. So ist das nun mal.“
„Gehe ich nach Deutschland und baue ein neues Firiteaz?“
„Du könntest es wahrscheinlich.“ (Seite 64)

Figuren

Doch keine Angst für diejenigen, die solche Themen nur am Rande interessieren. Das Faszinierende an diesem Buch ist Bottinis Umgang mit seinen Figuren. In seiner multiperspektiven Erzählweise erlangen nicht nur die Hauptfiguren eine beeindruckende Tiefe. Er schafft es, auch den Nebenfiguren Leben einzuhauchen, Konturen zu verpassen. Zum Beispiel der Hubschrauberpilotin Ana, die das Grab ihrer während des Regimes ermordeten und verscharrten Eltern sucht. Oder Cozmas Kollege Cippo, der nur schwer von der ‚Großen Rumänischen Krankheit‘ – Bestechung/Schmiergeld – lassen kann.

Der Roman handelt von Schuld und Gier. Was viele der Figuren aber miteinander verbindet ist eine tiefe Einsamkeit und zum Teil auch Trauer. Der Mord an Lisa Marthen ist dann wie der Beginn eines Strudels, in dem sich schließlich alle verfangen. Kurz vor Weihnachten hatte ich das Buch beendet und musste es dann auch noch unbedingt in meine Jahresbestenliste aufnehmen. Der Tod in den stillen Winkel des Lebens ist für mich ein herausragendes Werk und sowohl sprachlich als auch vom Plot und den Figuren sehr überzeugend.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens | Erschienen am 8. November 2017 im Dumont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9776-6
414 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu Oliver Bottinis Romanen Im weißen Kreis und Ein paar Tage Licht

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12 Gedanken zu “Oliver Bottini | Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens

  1. Bottini – noch so ein Autor, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe. Mit welchem Buch steige ich hier am besten ein, Gunnar? – Deine tolle Rezension macht nämlich in jedem Fall ziemlich neugierig. ;-)

    1. Tja, da hast du tatsächlich etwas nachzuholen.
      Die Boni-Reihe sollte man am besten schon vorne beginnen, wie ich gemerkt habe. Ich habe nämlich nur drei von sechs gelesen und auch nicht vorne angefangen. Die Reihe ist trotzdem stark, aber der Quereinstieg ist nicht optimal.
      Wenn du keine Reihe anfangen willst, probiere einen seiner Stand Alones (wie der hier). „Ein paar Tage Licht“ fand ich ebenfalls großartig.

    2. Zu „Mord im Zeichen des Zen“ gab es damals unter den Krimi-Couch-Redakteuren gemischte Stimmen – was ein Grund war, warum ich mich bei Bottini erstmal zurückgehalten habe. Wie es scheint, hat er sich aber wohl in späteren Werken ziemlich gesteigert. Da ich bei Reihen aber sowieso nicht gerne quer einsteige, werde ich wohl tatsächlich mal zu einem seiner Stand-Alones greifen. Danke für die Info!

    1. Lieber Gunnar, ich habe tatsächlich ziemlich spät mit den Boni-Krimis angefangen. Da teile ich aber deine Meinung, dass man die am besten der Reihe nach lesen sollte. Nachdem Oliver Bottini auf der Buchmesse 2015 getroffen hatte, habe ich mir nun alle zugelegt, aber bin über Mord im Zeichen des Zen (und eben Im weißen Kreis) noch nicht hinausgekommen. Wenn das Zeitproblem nicht wäre! Ein paar Tage Licht und Der kalte Traum waren toll! Viele Grüße!

  2. Ich glaube, ich habe von Bottini inzwischen vier ungelesene Bücher hier. Der kalte Traum, Ein paar Tage Licht, Im weißen Kreis und Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens.
    Jedes Mal spricht mich schon der Klappentext seiner Bücher an. Aber irgendwie lese ich alles andere vorher und komme nicht dazu.
    Muss ich ändern, wie ich sehe.

    1. Sieht so aus. ;-)
      Finde ich erstaunlich, dass du schon so viele Bücher zusammen hast. Ich fange erst an zu sammeln, wenn ich weiß, dass der Autor mir liegt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du mit Bottini nicht enttäuscht wirst.

  3. Ich bin da ja ein wenig wie Iris. Ich fange auch schon an zu sammeln, bevor ich einen Autor kenne – eben weil mich die Klappentexte interessieren.
    Bei Bottina habe ich mit Teil 5 der Boni Reihe angefangen – ein wirklich beeindruckendes Buch. Danach erst habe ich „Mord im Zeichen des Zen“ gelesen und der Gegensatz hier war wirklich bedeutend. Auch Teil 2 habe ich mittlerweile gelesen und man muss einfach erwähnen, dass Bottini besser und besser wird, aber ein Quereinstieg aber trotzdem nicht unbedingt zu empfehlen ist.
    Seine Stand-Alones beherberge ich auch alle in meinem SUB… ach, irgendwann werde ich auch diese lesen. Ich finde es im Übrigen gar nicht schlimm, dass ich sie noch nicht gelesen habe. So habe ich immer etwas, worauf ich mich freuen kann. Ich bin überzeugt, dass die gut, sehr gut sind und wenn ich sie lese hab ich sie ja nicht mehr vor mir. Na, ok. Ein wenig verquer, meine Denkweise. Und außerdem beschert es mir volle Regale… :-)

    1. Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Aber ich bin da tatsächlich anders gestrickt. Aber volle Regale sind nicht zu verachten. ;-)

Gedanken dazu

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