Mini-Themenspezial | Ruhrpottkrimis

Willkommen im Ruhrgebiet – „hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld.“ (Herbert Grönemeyer, Bochum)

Schon in meiner langen Krimi-Mainstream-Phase konnte ich mich für deutsche Regionalkrimis nicht so recht begeistern. Das hat sich, seitdem ich tiefer ins Genre eingetaucht bin, eher noch verstärkt. Zu oft ist das sprachliche Niveau überschaubar, die Figuren klischeehaft, der Humor bräsig, die Handlung vorhersehbar und touristische oder gar kulinarische Aspekte dominieren. Aber man tut einigen Autoren und Werken des Genres sicherlich bei dieser Pauschalierung auch Unrecht. Deshalb habe ich mir gedacht, ich probiere es doch nochmal. Und als Region ausgewählt habe ich mir das Ruhrgebiet – hier kann man sich wenigstens sicher sein, dass Tourismus und Gastronomie eher keine Hauptrolle spielen…

Scherz beiseite, ich kenne die Gegend, habe schließlich sieben Jahre dort gelebt, meine Frau stammt von dort, mein Sohn ist dort geboren. Also, wenn man sich etwas einlebt, ist es dort „viel besser als man glaubt“. Meine kriminelle Reise durch den Pott beginne ich in Mülheim an der Ruhr mit Jörg Juretzkas legendärer Figur Kristof Kryszinski. Danach geht es weiter nach Osten – nach Bochum mit Lucie Flebbe. Es folgt Norbert Horst mit dem Dortmunder Kommissar Steiger und zuletzt sind wir ganz am östlichen Rand bei Dirk Schmidts „Ertränkt, erhängt, erschossen – Taskforce Hamm“. Willkommen im Ruhrgebiet – „hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld.“

 

Jörg Juretzka | Rotzig & Rotzig

Privatdetektiv Kristof Kryszinski hat sich von der Wohnungsgesellschaft WODEGA anheuern lassen, um eine Einbruchs- und Vandalismusserie in der Großwohnsiedlung Wohnpark Nord aufzuklären. Dazu nimmt Kryszinski zur Tarnung einen Job als Hausmeister an. Hier muss er sich direkt mit einer Hoodie-Gang und zwei forschen zehnjährigen Zwillingen herumschlagen, die beide als Urheber der Einbruchserie in Frage kommen. Als Kryszinski schließlich die Zwillinge vermeintlich überführt, setzt er eine Maschinerie in Gang, die er hinterher nur allzu gerne wieder aufhalten möchte.

Insgesamt dreizehn Bände umfasst die Serie um den Mülheimer Privatdetektiv Kristof Kryzinski inzwischen, Rotzig & Rotzig ist der neunte Band der Reihe. Zumindest bei diesem Band war es überhaupt kein Problem quer einzusteigen. Kryszinski ist ein eigenwilliger und eigensinniger Privatermittler mit bewegter Vergangenheit, sein bester Kumpel ist der Halbitaliener Scuzzi. Kryszinskis Heimat ist Mülheim an der Ruhr, allerdings ermittelt er im Laufe der Zeit auch in den Schweizer Bergen, in Spanien, auf einem Kreuzfahrtschiff und im vorliegenden Band unter anderem auch in Luxemburg.

Der Roman ist zunächst ein ganz großer Spaß, voller Humor, lakonischer Sprache, lässigen Figuren und großartigen Dialogen. Doch nach und nach vergeht einem ein wenig das Lachen, als sich herausstellt, dass Kryszinski letztendlich im Großherzogtum einen Abgrund von Kindesmissbrauch aufspürt. Dennoch schafft Juretzka hervorragend die Balance zwischen Ernst und Humor und hat immer einen ungewöhnlichen Einfall im Plot parat. Das war garantiert nicht mein letzter Kryszinski!

Rotzig & Rotzig | Erschienen am 15. Februar 2010 im Rotbuch Verlag
ISBN 978-3-867-89103-5
nur noch antiquarisch erhältlich
255 Seiten | 16,95 Seiten
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Die Taschenbuchausgabe erschien am 26. September 2011 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20542-0
254 Seiten | 11.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4.5 von 5.0
Kategorie: Krimi

 

Lucie Flebbe | Tödlicher Kick

Das entscheidende Relegationsspiel zum Aufstieg in die Bundesliga. Kurz vor Schluss erhält Bochum einen Elfmeter, doch Nachwuchsstar Oran Mongabadhi verschießt. Am anderen Morgen wird Mongabadhi ermordet auf dem Stadionparkplatz aufgefunden. Unter Verdacht gerät sofort Mongabadhis Freundin Curly, eine Ex-Prostituierte, die am Tatort gesehen wurde. Doch es gibt durchaus noch weitere Personen mit einem Motiv: Radikale Fans oder seine Mitspieler, die ihm den Fehlschuss ankreiden? Mongabadhis Familie, die der Sohn durch seine Partnerwahl brüskiert hat? Curlys Zuhälter? Seine stalkende Ex-Freundin?

Tödlicher Kick ist der sechste Band der inzwischen acht Bände umfassenden Reihe um das ungleiche Detektiv-Paar Lila Ziegler und Ben Danner. Dabei bilden die beiden eine recht merkwürdige Partnerschaft, beide mit verkorkster Jugend in unterschiedlichen Elternhäusern, zudem ist Ben auch erheblich älter als Lila, die als Ich-Erzählerin fungiert. Die vorliegende Story ist durchaus mit einigem Lokalkolorit versehen, natürlich mit Fußball und dem VfL. Auch weitere Schauplätze werden denjenigen, die sich in Bochum auskennen, etwas sagen.

Ich muss insgesamt konstatieren, dass mich die Handlung nicht so richtig überzeugt hat. Fußball und Homosexualität, Prostitution, Flat-Rate-Sex, Integration, Patientenverfügung, verdrängte Eltern-Kind-Konflikte – die Themenbreite war mir schon zu üppig und das Verdächtigen-Hopping fand ich auch eher mittelmäßig, die Rolle der Polizei zu klischeehaft. Allerdings hat mir der Stil von Lucie Flebbe schon gefallen, knappe Sätze, manchmal flapsig, intelligent-humorvoll, gute Dialoge und interessante Figuren. Ich würde durchaus nochmal zu dieser Autorin greifen.

Tödlicher Kick | Erschienen am 11. März 2014 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-894-25435-3
285 Seiten | 10,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3.0 von 5.0
Kategorie: Regionalkrimi

 

Norbert Horst | Mädchenware

In einem Dortmunder Bordell fallen Schüsse. Als die Polizei eintrifft, ist niemand mehr anwesend, außer einer Toten und einer Schwerverletzten. Die Dortmunder Polizei stellt eine Mordkommission zusammen, zu der unter anderem auch Kommissar Thomas Adam, genannt Steiger, abgeordnet wird. Ohne dass er es ahnt, birgt dieser Fall für ihn eine persönliche Komponente.

Wenn man ganz streng sein will, ist Mädchenware nicht unbedingt ein Regionalkrimi, aber es gibt dennoch auf jeden Fall genügend Dortmunder Flair, Nordmarkt und Mallinckrodtstraße gehören nicht gerade zu Dortmunds feinsten Adressen – allerdings geht es am Schluss auch zur Wittbräucker Straße, da sieht es schon besser aus. Nein, das Buch ist in erster Linie ein Polizeikrimi, immer ganz eng an den Ermittlungen. Autor Norbert Horst ist selbst Kriminalhauptkommissar und schildert die Polizeiarbeit sehr realitätsnah.

Die Story wird aus zwei Perspektiven erzählt und wir lernen die Geschichte dreier russischer Mädchen kennen, die von klein auf mit Gewalt und wenig Perspektiven groß wurden, so dass zwei von ihnen schließlich in einem Dortmunder Bordell landen. Eine authentische Geschichte von Zwangsprostitution und Revierkämpfen im Rotlichtmilieu, spannend, aber nicht aufgesetzt oder übertrieben. Diesen Kommissar Steiger werde ich weiterverfolgen.

Mädchenware | Erschienen am 19. Januar 2015 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48166-8
352 Seiten | 8,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4.0 von 5.0
Kategorie: Krimi

 

Dirk Schmidt | Task Force Hamm – ertränkt, erhängt, erschossen

Kommissar Scholz ist ein guter Mordermittler der Kölner Polizei. Allerdings ist er ein Spieler, hat Haus und Hof verzockt und seine Ehe ruiniert. Nun wird er nach Hamm strafversetzt, auf einen Posten, der als eine Resterampe mit aussortierten Kollegen konzipiert ist. Dass sie dort echte Polizeiarbeit verrichten, ist gar nicht eingeplant, sondern im Notfall soll das LKA gerufen werden. Doch das will Scholz nicht hinnehmen, als der erste Mordfall passiert: Der Metzger Terjung wurde offenbar ziemlich malträtiert, nämlich ertränkt, erhängt und erschossen.

Autor Dirk Schmidt hat für den ARD-Radio-Tatort eine sehr schräge Polizeitruppe der Gescheiterten kreiert: Darunter neben Scholz der tuntige, gleichzeitig latent aggressive Ditters oder der unterbelichtete Hobby-DJ Latotzke (der einzige Einheimische) sowie der Chef Vorderbäumen, der sich mehr im Möbelbusiness als in der Polizeiarbeit engagiert. Ein Chefstratege war der Auffassung, dass die Chaostruppe im beschaulichen, provinziellen Hamm wenig Unheil anrichten kann. Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Ertränkt, erhängt, erschossen ist die erste Ausgabe der Reihe in Buchform und in erster Linie ein komischer Krimi mit allerhand amüsanten und grotesken Einfällen. Aber darüberhinaus ist es auch ein unterschwellig ziemlich melancholischer Krimi mit lauter seelisch beschädigten Personen (nicht nur auf Seiten der Polizei), die versuchen, wieder auf die Beine zu kommen. Alles in allem ein wirklich ordentliches Buch.

Ertränkt, erhängt, erschossen – Taskforce Hamm | Erschienen am 11. August 2015 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-459-9
208 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3.5 von 5.0
Kategorie: Komischer Krimi

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Speziale findet ihr auf unserer Seite .17special.

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7 Gedanken zu “Mini-Themenspezial | Ruhrpottkrimis

    1. Ab und zu bestimmt, wobei es mich ja schon eher in die weite Welt zieht. Du hast sicher auch bemerkt, dass ich mir jetzt auch nicht unbedingt die klassischen klischeehaften Regiokrimis herausgesucht habe.

    2. D. h. Du machst jetzt keine Tour durch Deutschland? :-D
      Ja, das habe ich bemerkt. Ist ja mitunter auch schwierig – nur weil ein Krimi an einem bestimmten Ort spielt ist es ja noch lange kein Regionalkrimi.
      Aber Deinen Versuch finde ich trotzdem gut. Man muss auch hin und wieder über den Tellerrand blicken.

  1. Manchmal ist es interessant zu erfahren, wie die Mörder in der Nachbarschaft herumllaufen und überführt werden.

  2. Als Gelsenkirchener Krimifan ist das für mich ja praktisch der perfekte Beitrag! :D

    Ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich mit Regionalkrimis meistens nicht so viel anfangen kann und mir das oft zu viel plumper Klamauk und zu wenig Spannung ist, aber es gibt da sicherlich auch Ausnahmen.

    „Tödlicher Kick“ spricht mich von deiner Auswahl aufgrund der Fußball-Thematik am ehesten an, auch wenn es der falsche Verein ist :D

    Von Norbert Horst habe ich vor Jahren auf Empfehlung meines Vaters sogar schon mal ein Buch („Splitter im Auge“) gelesen – inhaltlich ist zwar nicht mehr viel hängengeblieben aber ich weiß noch dass ich es gut fand und mir das Ruhrpott-Feeling ebenfalls ganz gut gefallen hat.

    1. Ich war insgesamt mit meiner Auswahl auch zufrieden. Bei Lucie Flebbe war ich mit der Story nicht ganz zufrieden, aber möglicherweise gefällt es dir besser. Norbert Horst hat auch ein ganz neues Buch aus dieser Reihe veröffentlicht. Das soll auch gut sein.

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