Stephen Dobyns | Ist Fat Bob schon tot?

Connor Raposo wird zufällig Zeuge eines grässlichen Unfalls: Ein Motorradfahrer ist gegen einen Laster geprallt, die Identifizierung gestaltet sich schwierig. Ist der Tote tatsächlich Robert »Fat Bob« Rossi? Und war es tatsächlich ein tragischer Unfall? Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse, Morde geschehen, Leute verschwinden, die Polizei tritt auf den Plan – und mittendrin Connor, der von einer aberwitzigen Situation in die nächste stolpert, bis ihm dämmert, dass man auch hinter ihm her ist. (Verlagsinfo)

Die Geschichte beginnt mit einem Unfall, der sich in New London, Connecticut, ereignet. Eine Harley „Fat Bob“ gerät unter einen LKW, der dummerweise relativ flott aus einer Ausfahrt auf die Straße fährt, als die Harley angedüst kommt.

Autor Stephen Dobyns liefert dem Leser zu Anfang schon ein gutes Beispiel für seine teilweise schräge Schreibweise, er vermittelt uns immer wieder das Gefühl, mit ihm zusammen sozusagen über der Geschichte zu schweben:

„Hinten am Firehouse Square beginnt das historische Viertel. Retro-Laternen lösen die moderne Straßenbeleuchtung ab, und die Bank Street wird in Richtung Stadtmitte zur Einbahnstraße. — Ein Hublift-Laster hockt neben der Verkehrsinsel, und hoch oben auf der Arbeitsbühne ist ein Servicetechniker dabei, die Straßenbeleuchtung zu reparieren. — Wenn wir für einen Augenblick seinen Platz einnehmen könnten, hätten wir Gelegenheit, uns anzuschauen, wie dieser Montagmorgen Anfang März aussieht. — Unter uns wartet ein blauer Mini-Cooper an der Ampel. Der Ellbogen des Fahrers, umhüllt von einem braunen Lederärmel, ragt aus dem offenen Fenster. Er kommt aus der Tilley Street und biegt links in die Bank Street ein, wo er langsam weiterfährt und nach einem Parkplatz sucht. Da, jetzt hat er einen gefunden.“ (Seiten 8 bis 9)

Der erwähnte Fahrer, Connor Raposo, wollte eigentlich nur seine Schuhe in dem gegenüberliegenden Geschäft abholen, hört dort den Knall des Aufpralls und rennt auf die Straße. Hier bietet sich ein erschreckendes Bild, sowohl die Harley als auch der Fahrer wurden förmlich zerrissen; die jeweiligen Teile liegen auf der Straße verteilt, der Kopf fehlt jedoch. Lediglich eine schwarze Harley-Lederkappe liegt am Randstein, darin erkennbar der Name „Marco Santuzza“. Connor hebt die Kappe auf und nimmt sie mit – warum, weiß er genaugenommen selbst nicht; ein Grund, weshalb zunächst angenommen wird, dass es sich bei dem Toten um Bob Rossi -genannt Fat Bob aufgrund seiner Vorliebe für diese Harley-Ausführung – handelt. Unter den Leuten, die sich am Unfallort aufhalten, sieht Connor einen Mann, der ihm aus seiner Zeit als er Mitarbeiter eines Casinos in Detroit war, bekannt vorkommt. Als er ihn darauf anspricht, streitet der es jedoch ab.

Ich muss zugeben, dass ich zunächst ziemlich lange gebraucht habe, um in meinen (sonst üblichen) Lesefluss zu kommen. Dies bedingt auch dadurch, dass gleich zu Beginn viele der in diesem Buch vorkommenden Personen, die alle so ihre speziellen Eigenschaften haben, schon vorgestellt werden. Ich war etwas verwirrt, bin aber dran geblieben und kann nur sagen, dass es sich gelohnt hat. Wie auf dem Buchrücken erwähnt wird, gibt es jede Menge schräge Typen, aberwitzige Dialoge (kann ich nur bestätigen) und raffinierte Einfälle.

Einen davon will ich erwähnen, nämlich die Zusammenarbeit von Connor Raposo mit seinem Onkel Diego und zwei weiteren Leuten. Es handelt sich dabei um eine junge Frau mit dem (falschen) Namen Eartha Kitt und einem sehr speziellen jungen Mann, der wie der ab den 40er Jahren bekannte Sänger Vaughn Monroe heißt. Dies ist mit eine der schrägsten total witzig beschriebenen Vorgänge.

Die vier betreiben eine Spenden eintreibende Institution namens Bounty Inc., die Geld für so spektakuläre Vereinigungen wie „Anomyme Ballköniginnen“, „Rettet Beagles vor der Nikotinsucht“ und „Waisen aus dem Weltall“ sammelt, hierbei sind die bekannten Namen und die tatsächlich vorhandene Ähnlichkeit der Stimmen durchaus hilfreich. Diese Tätigkeit spielt in der weiteren Handlung noch eine Rolle. Ebenso ein Obdachloser namens Fidget, der sich in seinen schlechten Momenten im Besitz eines Echsenschwanzes wähnt und der sich auch am Unfallort aufgehalten hatte.

Der Hauptheld der Story ist jedoch Connor, ein eigentlich gutmütiger, nicht sehr durchsetzungsfähiger junger Mann, der im Verlauf der Handlung noch in eine Verfolgungsjagd mit zwei Gangstern gerät. Hierbei spielt auch sein Bruder Vasco eine Rolle, der an dieser Jagd nicht ganz unschuldig ist.

„Doch wir greifen vor, denn in diesem Augenblick verlässt Connor die Scorpion-Bar mit zusehends dunklen Ahnungen.— Nun können wir nicht den ganzen Weg von der Bar bis zu Connors Mini-Cooper beschreiben. Es ist ein weiter Weg, wie man es in einem Gebäude erwarten kann, in dem fünftausendfünfhundert Spielautomaten stehen.— Als Connor schließlich aus dem langen Flur herauskommt, der auf die Dachebene des Parkhauses führt, erheben wir uns über ihn, auch wenn wir ein bisschen außer Atem sind.— Connor ist noch ungefähr zwei Reihen von seinem Auto entfernt, als er den Mann, der auf ihn wartet, unvermittelt entdeckt.— Wir haben schon erwähnt, dass Connor kein Kämpfer ist, aber er rudert energisch mit den Armen und – das ist wichtig – trifft rein zufällig den Mann in der grünen Jacke, der Jimbo genannt wird, mitten auf die Nase.— Die beiden Gorillas weichen zurück. Sie sind entrüstet.“ (Seiten 402 bis 405)

Man erlebt im Verlauf der Handlung jede Menge weiterer skurriler Vorkommnisse, bis sich – speziell für Connor -alles in Wohlgefallen auflöst.

Erwähnt werden muss noch, dass Fat Bob, nach dem das Buch benannt ist, während der ganzen Handlung immer nur kurz auftaucht, ständig verfolgt wird, aber bis zum Schluss noch sehr lebendig ist. Die Frage auf dem ebenfalls schrägen Cover kann also mit „Nein“ beantwortet werden.

Und noch ein Lob an den Übersetzer bezüglich der aberwitzigen Dialoge, insbesondere die der Aussprüche von Vaughn Monroe (wir erinnern uns, der spezielle junge Mann von Bounty Inc.): hier war bestimmt ein erheblicher Einfallsreichtum erforderlich – auch gut gelungen.

Mein Fazit: Empfehlenswert für alle, die nicht nur Spannung (die hier auch vorhanden ist) sondern auch schwarzen Humor lieben!

Stephen Dobyns lebt in Westerly, Rhode Island und ist ein vielfach preisgekrönter Poet und Thrillerautor, laut Stephen King schreibt er Geschichten, die man nicht mehr aus der Hand legt. Bekannt wurde er mit seinem Psychothriller Die Kirche der toten Mädchen. Zuletzt erschien bei C. Bertelsmann Das Fest der Schlangen.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

 

Ist Fat Bob schon tot? | Erschienen am 17. April 2017 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10230-5
458 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

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