Andreas Pflüger | Niemals

Tausend Lügen gäbe es, sie kennt sie alle: dass Layla ihr bloß sagen muss, wo Varga ist. Dass die Abteilung ihn jagt und zur Strecke bringt. Dass Varga der Prozess gemacht wird. Dass sie die Therapie beginnt und wieder ein neues Leben erfindet. Und noch eine Lüge und noch eine und noch eine.
Der Bushidō sagt: Rache ist das höchste Gericht.
Sie will die Hand auf Vargas Brust legen und fühlen, dass sein Herz nicht mehr schlägt. (Auszug Seite 252)

Die blinde Polizistin Jenny Aaron erhält das Angebot zu ihrer Spezialeinheit zurückzukehren, in der sie schon vor der Erblindung gearbeitet hat. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das tun soll, denn sie hat erste Anzeichen für eine mögliche Genesung; sie kann hin und wieder Lichtveränderungen wahrnehmen. Doch dann erhält sie über einen Anwalt die Nachricht, dass ihr Erzfeind Ludger Holm ihr ein ungeheures Vermögen von zwei Milliarden Dollar bei einer Bank in Marrakesch hinterlassen hat. Doch natürlich hat die Sache einen Haken.

Denn Holms Vater hat das Geld einem Superterroristen namens Der Broker entwendet, dessen Identität durch die Sicherheitsbehörden bislang nicht geklärt werden konnte. Dieser erhebt natürlich weiterhin Anspruch. Holm hetzt Aaron somit wieder einen gefährlichen Gegner auf den Hals. Doch Holm verrät außerdem, dass der Broker Schuld am Tod von Aarons Vater trägt. Somit begibt sich Jenny Aaron mit ihrem besten Freund und Kollegen nach Marokko in die Höhle des Löwen und zugleich in in zweierlei Gefahr: Der Broker wartet bereits auf sie und ihr Arzt hat sie gewarnt, dass die permanente Adrenalinausschüttung ihr Augenlicht irreversibel schädigen könne.

Der erste Teil der Reihe um die blinde Polizistin Jenny Aaron, Endgültig, hatte mich sehr positiv überrascht. Ich war mit geringen Erwartungen an eine Story um eine blinde Superheldin, die einen Superverbrecher jagt, gegangen, und überrascht über die Intensität der Figurendarstellung, insbesondere die Beschreibungen von Situationen und Emotionen aus „Sicht“ der blinden Jenny Aaron. Diese Fertigkeiten stellt Autor Andreas Pflüger auch im zweiten Teil der Reihe sehr versiert unter Beweis. Gerüche, Geräusche und nun auch wieder erste Hell-Dunkel-Schattierungen – diese Wahrnehmungen sind äußerst gekonnt aufs Papier gebracht. Darüber hinaus ist Pflüger ein perfekter Chereograph von Actionszenen, auch wenn manchmal die Metaphorik überhand nimmt. Auch ansonsten erweist sich der Autor als pfiffig, etwa wenn er Listen (Zehn Dinge) einfügt oder die Geschlechterrollen konsequent untergräbt, indem er Jenny fortwährend nur mit ihrem Nachnamen schreibt.

Nun kann man natürlich die Nase rümpfen und den ganzen Plot als unrealistischen Quatsch à la Bond abtun, aber man würde dabei einen wirklich virtuosen Pageturner verpassen, dessen Figuren über erheblich mehr Tiefgang verfügen als im Rest des Genres üblich. Zwar haben mich gegen Ende ein bis zwei Sachen im Plot gestört (müsste spoilern, um das zu erklären), aber insgesamt war Niemals wieder ein überzeugender Thriller mit Themen wie Freundschaft, Loyalität und Rache.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Niemals | Erschienen am 22. September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42756-9
476 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zum ersten Band der Reihe Endgültig

Blogtipp: Rezension von Niemals auf KrimiLese

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2 Gedanken zu “Andreas Pflüger | Niemals

  1. Die Nase kann immer gerümpft werden – über zuviel Realität oder zuviel Fiction. Schon meine Oma sagte: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

    1. Ich bin ja schon eher ein Verfechter von realistischen Plots. Hier könnte mal zumindest ins Grübeln kommen. Aber ich erkenne auch an, wenn das Drumherum stimmt und das tut es hier in jedem Fall.

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