Kerstin Ehmer | Der weiße Affe

„So sehr hast du versucht ein echter Deutscher zu sein, Shylock“, flüstert sie. „Ich könnt’s nicht glauben, würd ich’s nicht sehn. Dein Traum vom Deutschsein, das ist das hier, das alles. Deutscher, nicht Jude, nicht staatenlos herumgejagt durch die Jahrhunderte, sondern Ordnung, Anstand, Frieden, Ruhe, Heimat, Herkunft, Scholle, das haste dich was kosten lassen.“ Sie sinkt auf einen Sessel. „Ich wusste, dass er den Mut hatte für solche Träume. Und ich wusste nicht, dass wir ihm so gar nicht ausreichten, dass er sich wegstehlen musste in sein Privattheater.“ Sie weint jetzt haltlos, als könne sie nie wieder aufhören. „Es ist, als hätte ich ihn gar nicht gekannt. Plötzlich ist mein Vater ein Fremder und wird es immer bleiben, denn er ist ja tot und kann nichts mehr erklären.“ (Auszug Seite 76)

Berlin in den Goldenen Zwanzigern: Kommissar Ariel Spiro aus dem beschaulichen Wittenberge tritt seinen neuen Job bei der Kripo an. Auf seinen ersten Fall muss er nicht lange warten. In einem Mietshaus wird die Leiche des jüdischen Bankiers Fromm gefunden. Offenbar führte Fromm ein Doppelleben mit einer Geliebten in einer Wohnung im Haus.

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Rezensions-Doppel: Ulf Torreck ‚Fest der Finsternis‘ & David Gray ‚Sarajevo Disco‘

Vor fast drei Jahren ist mir dieser David Gray zum ersten Mal begegnet. Vorher war er und ist immer noch im Selfpublisherbereich aktiv und da habe ich nicht so ein Auge drauf. Kanakenblues hieß das Buch, ein richtig guter, hartgesottener Polizeikrimi mit dem dunkelhäutigen Bullen Boyle als Protagonisten. Anschließend konnte ich den Autor als sehr kommunikativen Menschen in den sozialen Netzen erleben, wo er neben politischer Meinung seine Freunde, Bekannte und Leser auch am „glorreichen“ Autorenleben teilhaben lässt.

Dann tauchte dieser Ulf Torreck als Autor auf, den ich erst beim zweiten Hinsehen als Klarnamen von David Gray erkannte. Ulf Torreck als seriöser Ableger und David Gray für die harten Sachen? Mit Blick auf den Inhalt von Torrecks Fest der Finsternis musste das natürlich schnell revidiert werden, allerdings war mein Interesse doch geweckt.

Zeit für eine Doppelrezension von Fest der Finsternis und dem neuesten Boyle Sarajevo Disco!

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Volker Kutscher | Goldstein ♬

Machtkampf in der Berliner Unterwelt

Volker Kutscher führt den Leser in diesem dritten Teil seiner Reihe um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath ins Jahr 1931. Die Berliner Polizeibehörden werden vom FBI über den Besuch des jüdischen Gangsters Abraham Goldstein aus Brooklyn informiert und Rath bekommt die Aufgabe, diesen zu beschatten. Während Gereon sich auf seinem Observierungsposten im Hotel Excelsior langweilt, bewegt sich der titelgebende berüchtigte Verbrecher Goldstein frei und bewaffnet in der Stadt.

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Graeme Macrae Burnet | Sein blutiges Projekt

Wenn es das Schicksal wollte, dass Lachlan Broad durch meine Hand starb, dann würde es so geschehen. Erfolg und Ausgang meines Unternehmens lagen außerhalb meiner Kontrolle. So kam ich zu dem Schluss, wenn ich Lachlan Broad töten wollte, müsste ich zunächst einmal zu seinem Haus gehen. Außerdem brauchte ich eine Waffe, mit ich die Tat vollbringen konnte. Und was wäre dazu besser geeignet als die Feldhacke, die die Vorsehung mir in die Hand gegeben hatte? Als ich am oberen Teil des Feldes ankam, sah ich einen Spitzspaten, der an der Hauswand lehnte, und den nahm ich noch dazu. Dann machte ich mich auf den Weg zum anderen Ende des Dorfes. Ich redete mir ein, dass ich nicht vorhatte, Lachlan Broad zu ermorden, sondern lediglich herausfinden wollte, was passieren würde, wenn ich seinem Haus derart bewaffnet einen Besuch abstattete. (Auszug Seite 184-185)

Ein kleines, küstennahes schottisches Bauerndorf wird im August des Jahres 1869 Schauplatz eines dreifachen Mordes. Der Dorfvorsteher Lachlan Mackenzie, seine 15-jährige Tochter und sein dreijähriger Sohn werden in ihrem Haus brutal ermordet. Der Täter stellt sich selbst unmittelbar nach der Tat. Es ist der 17-jährige Nachbarssohn Roderick Macrae. Er wird inhaftiert und angeklagt. Doch sein Anwalt verfolgt eine Strategie: Er will Rodericks Unzurechnungsfähigkeit beweisen, um ihn vor dem Galgen zu bewahren.

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Anja Marschall | Tod am Nord-Ostsee-Kanal

Brunsbüttel 1894: Als sich ein tödlicher Unfall auf der Baustelle des Nord-Ostsee-Kanals ereignet, wird Kriminalinspektor Hauke Sötje an die Elbe geschickt, um den Vorfall zu untersuchen. War es ein Unfall oder gar Sabotage am prestigeträchtigsten Bauprojekt der Welt, das schon bald von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eröffnet werden soll? Ein Attentäter und die hübsche Tochter des Unternehmers Jennings verwickeln Sötje in einen Fall, der nicht nur das Leben Wilhelms II., sondern das gesamte junge Kaiserreich bedroht.

Mord am Nord-Ostsee-Kanal spielt 1894, in der Zeit der Fertigstellung des Nord-Ostsee-Kanals, kurz bevor Kaiser Wilhelm zur Eröffnung erwartet wird. Handlungsorte sind zum größten Teil Brunsbüttel und Rendsburg, der Beginn der Geschichte findet allerdings in Kiel statt. Hier wird Kriminalhilfssergant Hauke Sötje zur Observierung des Marktes eingeteilt, da ein Informant der Polizei mitgeteilt hatte, dass mehrere hundert Werftarbeiter einen aufrührerischen sozialistischen Aufmarsch in der Stadt planten. Weiterlesen

Volker Kutscher | Lunapark

Ein blaues Auge schaute ihn an. Kein kompletter Augapfel, eher eine Halbschale, gleichwohl perfekt gerundet. Rath musste unwillkürlich an das blutige Auge denken, das im Mülleimer des Sturmlokals gelegen hatte, und ihm wurde flau im Magen. Doch dieses Auge hier war anders. Hart und unerbittlich. „Daran ist er gestorben?“ Karthaus nickte. „Wie zum Teufel, Doktor, bekommt jemand ein Glasauge in seine Luftröhre?“ „Eine interessante Frage, Kommissar“, sagte der Gerichtsmediziner, „die zu beantworten dann wohl ihre Aufgabe sein dürft.“ (Auszug Seite 111)

Der Tote, der 1934 in Berlin unter einer Eisenbahnbrücke gefunden wird, trägt eine braune SA-Uniform und scheint auf brutalste Weise totgeschlagen zu sein. Der alarmierte Kommissar Gereon Rath trifft am Tatort auf seinen ehemaligen Untergebenen Reinhold Gräf. Dieser hat die Zeichen der Zeit erkannt und hofft mit seinem Wechsel zur Geheimen Staatspolizei auf einen Karrieresprung. Da über dem Opfer an der Mauer eine kommunistische Parole prangt, fühlt sich die Gestapo hier zuständig. Während Gräf den Täter nur in Kommunistenkreisen sucht, zweifelt Rath an den politischen Motiven und ermittelt auf eigene Faust.

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