Helen Garner | Drei Söhne

Robert Farquharson bekommt sein Leben einfach nicht auf die Reihe. Seit einiger Zeit lebt er getrennt von seiner Familie. Am Abend des Vatertags im Jahr 2005 fährt er die drei Söhne zurück zu seiner Exfrau, als sein Wagen von der Straße abkommt und in einen Baggersee stürzt. Nur er kann sich aus dem Auto befreien … Tragischer Unfall oder Racheakt – diese Frage wird die australische Justiz und Öffentlichkeit in den folgenden Jahren beschäftigen – und sie wird für Helen Garner geradezu zur Obsession. Sie verfolgt den Prozess durch alle Instanzen und erzählt die Geschichte eines Mannes und seines kaputten Lebens. (Klappentext im Einband)

Für das Australien & Neuseeland-Spezial hatte ich mir ein paar Buchvorschläge geben lassen. Drei Söhne hatte mich sofort angesprochen, da die Geschichte um den Tod der drei Kinder von Cindy und Robert Farquharson kniffelig und spannend schien. Schon der knappe Klappentext wirft die immer mitschwingende Frage ‚War es ein Unfall oder war es ein Racheakt an seiner Exfrau‘ auf. In deutschen Medien habe ich zu diesem Fall sehr wenig gefunden, es war ja auch im Grunde lediglich ein lokaler Fall in der Nähe von Melbourne in Australien. Doch die Thematik, die Frage, diese eine Frage, ist so ungeheuerlich, dass ich mir niemanden denken kann, den die Antwort nicht interessieren würde.

Helen Garner, heute 74 Jahre, ist mehrfach ausgezeichnete Bestseller-Autorin, hatte ihren internationalen Durchbruch mit dem Roman Das Zimmer, der 2009 im Berlin Verlag veröffentlicht wurde. Im selben Verlag erschien nun Drei Söhne, eine Schilderung des Mordprozesses gegen Robert Farquharson, die auf einem wahren Fall aus dem Jahr 2005 beruht. Die Verhandlung vor dem obersten Gerichtshof von Victoria begann zwei Jahre, nachdem das Auto im Baggersee versank.

Sie schildert chronologisch den Prozessverlauf, welchen Sie als Pressevertreterin in Begleitung der sechzehnjährigen Tochter einer Freundin vom ersten Tag an im Gerichtssaal verfolgt. Dabei wird ihre Obsession den Fall betreffend mit zunehmender Seitenzahl immer deutlicher. Minutiös und sehr detailliert beschreibt Garner nicht nur den Verhandlungsverlauf sondern ebenso alle Beteiligten wie natürlich in erster Linie den Angeklagten Robert Farquharson als auch seinen Rechtsbeistand, den Staatsanwalt, den vorsitzenden Richter, die Geschworenen, andere Journalisten, Zeugen, Gutachter, einfach alles und jeden. Dabei erging es der Autorin im Gericht zeitweise ähnlich wie mir beim Lesen, was ich verblüffend aber in der Sache sehr nachvollziehbar fand.

Nun begann Mr Morrissey mit einem schleppenden, umständlichen und kräftezehrenden Kreuzverhör von zwei Polizisten (…) über den Zustand des Autos vor und nach dem Unfall, und das alles höchst detailliert. (…) aber für jeden, der sich mit der Terminologie der Automobiltechnik nicht so gut auskannte, war diese technische Beweislage beinahe ebenso ermüdend wie die bei den gelben Farbmarkierungen. Die schiere Menge an technischen Details machte einen hoffnungslos benommen. Ich musste mich selbst leicht ohrfeigen, um aufmerksam zu bleiben. Manche der Geschworenen schienen einzunicken. Sogar der Richter blickte leer und betäubt drein; (…). Ein Journalist, der in meiner Nähe saß, blätterte durch das Fernsehmagazin Age. Ein anderer löste unter der Bank ein Sodoku. Die Zeiger der Wanduhr schienen langsamer zu werdenund schließlich stehen zu bleiben. (Seiten 162 und 163)

Man merkt der Autorin an, dass sie – Pressevertreterin hin oder her – schwankt, dass sie sich gern verleiten lässt, einem Zeugen im Kreuzverhör eher zu glauben, wenn er in ihre eigene gedankliche Richtung argumentiert. Sie ertappt sich dabei, wie sie vorschnelle Schlüsse zieht, dass auch sie nicht davor gefeit ist, dass das Urteil noch gar nicht gesprochen ist, und sie doch schon Glauben mit Wissen vermengt.

Mein Kopf war erfüllt von einem lauten Scheppern. Kein Expertentum, nichts Geschultes oder Verstandesmäßiges. Nur der Ausschlag eines Schwachsinnsdetektors, das war alles. Die Alarmglocken einer Frau, die seit über sechzig Jahren auf der Welt war und die die Männer kannte, wie sie manchmal die Wahrheit sagten und manchmal logen. (Seite 87)

Es ist eine Prozessschilderung, wie man sie aus diesem Blickwinkel genauer wohl nicht darlegen könnte, aber mir war es deutlich zu detailverliebt, zu anstregenden und leider auch viel zu informationsreich, als dass ich unangestrengt hätte lesen können. Es ist nicht uninteressant, wie die Protagonisten dieses Mordprozesses Form annehmen, man sich als Leser schon ab und an fragen kann, warum denn niemand diesen Typ schüttelt, wieso er so ausufernd und doch gleichzeitig nichtssagend palavern darf. Das hielt sich in Grenzen, doch ich habe leider irgendwann das Interesse an der Antwort auf die eine Frage verloren, was mich selbst verwunderte, da es doch ein so unerhörter Vorwurf war.

Kurzum: Mein Leseimpuls versiegte nach und nach, die ewigen Wiederholungen langweilten nicht nur die damals Anwesenden sondern auch mich, sodass ich das Buch nicht beendet habe und die Antwort auf die alles beherrschende Frage nach wie vor nicht kenne, wobei es natürlich fraglich ist, ob Drei Söhne respektive der oberste Gerichtshof von Victoria dies abschließend klären konnte.

 

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Drei Söhne | Erschienen am 1. September 2016 im Berlin Verlag bei Piper
ISBN 978-3-82701-269-2
352 Seiten | 20,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Blogkooperative Australien & Neuseeland-Spezial.

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