Karin Slaughter | Cop Town

Keine weiße Frau würde je mit einem schwarzen Mann fahren. Die weißen Männer wären nur zu gern mit schwarzen Frauen gefahren, aber Letztere waren nicht so dumm, zu einem Weißen ins Auto zu steigen. Und dass ein schwarzer Mann mit einem weißen fuhr, war völlig ausgeschlossen. Vielleicht war dies auch der Grund, warum Atlanta den Statistiken zufolge eine der gewalttätigsten, kriminellsten Städte Amerikas war. Soweit Maggie es beurteilen konnte, waren schwarze und weiße Beamte sich nur insofern einig, als sie unisono der Ansicht waren, dass Frauen nicht in Uniform gehörten.  (Auszug Pos. 972)

In Atlanta im Jahr 1974 werden kurz hintereinander mehrere Polizisten erschossen. Der von allen nur ‚Shooter‘ genannte Killer richtet seine Opfer mit gezielten Kopfschüssen hin. Zeitgleich beginnt die junge Kate Murphy hochmotiviert ihren Dienst bei der Atlanta Police. Sie stammt aus einer gutsituierten jüdischen Familie, aber nachdem ihr Ehemann in Vietnam verstarb, will sie endlich auf eigenen Füßen stehen. An ihrem ersten Tag wird sie Jimmy Lawson an die Seite gestellt, der grade seinen Partner durch den Copkiller verloren hat. Kate lernt seine resolute Schwester Maggie Lawson kennen, die schon länger bei der ‚Truppe‘ arbeitet. Obwohl die taffe Maggie aus einer klassischen Cop-Familie stammt, kämpft sie wie alle Frauen täglich gegen Ressentiments und Machogehabe ihrer sexistischen Kollegen.

Der Leser begleitet die hübsche Kate bei ihren ersten Tagen durch viele schwierige und demütigende Situationen. Zum Beispiel ist ihre Uniform viel zu lang, die Schuhe zu groß und die Polizeimütze passt nicht richtig auf ihren Kopf. Die Darstellung fand ich etwas lächerlich, aber laut Recherche der Autorin gab es zu der Zeit noch keine Dienstkleidung für Frauen. Der Wandel der Zeit Mitte der 1970er Jahre ist noch nicht in der Südstaatenmetropole angekommen. Hier regiert noch die Vetternwirtschaft und trotz eines schwarzen Bürgermeisters existiert im Police Department immer noch die strikte Trennung zwischen Weiß und Schwarz.

Als ein weiterer Cop ermordet wird, eskaliert die Situation. Die Männer des Atlanta Police Department begeben sich kopflos auf die Jagd nach dem ‚Shooter‘. In ihrer maßlosen Wut ist ihnen jedes Mittel recht, einen Verdächtigen zu präsentieren. Laut einhelliger Meinung der meisten Cops haben Frauen bei der Ermittlungsarbeit nichts zu suchen. Besonders Maggies brutaler Onkel und Vorgesetzter Terry Lawson verspottet sie und spart nicht mit Demütigungen und Diskriminierungen. Es sind dann aber Maggie und Kate, die sich trotz aller Gegensätze angenähert haben und die, trotz Behinderung durch die Männer, eine erste Spur zu dem Killer finden. Kates gravierende Wandlung vom weinerlichen Neuling zur selbstbewussten Polizistin gerät etwas zu schnell, da die Handlung sich auf über 500 Seiten über nur vier Tage erstreckt.

Die in Atlanta lebende Autorin Karin Slaughter schickt ihren Leser in diesem Stand-Alone, abseits von ihrer erfolgreichen Grant County Reihe, auf eine Zeitreise in die 1970er Jahre. Sie legt dabei den Fokus auf die tägliche Polizeiarbeit und auf die Anfeindungen der männlichen Cops und der Frauen untereinander. Diesen Aspekt fand ich sehr interessant und dabei hat sie gut recherchiert. Sexismus und Rassismus bestimmten den Alltag in dieser Zeit in den Südstaaten, und der Verdacht der Homosexualität war das Schlimmste für einen Mann. Die Geschichte um den Copkiller rückt dadurch in den Hintergrund und verliert an Spannung.

Bis auf die Hautprotagonisten sind die anderen Figuren stereotyp und austauschbar. Die Männer werden durchgehend als versoffene, rassistische, homophobe und gewalttätige Cops dargestellt. Hier hätte ich mir eine etwas differenzierte Charakterisierung gewünscht. Karin Slaughter ist auch nicht als Autorin für zarte Gemüter bekannt, trotzdem war die derbe teils vulgäre Sprache, die sie benutzt, für mich oft am Rande des Erträglichen und einfach zu dick aufgetragen.

Oder vielleicht war es auch die Art gewesen, wie Bud Deacon sich die Hand vorn in die Hose gesteckt hatte. Oder der Gestank nach Kotze, den Jett Elliott verströmt hatte. Oder Cal Vicks Unfähigkeit, bei einer Frau irgendwoanders hinzustarren als auf den Busen. Oder die Art, wie Chip Bixby Kate angeglotzt hatte, als wollte er sie im nächsten Augenblick in den Wald zerren und sie vergewaltigen. (Pos. 3511)

Leider hat mich der aus mehreren Perspektiven erzählte Roman Cop Town nicht vollständig überzeugt, da er in weiten Teilen auf der Stelle tritt. Es ist weniger ein Thriller, als eine Geschichte über zwei Frauen, die lernen müssen, sich in einer Männergesellschaft zu behaupten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

 

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Cop Town | Erschienen am 9. November 2015 bei Blanvalet
Gelesen wurde die eBook-Ausgabe (epub)
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1630 KB | 11,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Daten zur Printausgabe:
ISBN 978-3-7645-0551-6
545 Seiten | 14,99 Euro

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