Lesung: Jo Nesbø | Blood on Snow. Das Versteck, Bericht von der Lesung in Schwerte

Im Zuge des 8. Krimifestivals Mord am Hellweg las Jo Nesbø aus seinem neuen Krimi Blood on Snow. Das Versteck. Als großer Fan des norwegischen Autors fand ich mich am 20. Oktober in der Rohrmeisterei in Schwerte ein. An die 500 Gäste drängelten sich bereits in der ehemaligen Pumpstation. Das wunderschöne rote Ziegelbauwerk an der Ruhr wird seit geraumer Zeit als Kultur- und Bürgerzentrum genutzt und ist mittlerweile die Stätte vieler kultureller Veranstaltungen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Tobias Bäcker, dem Chef der Rohmeisterei, und Christiane Antons vom Westfälischen Kulturbüro, erscheinen die Protagonisten: Oliver Mommsen, der den deutschen Lesepart übernehmen soll, Margarete von Schwarzkopf, Journalistin und für die Moderation zuständig und Jo Nesbø himself. Der schlaksige norwegische Krimiautor wird in seiner Heimat wie ein Rockstar gefeiert, seine Bücher werden weltweit in über 50 Sprachen übersetzt mit einer Auflage von über 20 Millionen. Am bekanntesten ist sicher seine Reihe um den Kommissar Harry Hole, aber inzwischen hat er auch einige Stand Alones geschrieben und auch mehrere Kinderbücher, deren Verfilmung demnächst ansteht. Jo Nesbø hat alle Auszeichnungen im Krimigenre erhalten und ist einer von 4 Anwärtern (neben Ingrid Noll, Sebastian Fitzek und Arnaldur Indriðason) auf den Europäischen Preis für Kriminalliteratur 2016/2017.

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Die Rohrmeisterei in Schwerte

Nesbø, locker in Jeansjacke, kommt grade vom Klettern, seinem großen Hobby. Von Frau von Schwarzkopf gefragt, wie er auf die Ideen für seine Plots kommt, erzählt er amüsant in Englisch, dass er beispielsweise einmal am Flughafen in Toronto von einem Taxi abgeholt wurde und der russische Taxifahrer erst mal in die falsche Richtung fuhr. Dem Autor, dem erst mal mulmig wurde, dachte, was für eine großartige Idee für eine Kidnapping-Szene. Auf den Vorwurf, immer ähnliche Szenarien zu schreiben, verweist er auf Quentin Tarantino, der auch mit dem Vorwurf leben muss, immer im gleichen Stil zu drehen. Oder viele bekannte Musiker hätten auch nur zwei gute Melodien im Kopf, die immer wieder variiert werden. Laut Frau von Schwarzkopf ist der vorliegende Krimi aber leichter und weniger finster als die vorherigen. Nesbø erklärt, dass er sich das so nicht vorgenommen hat. Aber rausgekommen ist ein leiser, melancholischer Krimi und auch eine Liebesgeschichte.

Das Versteck ist der 2. Teil seiner kleinen „Blood on Snow“-Reihe und spielt in den 70er Jahren. Ein Kleinkrimineller ist auf der Flucht und landet im Hohen Norden Norwegens in der Finnmark. Hier hat der Autor in den 70er Jahren selbst einige Zeit verbracht. Man muss wissen, dass Oslo von der Finnmark genauso weit entfernt ist wie von Rom. Die dort lebenden Samen unterscheiden sich sehr von den Norwegern. Während die Norweger eher scheu sind, zeichnen sich die Samen durch eine große Herzlichkeit aus. Sie leben nach strengen religiösen Sitten ähnlich den Amischen in den USA. Die Samen sind eine Minderheit, deren Kultur und Sprache jahrelang verboten wurde. Hier knüpft Nesbø eine Verbindung zu dem 1. Band der Harry-Hole-Serie, in der Hole in Australien bei den Aborigines ermittelt. Aber der Ausgangspunkt für diese Geschichte, der sogenannte Trigger, erklärt Margarete von Schwarzkopf, war die Landschaft und die Einsamkeit. Eine faszinierende Landschaft, in der die Winter lang sind und die Sonne von Mai bis August nicht untergeht.

Jo Nesbø liest einige Minuten auf Norwegisch, nicht ohne dass Frau von Schwarzkopf uns augenzwinkernd bittet, hier nicht zu lachen. Dann übernimmt Oliver Mommsen, vielen bekannt als Nils Stedefreund im Bremer Tatort. Er liest mit viel Engagement und leiht den unterschiedlichen Figuren seine Stimme. Er sorgt für große Lacher, als er in seinem Enthusiasmus die einzelnen Stimmen vertauscht.

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Jo Nesbø

Der Geldeintreiber Jon landet in einem kleinen Kaff und behauptet er wolle jagen. In Wirklichkeit ist er aber auf der Flucht vor seinem Chef, einem großen Drogenbaron aus Oslo. Er sollte einen Dealer erschießen, aber das Problem ist: Jon oder Ulf Hansen, wie er sich jetzt nennt, ist viel zu gutmütig. Er hatte den Job nur angenommen, um das Geld für die Behandlung seiner krebskranken Tochter zusammen zu bekommen. Er findet erst mal Unterschlupf in einer Kirche und freundet sich mit der Küsterin Lea und ihrem Sohn Knut an.

Die erste Person, die Ulf in der Finnmark begegnet, ist der Lappe Mattes. Nesbø berichtet, dass er sich auf keinen Fall über Menschen lustig machen möchte, die an etwas glauben und dass er diese etwas fragwürdige Figur ein bisschen abgekupfert hat (wörtlich: stolen by) bei seinem Lieblingsschriftsteller, dem bedeutenden aber auch umstrittenen, norwegischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun.

Der dritte und letzte Teil der „Blood on Snow“-Reihe wird 2018 erscheinen. Zum Schluss verrät der Autor noch, dass die Verfilmung seiner Harry-Hole-Reihe läuft und als Hauptdarsteller niemand geringeres als Michael Fassbender verpflichtet werden konnte. Dann ist die Lesung zu Ende, Nesbø und Mommsen eilen in die Vorhalle, wo sie noch freundlich und geduldig angesichts der langen Schlangen, die sich schnell gebildet haben, Bücher signieren und für Selfies zur Verfügung stehen.

 

Bericht und Fotos von Andy Ruhr.

 

Dieser Text erscheint im Rahmen unseres Mord am Hellweg Lesungs-Spezial.

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