Ben Atkins | Stadt der Ertrinkenden

„Die Zwanziger: Wie konnte all das nur auf einer Illusion beruhen? Auf etwas, das es gar nicht gab? Ich besaß ein wirkliches Automobil. Ich besaß wirkliche Kleidung. Ich konnte sie mit meinen Händen befühlen, oder?“ Er schloss die Augen. „Wolle, Cordsamt, Baumwolle. Ich bewohnte ein wirkliches Apartment mit festen Wänden und Möbeln. Ich bezahlte Miete, es kostete mich wirkliches Geld. Es war teuer, aber ich zahlte stets pünktlich, Woche für Woche. Auch wenn es schwer war, tat ich alles, was ich tun musste, und mehr, denn das Geld, mit dem ich bezahlte, war wirklich. Wie konnte das alles zunichte werden durch einen – einen Kunstfehler der Banken?“

(Auszug Seite 24)

Ein Abend im November 1932, in irgendeiner amerikanischen Großstadt: Ich-Erzähler Fontana, Teilhaber eines lukrativen Alkoholschmuggelunternehmens, ist nach einer Europareise erst seit kurzem wieder in den Staaten. Ein Abendessen mit Damenbegleitung muss er relativ schnell beenden, denn sein Freund und Geschäftspartner Luca bittet ihn um einen Gefallen: Er soll die Oktober-Abrechnungen im Büro suchen und mitbringen. Doch Fontana findet keine Abrechnungen und als er in Lucas Apartment kommt, ist dieser spurlos verschwunden. So langsam kommt ihm der Verdacht, dass während seiner Abwesenheit etwas gründlich schiefgegangen sein muss. Fontana beginnt eine nächtliche Odyssee durch den korrupten und kriminellen Großstadtsumpf.

»Stadt der Ertrinkenden« ist das Debüt des neuseeländischen Autors Ben Atkins. Er begann diesen Kriminalroman im Noir-Stil erstaunlicherweise bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren. Fünf Jahre später wurde der Roman veröffentlicht. Atkins schildert lediglich die Ereignisse einer einzigen Nacht und schafft es dennoch in einem ansprechenden, fast poetischen Stil die Atmosphäre einer rohen und trostlosen Zeit einzufangen.

Die Weltwirtschaftskrise hat nun schon seit drei Jahren die Gesellschaft im eisernen Griff. Die Armut ist längst Massenphänomen. Doch auch in der Krise gibt es natürlich Gewinner. Das organisierte Verbrechen hat die amerikanischen Großstädte fest im Griff. Die Gier nach Macht und Geld lockt ganz verschiedene Gestalten an: Kapitalisten, Kriminelle, Kommunisten und Faschisten – und die Grenzen verschwimmen. Die Prohibition treibt die Menschen in die illegalen Flüsterkneipen, die Speakeasys. In den dunklen Spelunken wird billiger Fusel gereicht, in den exklusiven Clubs Dom Perignon. Doch ein Ende der guten Geschäfte mit Alkohol ist absehbar: Franklin D. Roosevelt tritt bald das Präsidentenamt an, da muss man mittelfristig die Geschäfte diversifizieren.

In dieser Gemengelage zieht Fontana los, um seinen Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Er ist intelligent und smart, aber gleichzeitig wortkarg. Er trauert seiner Liebe nach und wird von Alpträumen heimgesucht. „Fonty“ ist noch einer der letzten ehrenhaften Gangster, nimmt aus Prinzip keine Waffe mit. Im Laufe der Nacht trifft er eine Menge merkwürdiger und schillernder Personen. Manche betrügen ihn, manche benutzen ihn, manche halten ihre Hand schützend über ihn und manche helfen ihm. Nur fällt ihm in diesem Dickicht oft erst spät auf, wer es gut mit ihm meint und wer nicht.

Insgesamt ist »Stadt der Ertrinkenden« ein atmosphärisch sehr dichter Noir-Krimi (wobei manche Aspekte mich ins Grübeln bringen, ob das Buch überhaupt noch ein Noir ist). Der Krimiplot erreicht für mich nicht ganz das hohe Niveau der Figuren und des Settings, aber nichtsdestotrotz ist der Roman ein wirklich vielversprechendes Debüt.

 

Rezensent: Gunnar Wolters.

 

Stadt der Ertrinkenden

Stadt der Ertrinkenden | Erschienen im Februar 2015 bei Polar
280 Seiten | 14,90 Euro
Leseprobe

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