Christoffer Carlsson | Der Turm der toten Seelen Bd. 1

Leo Junker, Anfang 30, ist als Polizist vorübergehend vom Dienst suspendiert, nachdem er versehentlich einen Kollegen erschossen hat. Körperlich und psychisch angeschlagen, ist er voller Sorge um seine Zukunft. Als in seinem Wohnhaus ein Mord geschieht, beginnt Leo – unerlaubt – zu ermitteln. Denn ein Detail an der Ermordeten erinnert ihn auf erschreckende Weise an seine eigene gewalttätige Jugend und an das brutale Ende seiner ersten Liebe. Leo weiß, dass ihm jetzt nur einer weiterhelfen kann: John Grimberg, früher sein bester Freund, der später jedoch zu seinem abgrundtiefen Feind wurde und nur auf eine Gelegenheit wartet, sich an ihm zu rächen.

Christoffer Carlsson wird uns als der schwedische Krimi-Shootingstar angekündigt, der mit seiner Reihe um den jungen Polizisten Leo Junker vielleicht einen neuen Meilenstein im Genre gesetzt haben könnte wie zuletzt Stieg Larsson mit seiner „Millenium-Trilogie“. Kein Zweifel, der promovierte Kriminologe Carlsson mit bereits beachtlichem wissenschaftlichen Renommee ist auch ein höchst begabter Autor von „Schweden-Krimis“, aber der Vergleich mit Larsson ist nach meiner Meinung (noch) etwas zu weit hergeholt und bislang kann ihm der junge Autor nicht standhalten – aber offenbar nimmt seine literarische Karriere ja zumindest in seiner Heimat, wo er bereits mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, einen ähnlich erfolgreichen Verlauf wie seine akademische Laufbahn.

Der Turm der Toten Seelen“, zuerst im Stockholmer Piratförlaget erschienen, segelt jedenfalls unter falscher Flagge: als kraftvoller, suggestiver Thriller angekündigt, erweist sich „Den osynligen mannen fran Salem“ vielmehr als soziologische Studie und gleichermaßen psychologische Analyse der schwedischen Gesellschaft im Allgemeinen und des Mikrokosmos Salem und seiner Bewohner, die Hauptdarsteller der Erzählung, im Besonderen. Es ist eine ernüchternde Bestandsaufnahme, die schonungslos das brüchige Zusammenleben einer Zufalls- und Zwangsgemeinschaft von Verlierern zeigt, die sich selbst überlassen ist, die üblichen Versatzstücke vieler Skandinavien-Krimis.

In diesem Salem, einem südlichen Vorort von Stockholm, ist Leo Junker aufgewachsen, in einem sozialen Brennpunkt in dem vieles aus den Fugen geraten ist und noch viel mehr im Begriff ist, aus dem Ruder zu laufen. Auch er ist gezwungen, vorzeitig erwachsen zu werden und sich in einem Milieu zu behaupten, in dem niemand Dinge in Frage stellt und alltägliche Gewalt vorprogrammiert ist und schließlich achselzuckend hingenommen wird.

Pöbeleien, Prügeleien und schlimmeres, Demütigungen, Bedrohungen, Randale und Zerstörung, das ist der Alltag der Jugendlichen in den Mietskasernen mit ihren zerrütteten Familien und vor den Häusern, wo sich die zusammenrotten, die gleiche Interessen haben und sich fern von denen halten, die ihnen schaden können. Auch Leo kann sich dieser Spirale der Gewalt nicht entziehen, er wird getreten und geschlagen und er schlägt zurück, ist Opfer und Täter wie all die anderen.

„Irgendjemand kommt davon, ein anderer gerät in die Schusslinie“.

Dennoch hat Leo mit seinen 33 Jahren bereits eine erstaunliche Karriere bei der Polizei gemacht und bearbeitet mittlerweile Amtsdelikte im Dezernat für interne Ermittlungen. Bis er in einen Fall hineingezogen wird, der in einem völlig missglückten Polizeieinsatz endet, in dessen Verlauf er irrtümlich einen Kollegen erschießt. Junker wird zum Sündenbock gemacht und vom Dienst suspendiert, auf den rasanten Aufstieg folgt jetzt ein Karriereknick, ein jäher Absturz, mit dem Leo nicht fertig wird. Das Trauma verfolgt ihn, er bekämpft die Erinnerung und seine Panikattacken mit Oxazepam-Tabletten und Absinth, zieht sich völlig zurück und verlässt seine Wohnung höchstens, um in einer schäbigen kleinen Bar zu trinken, oft ist er einziger Gast der desillusionierten Barfrau Anna (Ein Bild wie bei Edward Hopper).

Sie ist fast eine Freundin, nachdem seine kurze, aber heftige Liebe zu Tattoo-Künstlerin Sam in einer Tragödie endet, die einen irreparablen Riss in ihrer Beziehung verursacht, ein weiterer Schicksalsschlag für Leo und ein weiterer Erzählstrang, ein weiterer tiefer Blick in das Seelenleben des Protagonisten, der einen Mosaikstein liefert für das großes Bild, das Carlsson über mehrere Bände hinweg aufbaut. Entsprechend behutsam wird die Geschichte Leos entwickelt,
sie beginnt und endet in diesem Roman auf dem Wasserturm von Salem. Leo freundet sich mit John Grimberg an, „Grim“ wie er sich nennt, der die gleiche Schule besucht und im Nachbar-Hochhaus wohnt.

In vielen Rückblenden lässt Carlsson seinen Protagonisten erzählen, was in diesem Sommer vor vielen Jahren passiert, wie seine Hauptpersonen wurden, was sie sind, das ist das eigentlich spannende an diesem Roman. Das wird nüchtern und sachlich vorgetragen, ja, lakonisch und dennoch wunderbar leicht trotz des schwierigen Themas. Es ist die Geschichte einer schwierigen Jugend mit all ihren Facetten, mit den großen Problemen und den kleinen Vergnügungen und Freuden und immer wieder Gewalt. Im Mittelpunkt steht aber das Entstehen einer großen Freundschaft und einer ersten Liebe des sechzehnjährigen Leo, ausgerechnet zur kleinen Schwester seines Freundes, der von dieser Beziehung auf keinen Fall etwas wissen darf: er überbeschützt sie und würde die Verbindung niemals tolerieren. Es kommt zu einer Katastrophe, die alles ändert.

Dieses Ereignis lässt Junker bis heute nicht los, und es scheint ihn nun einzuholen. In seinem Haus wird in einer Notschlafstelle eine drogenabhängige Prostituierte ermordet, und Leo verschafft sich unerlaubt Zugang zum Tatort. Er entdeckt in der Hand der Toten ein Schmuckstück, das er nur zu gut kennt und ahnt: dieses Verbrechen hat etwas mit ihm zu tun, geht ihn ganz persönlich an. Also beginnt er, auf eigene Faust zu ermitteln, von Gabriel Birck, der den Fall offiziell untersucht, hat er keine Hilfe zu erwarten. Endlich hat er wieder eine Aufgabe, kann etwas tun, aber er kommt nicht recht voran, auch rätselhafte Nachrichten auf seinem Mobiltelefon bringen ihn zunächst nicht weiter. Erst als ein Verdächtiger darauf besteht, nur mit Junker zu sprechen und er das Verhör leiten darf, erleben wir packende Polizeiarbeit, kommt ein wenig mehr Krimi-Atmosphäre auf.

Ansonsten gibt es keine große Spannung, keinen Thrill, keine überraschenden Wendungen oder falsche Fährten. Ruhig, düster und melancholisch beginnt der Roman und steuert folgerichtig und schnörkellos auf das erwartete Ende zu. Dem Leser ist recht früh schon klar, wer dieser „unsichtbare Mann“ des Romantitels sein muss, wer Leo die rätselhaften Nachrichten auf sein Handy schickt und wer der Verfasser des geheimnisvollen Tagebuches ist, dessen Auszüge von der ersten Seite des Buches an die Krimihandlung unterbrechen und begleiten und Notiz für Notiz mehr Gewissheit bringen über die schließlich offensichtlichen Zusammenhänge. Leo selbst erhält erst Gewissheit, als er selbst die letzten Seiten dieser Aufzeichnungen in die Hand bekommt und ihm klar wird, dass er schnell handeln muss.

Aber er ist wirklich nicht einsatzfähig, nicht in der Lage, eine Waffe in die Hand zu nehmen, hat Probleme, Auto zu fahren. In diesem letzten Moment wird der Roman doch noch zu einem Action-Thriller und endet in einem zwar übertriebenen, aber faszinierenden Showdown, es gibt Adrenalin pur, ganz großes Kino, fast wie bei Stieg Larsson.

Krimi-Puristen werden die über weite Strecken fehlende Spannung bemängeln, Thriller-Fans den fehlenden Nervenkitzel monieren und dem Roman Längen auf Grund der Geschichten vor und neben dem Mordfall bescheinigen, aber gerade diese Geschichten machen es für mich aus. Carlsson findet bei allen Anklängen an ähnliche Krimis aus Skandinavien einen ganz eigenen Stil, alles in allem sehr stimmig, sein Buch, in der Gesamtschau traurig und melancholisch, ist hervorragend aufgebaut und brillant geschrieben und endet passenderweise mit einer rührenden Schlussszene bei Leos Familie.

Aber es ist ja erst der Beginn: Dieser Fall ist abgeschlossen, aber Leos Geschichte wird weiter erzählt. „Den fallende Detektiven“, der zweite Roman um Leo Junker, wird im Oktober bei Bertelsmann als „Schmutziger Schnee“ erscheinen, und hier darf er gemeinsam mit Gabriel Birck wieder offiziell ermitteln. Einige Handlungsfäden dieses Buches werden nach allem, was ich bisher erfahren habe, wieder aufgegriffen und fortgesponnen. Ich werde nach den Erfahrungen mit dem ersten Band, die für mich pures Lesevergnügen waren, jedenfalls Leos Entwicklung weiter verfolgen.

 

Rezension von Kurt Schäfer.

 

Der Turm der toten Seelen Bd. 1

Der Turm der toten Seelen Bd. 1 | Erschienen am 9. März 2015 bei C. Bertelsmann
352 Seiten | 14,99 Euro
Leseprobe | Special

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