Merle Kröger | Havarie

„Vorsicht, Küstenwache!“
Karim reißt das Ruder herum. Schüsse peitschen über das Meer. „Keine Angst! Das sind nur Warnschüsse!“, ruft er seinen Leuten zu.
Der Cousin am Bug verschwindet im Dunkel.
Panik.
„Bruder! Wo bist du!“ […]
„Wir müssen hier weg!“
„Nein!“ Verzweiflung. Hallt durch die Nacht.
Motorengeräusche. Lichtfinger. Sie sind ganz nah.
„Da vorne!“ Abdelmjids Gesicht, direkt neben seinem eigenen. Karim lehnt sich nach links. Sieht an Abdelmjid vorbei. Eine Wand. Ihre Rettung liegt hinter dieser Wand aus Nebel. Er hält blindlings darauf zu.
Und schon tauchen Sie ein. Das Heulen des Windes stirbt einen schnellen Tod. Die Nebelgrenze wird zu einem dreidimensionalen Feld aus weißlichem Licht. Es dehnt sich aus, sehnt sich nach Unendlichkeit, leckt an den Konturen ihres kleinen Bootes.
Karim stoppt den Motor.
Keiner sagt ein Wort.
Alle denken dasselbe: Wenn er Glück hat, ziehen sie ihn rechtzeitig aus dem Wasser.
Wenn nicht … (Auszug Seite 12)

Das Mittelmeer zwischen Algerien und Spanien: Ein winziges Schlauchboot mit Flüchtlingen ist auf dem Weg, in die Festung Europa einzudringen. Aufgrund von Treibstoffmangel wird es manövrierunfähig. In der Nähe: Das irisches Containerschiff „Siobhan“ und das Kreuzfahrtschiff „Spirit Of Europe“. Während das Kreuzfahrtschiff dem Seerecht entsprechend auf den spanischen Seenotkreuzer „Salvamar Rosa“ wartet, geschehen auf der „Spirit Of Europe“ weitere Dinge: Der philippinische Sänger einer Bordband verschwindet spurlos, in der Wäscherei geschieht ein Unfall und der Chef der Security versucht, daraus Kapital zu schlagen.

Schon bei ihrem letzten, äußerst lesenswerten Kriminalroman Grenzfall hatte sich die Autorin Merle Kröger dem Thema Flüchtlinge beziehungsweise illegaler Grenzübertritt gewidmet. Der Roman gewann 2013 den Deutschen Krimi Preis. In ihrem neuen Buch Havarie hat sie nun die Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm verarbeitet. Sie wechselt in schnellen, kurzen Kapiteln zwischen insgesamt 11 Personen in Form einer Montage. Die Handlung spielt innerhalb von zwei Tagen. Wir begleiten so unterschiedliche Personen wie Karim Yacine, algerischer Schlepper, Lalita Masarangi, Sicherheitspersonal auf der Spirit Of Europe oder Diego Martinez von der Seenotrettung in Cartagena. Das Besondere bei den Figuren: Jede der Biografien handelt in einer Form von Flucht, Exil, Trennung oder Entwurzelung. Die Kapitel sind immer mit einer der Personen überschrieben. Dabei wechselt die Erzählperspektive zwischenzeitlich von der dritten in die erste Person. Somit erfährt der Leser auch Gedankengänge, Bewusstseinsströme und innere Konflikte der Hauptfiguren.

Ich habe mich mit der Bewertung ziemlich schwer getan. Der Roman ist definitiv ein wichtiges literarisches Statement zur aktuellen Flüchtlingspolitik. Die Autorin hat sich bewusst für diese Choreographie entschieden, es erinnert mich an einen Videoclip mit schnellen Schnitten und vielen Nahaufnahmen. Die ungewöhnliche Konstellation empfand ich allerdings letztlich als zu verkopft. Man erfährt durchaus einiges von den Figuren, Ängste, Sorgen, Hintergründe. Aber alles wechselt so schnell, die einzelnen Figuren werden quasi zu Passanten. Und auch die politisch-thematischen Hintergründe der Personen waren mir manchmal einen Tick zu dozierend eingeflochten. Da geht es um nepalesische Gurkhas und ihre Rolle im britischen Empire, hinduistisch-muslimische Rassenkonflikte, den Bürgerkrieg in Syrien, Umweltverschmutzung in Spanien, die troubles in Nordirland, den Ukrainekonflikt, die Flucht aus den deutschen Ostgebieten 1945 und und und. Die Biografien sind durchaus glaubhaft und gut recherchiert, und ja, geopolitisch hängt fast alles miteinander zusammen, aber ihre schiere Anzahl auf weniger als 250 Seiten hat mich schlichtweg erschlagen. Dieses Buch war für mich eine Art literarisches Speed-Dating, unterhaltsam, anregend, aber irgendwie hätte ich mich auch gerne auf einzelne Personen näher eingelassen.

Vielleicht wurde ich hierbei aufgrund der positiven ersten Besprechungen und Vorschusslorbeeren Opfer meiner eigenen hohen Erwartungen. Ohne Frage bietet der Roman ein hohes literarisches Niveau und ein wichtiges, aktuelles politisches Thema, aber die gewählte Form der Darbietung war für mein Empfinden nicht optimal. Zuletzt stelle ich noch eine Frage an die Literaturfachleute in den Raum (ist für die Gesamtbewertung unwichtig, aber dennoch): Ist das wirklich ein Kriminalroman?

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Havarie+

Havarie | Erschienen am 4. Mai 2015 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-224-1
240 Seiten | 15 Euro
Leseprobe (eBook-Ausgabe)

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12 Gedanken zu “Merle Kröger | Havarie

  1. Noch bin ich nicht so weit, den letzten Satz zu beantworten.
    Jedoch:
    Wenn sich eine Sparte des Verlag „ariadne kriminalroman“ nennt, ist die Erwartung, auch einen Krimi in die Hand zu bekommen, berechtigt. Nun steht auf der Ariadne Homepage

    Ariadne Krimis – seit 25 Jahren ist Spannung Frauensache.

    Ich habe den Eindruck, dass Else Laudan als Verlegerin mit ihrer Reihe die „Frauensache“ an erste Stelle setzt, an zweite dann den Begriff „Krimi“. Ein anderes Beispiel eines „Nichtkrimis“ der Reihe ist Dominique Manottis „Madoff Traum“, zwar spannend, jedoch mitnichten ein Krimi, trotzdem interessant, spannend. Auf alle Fälle aber „Frauensache“. Wir sollten uns darüber freuen, interessante Literatur aus dem Verlag zu bekommen – auch wenn der Inhalt nicht immer das hält, was die Spartenbezeichnung verspricht.

    1. Da hast du recht. Wobei man marketingtechnisch über den Slogan „Frauensache“ diskutieren könnte. Schließlich finden wir beide auch immer etwas Gutes im Ariadne Programm.

    1. Sicherlich ist der Begriff auf Autorinnen/Verlegerinnen bezogen. Für mich, der ich nie daran gezweifelt habe, dass Frauen hervorragende Krimis schreiben, mutet sich der Begriff veraltet an. Allerdings wird immer wieder moniert, dass in der ZEIT-Krimibestenliste Titel von Frauen als Autorinnen unterrepräsentiert sind. Es scheint wohl doch noch ein Thema zu sein. Und deshalb belassen wir es dabei, lesen gern Frauensachen.

  2. Dazu noch ein paar off topic Worte: Die KrimiZEIT-Bestenliste sollte nicht das Maß aller Dinge sein. Vielmehr würde ich mir wünschen, dass sich Leser wieder mehr trauen Bücher zu lesen, die nicht durch Klüngel und Marketing auf solchen Listen landen. Ebenso wie kleinere und deutlich unterrepräsentierte Verlage mehr ins Auge gefasst werden sollten. Aber nicht, dass dies nun jemand als Vorgabe missversteht. Man muss ja dieser Tage wortwörtlich so auf der Hut sein …

  3. Danke, Gunnar, für die tolle Rezension. Ich habe Havarie auf meinem Lesestapel schon gerade immer weiter zurück geschoben, da es gerade so viel Lorbeeren „hagelt“. Von mir gibt es jetzt dann erstmal eine Rezension zu „Lichtschacht“, auch aus dem Argument Verlag. Aber jetzt hab ich wieder ein bisschen mehr Lust, Havarie anzupacken – schließlich will ich wissen, ob es mir hier wie Dir geht. Ich habe (vor einer Weile schon) „Cut“ von Merle Kröger gelesen und wenn ich Deine Rezi lese, kommt mir die Beschreibung des Schreibstils doch sehr ähnlich vor.

    Schon bei „Lady Bag“ war mir das Wort „Kriminalroman“ doch recht weit gefasst, aber nevertheless: der Argument Verlag verlegt eben einfach gute Literatur – ob nun Krimi oder nicht – und ob nun von Frauen geschrieben und verlegt oder nicht. Die haben einfach einen guten Riecher und bisher war ich immer vollauf zufrieden.

    Und dann noch mein Kommentar zur KrimiZEIT-Bestenliste. Ich sehe das ehrlich gesagt anders, Nora. Gerade hier sind Kleinverlage sehr wohl repräsentiert und Mainstream, der eben qualitativ nicht immer etwas zu bieten hat, kaum. Ich empfinde es auch nicht so, dass dort Titel landen, die durch Marketing dort gelandet sind – das kann sich ein Kleinverlag – wie eben z. B. der Argument Verlag – vermutlich auch gar nicht leisten. Auch hohe Verkaufszahlen können sich meines Erachtens nicht widerspiegeln – da wären dann doch Fitzek und Co. eher zu finden. Anstatt dessen findet man da auf der Bestenliste eben auch den Argument Verlag neben Polar, Diaphanes oder auch Litradukt (und ganz vielen anderen, die ich jetzt nicht alle aufzählen möchte).

    1. Zugegeben, ich habe das sehr undifferenziert in den Raum gestellt. Werde eventuell nochmal drauf Bezug nehmen, wenn ich wieder etwas geerdeter bin.

      Dir auf jeden Fall gute Unterhaltung mit Havarie, wenn es soweit ist.

  4. Nur keine Hektik – ich hab mich nur gewundert, weil ich das ganz anders empfinde. Und ich will auch keinesfalls eine riesige Diskussion auslösen – davon hatten wir in der letzten Zeit ja wirklich genug. ;-)

    1. Die wird es an dieser Stelle nicht geben. Die Undifferenziertheiter des Kommentars hatte ich bereits eingeräumt.

Gedanken dazu

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