Carl Nixon | Rocking Horse Road

Mit fünfzehn wußten wir noch nicht, daß es Augenblicke gibt, die ein Leben in „davor“ und „danach“ teilen; Ereignisse, auf die Menschen zurücksahen als Tor zu etwas Neuem, einem neuen Leben, neuen Lebensabschnitten, manchmal besser, aber oft schlechter. […] Weder wir noch, wie wir heute vermuten, die Ashers wollten sich das damals eingestehen, aber dieser kurze Gang von der Kirche zum Leichenwagen bildete das Tor zu einem kargeren Land – und nicht nur für die Ashers, auch wenn sie am stärksten betroffen waren. Es war ein Wendepunkt für uns alle, die auf The Spit lebten. In diesem Moment traten wir in eine Landschaft ein, aus der es, wie die Ereignisse der Zukunft zeigen sollten, keinen Rückweg gab. (Auszug Seite 50-51)

Vier Tage vor Weihnachten 1980 wird am Strand der Landzunge „The Spit“ die nackte Leiche der 17-jährigen Lucy Asher gefunden. Eine Gruppe von 15-jährigen Jungen, die wie Lucy in der Rocking Horse Road auf The Spit leben und in die gleiche Schule gehen, beobachtet den Leichenfund. Von diesem Moment an bilden die Jungen eine verschworene Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Ziel: Den Mörder von Lucy Asher zu finden.

Sie sammeln Informationen, Erinnerungsstücke, beobachten das Haus der Ashers und stellen eigene Nachforschungen an. Zunächst beziehen sie in einer elterlichen Garage Quartier, später in einem angemieteten Lagerraum. Dort bauen sie eine Art Schrein für Lucy, die immer mehr zu einer Ikone stilisiert wird. Der unaufgeklärte Mordfall wird zu einer Obsession für die Jungen, die auch über 25 Jahre später noch anhält.

In all den Jahren haben wir es oft und von vielen verschiedenen Stimmen gehört, und vielleicht haben sie ja recht: Vielleicht sollten wir wirklich „endlich erwachsen werden“. Aber das ist leichter gesagt als getan. Man kann durchaus sagen, daß keiner von uns je über Lucy Asher hinwegggekommen ist. Sie war unsere erste Liebe und in mancher Beziehung auch unsere letzte. (Auszug Seite 86-87)

Der Autor Carl Nixon stammt aus dem neuseeländischen Christchurch. Er hat als Autor zunächst Dramen und Kurzgeschichten verfasst. Aus einer solchen ist Rocking Horse Road im Jahr 2007 als sein erster Roman hervorgegangen. Die Geschichte spielt auf der Nehrung The Spit bei Christchurch. Die gebundene Ausgabe enthält einige prächtige Farbfotos der dortigen Dünenlandschaft. Das besondere an diesem Buch ist die Erzählperspektive: Es wird durchgehend in der Wir-Form berichtet. Die Jungen von der Rocking Horse Road sind zumeist Arbeiterkinder, Rugbyfans und in Frauendingen zunächst weitgehend ahnungslos. Sie erzählen als Gemeinschaft von den weiteren Ereignissen, typisch männlich eher rau und unterkühlt. Der Mord an Lucy bildet die Zäsur in ihrem Leben, den Katalysator ihrer Pubertät. Jedoch leben sie 25 Jahre später fast alle immer noch auf The Spit, im gleichen Haus, teilweise sogar im gleichen Zimmer und hängen immer noch die Frage nach: Was geschah damals mit Lucy Asher?

Der Autor Carl Nixon bringt eine weitere Zäsur in diesen Roman ein, die sich auf die gesamte neuseeländische Gesellschaft bezieht. Mitte des Jahres 1981 unternahm die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft eine mehrwöchige Tour durch das rugbyverrückte Neuseeland. Doch die Tour war hoch umstritten, da der Apartheid-Staat eigentlich mit einem Boykott belegt war. Es kam zu starken und teilweise gewaltsamen Protesten. Dieser Part ist zwar durchaus interessant, hätte aus meiner Sicht aber noch besser in die Geschichte integriert werden können. Vieles bekommen die Jungen nur indirekt mit.

Insgesamt ein interessanter, unkonventioneller (Kriminal)-Roman über Freundschaft und Erwachsenwerden in herbem poetischen Ton und rauer Atmosphäre der Ostküste Neuseelands.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Rocking Horse RoadRocking Horse Road | Erschienen am 20. Juli 2012 bei Weidle
ISBN 978-3-938-80350-9
Die Taschenbuchausgabe erschien am 12. Mai 2014 bei btb
ISBN: 978-3-442-74738-2

240 Seiten | 19,90 Euro | TB 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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2 Gedanken zu “Carl Nixon | Rocking Horse Road

  1. Ich mochte das Buch damals sehr, hab es zur Buchmesse, bei der Neuseeland Gastland war, gelesen. Die Aufmachung finde ich ebenfalls sehr schön. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, weitere Bücher von Nixon zu lesen.

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