Mark Bowden | Killing Pablo

Der neue Richter war für Bestechung zugänglicher, und Pablo, sein Cousin und die anderen wurden freigelassen. Das Tauschgeschäft war aber so offenkundig gewesen, dass ein Berufungsrichter wenige Monate später die Anklage wieder zuließ und erneut die Verhaftung von Pablo und seinen Kumpanen anordnete. Der Prozess wurde jedoch durch weitere Rechtsmittel verzögert, und im März des folgenden Jahres, als Pablo immer noch auf freiem Fuß war, wurden die beiden DAS-Beamten, die für den Prozess die Hauptzeugen waren, Luis Vasco und Gilberto Hernández ermordet. (Auszug Seite 40)

Pablo Escobar – eine der schillerndsten Verbrecherpersönlichkeiten des letztes Jahrhunderts. Der Kolumbianer war von Ende der 1970er bis zu seinem Tod am 2. Dezember 1993 der Führer des Medellín-Kartells, des mächtigsten Drogenkartells der Welt. In seinem Sachbuch Killing Pablo versucht Autor Mark Bowden den Weg dieses Mannes und insbesondere die erbitterte Jagd auf ihn nachzuzeichnen.

Bowden beginnt das Buch mit einem Exkurs in die jüngere kolumbianische Geschichte, die entscheidend für die Entwicklung des Landes und auch Escobars war. 1948 wird der liberale Präsidentschaftskandidat Gaitán ermordet. Auf ihm ruhten die Hoffnung vieler Benachteiligter und insbesondere der unterdrückten Landbevölkerung. Es folgte ein Bürgerkrieg, La Violencia, der auf beiden Seiten mit großer Brutalität geführt wurde. Auch nach offizieller Beendigung des Bürgerkriegs 1958 führten bewaffnete Guerillagruppen (u. a die FARC) den Kampf (bis heute) weiter. In diesem Klima der Gewalt wächst der 1949 geborene Escobar in bescheidenen, aber nicht armen Verhältnissen auf.

Escobar beginnt Anfang der 1970er seine kriminelle Karriere mit Überfälle, Autodiebstahl und Marihuanaschmuggel. Er erkennt aber rasch die Potenziale des Kokains, insbesondere die USA als Absatzmarkt. Mit Skrupellosigkeit und Brutalität steigt er in der Hierarchie schnell auf. Für die gelähmten und ineffizienten offiziellen Behörden Kolumbiens entwickelt er die erfolgreiche Strategie „plata o plomo“ – „Silber oder Blei“. Entweder man ließ sich von ihm schmieren oder man war vom Tode bedroht.

Der Autor zeigt auf, wie erfolgreich Escobar eine ungeheure Machtposition in seiner Heimatstadt Medellín aufbaute. Dort war er praktisch unantastbar. Er setzte hohe Summen seines unvorstellbaren Vermögens für soziale und Stadtentwicklungsprojekte ein und erwarb sich damit auch die Gunst des überwiegenden Teils der Bevölkerung. Geschickt spielt er mit einem Outlaw-Image, trotz seiner Brutalität und legendären Exzesse auf seinen zahlreichen Haziendas. Doch aus Sicht Bowdens überzieht Escobar, als dieser beginnt, auch in die Politik einzusteigen. Er schafft es sogar 1982 zum stellvertretenden Kongressabgeordneten. Er will auch in die offizielle Elite des Landes aufsteigen. Doch damit begibt er sich zunehmend ins Visier von politischen Feinden. 1979 hatten die USA und Kolumbien bereits ein Auslieferungsabkommen für Drogenbosse abgeschlossen, 1983 kam mit Rodrigo Lara erstmals ein Justizminister ins Amt, der dieses Abkommen auch erfüllen wollte. Mit der Ermordung Laras 1984 war endgültig eine Grenze überschritten worden, mit großer Unterstützung der Amerikaner begann der kolumbianische Staat endlich ernsthaft die Verfolgung von Pablo Escobar. Damit begann ein (von beiden Seiten) mit großer Härte und Brutalität geführter Kampf, der den Großteil des Buches einnimmt.

Der Autor erzählt die Geschichte streng chronologisch und faktenreich, aber zu einer durchaus packenden Geschichte verdichtet. Er hat zahlreiche Interviews geführt und Quellen gesichtet, allerdings kann er kaum auf Quellen des ehemaligen Escobar-Lagers zurückgreifen. Bowden nimmt als Amerikaner zwangsläufig eine Position von außen ein. Die Entmystifizierung Escobars gelingt ihm, aber gleichzeitig verschweigt er nicht die fragwürdigen und illegalen Methoden seiner Häscher. Am Ende gibt er eine (leider) etwas zu kurz geratene Reflektion. Der DEA-Mann Joe Toft sagt im letzten Satz des Buches: „Welche Lehre aus der Geschichte zu ziehen ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, es ist nicht die, dass der Zweck die Mittel heiligt.“ Hier hätte man noch etwas mehr Aufwand betreiben können.

Mark Bowden schafft es die Geschichte des Pablo Escobar spannend und detailreich zu erzählen, vielleicht hier und da zu ausschweifend. Dafür war mir der Abschluss zu schnell geraten. Dennoch eine lesenswerte Lektüre.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Killing Pablo | Erschienen am 29. Januar 2004 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-8333-0086-8
398 Seiten | 11,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

 

Anmerkung: Diese Rezension ist Teil eines .17special – Teil 2, die Kinofilm-Review zu Paradise Lost, erscheint am 31. Juli 2015.

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