Oliver Bottini | Ein paar Tage Licht

Die algerische Krankheit, hatte Amel es genannt. Fragen wurden unterdrückt, Antworten bekam man nicht. Die Wahrheit wurde für irrelevant erklärt, weil sie destabilisieren konnte. Die wenigsten Algerier wagten es, dieses System zu durchbrechen.
Auch Amel nicht.
Und Eley verstand sie. Ihr Vater und ihr Onkel waren 1996 von Islamisten geköpft worden. Zwei Dutzend Bärtige hatten das Dorf im Tellatlas überfallen, schwer bewaffnet, im Blutrausch. Die Bewohner wurden zusammengetrieben, anhand einer Liste FLN-Mitglieder identifiziert, darunter Amels Vater, der Bürgermeister, und ihr Onkel, der Polizist, Helden des glorreichen Befreiungskrieges der Fünfziger. In den Neunzigern knieten sie inmitten ihrer Frauen und Kinder im Staub einer Dorfstraße, eine Axt am Nacken. Starben, wie niemand sterben durfte.
Ne demande plus jemais, hatte Amel gesagt.
Und Eley hatte nie wieder gefragt. (Auszug Seite 52-53)

Aus einem Gästehaus des algerischen Verteidigungsministeriums wird der deutsche Rüstungsmanager Peter Richter entführt, offiziell durch Al-Qaida. Doch für Ralf Eley, Beamter des BKA in der deutschen Botschaft, ist dies nicht so eindeutig. Eley fühlt sich für den Entführten verantwortlich, ihm sind jedoch in Algerien eigene Nachforschung untersagt. Heimlich zapft er eigene Kontakte und Quellen an und findet eine Spur zu einem Waffenhersteller in der deutschen Provinz.

Autor Oliver Bottini ist vielen Krimilesern durch die Reihe um die Freiburger Kommissarin Louise Boni bekannt (bald erscheint Band 6). Ein paar Tage Licht ist jedoch ein Stand Alone. Der Kriminalroman besticht vor allem durch einen sehr intelligent und realistisch konstruierten Plot und authentischen Figuren. Das komplette Buch wirkt hervorragend recherchiert, dazu trägt auch ein üppiges Glossar am Ende bei.

Zwei Hauptthemen verbindet Bottini in seinem Krimi. Zum einen der instabile Staat Algerien. Die alte Eliten aus dem Befreiungskrieg gegen die Franzosen, „le pouvoir“, und die Islamisten haben sich in den 1990ern einen Bürgerkrieg mit unfassbaren Gräueltaten auf beiden Seiten geliefert. Die Nation ist immer noch traumatisiert, eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung wird von staatlicher Seite unterbunden. „Le pouvoir“ wird vom Westen allerdings als verlässlicher Partner gegen den islamischen Fundamentalismus hofiert. Inzwischen hat sich nämlich auch Al-Qaida im Maghreb etabliert. Doch im Kampf gegen die Islamisten geraten auch die liberalen und gemäßigten Gruppierungen in Algerien unter die Räder. Inmitten dieser Konstellation versucht der BKA-Repräsentant Ralf Eley zum einen den deutschen Manager Richter aufzuspüren, aber auch die Fährte zu einem deutschen Waffendeal zu verfolgen.

Zum anderen wird das schmutzige Geschäft der Waffenexporte beleuchtet. Entscheidend für die Exportgenehmigungen ist der Bundessicherheitsrat, ein Gremium außerhalb der parlamentarischen Kontrolle. Doch im Hintergrund ziehen die Lobbyisten die Fäden. Im Roman ist dies Reinhold Wegner, Lobbyist des (fiktiven) Waffenherstellers Meininger Rau. Es geht um eine Lieferung von Sturmgewehren für Algerien. Seine Gegenspielerin ist die integere Katharina Prinz, ehemalige Botschafterin in Algier und inzwischen Beauftragte für Nah- und Mittelostpolitik und Maghreb im Auswärtigen Amt. Sie will den Deal unbedingt verhindern. Hervorragend stellt der Autor dar, wie sich beide Lager einen harten Kampf um die einflussreichen Personen liefern. Das Lager der Waffenexporteure kämpft naturgemäß mit den härteren Bandagen.

Erstaunlicherweise spielt auch die Liebe eine gar nicht so kleine Rolle im Roman. Allerdings eher die schmerzhafte Seite der Liebe, die drei der Hauptpersonen durchleiden. Lobbyist Wegner sehnt sich nach seiner Frau als Partnerin und Begleiterin, die allerdings nur noch repräsentative Pflichten wahrnimmt. Katharina Prinz wird nach zwanzig Jahren von ihrem Partner verlassen und steht nun einsam in der halbleer geräumten, viel zu großen Wohnung. Und BKA-Mann Eley liebt die algerische Richterin Amel Samraoui. Eine heimliche und riskante Liebe, ohne Zukunft. Am Ende hält Bottini für einen der drei und auch für den Leser einen Hoffnungsschimmer bereit.

Oliver Bottini hat hier einen klug konstruierten Roman geschrieben, der einen glaubhaften Einblick in deutsche Waffengeschäfte gibt. Gleichzeitig zeigt er ein tief traumatisiertes Algerien. Der vielleicht beste deutsche Politthriller der letzten Jahre.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Ein paar Tage Licht | Erschienen am 24.Juni 2015 bei DuMont
ISBN 978-3-83219-660-8
512 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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