Eric Ambler | Bitte keine Rosen mehr

„Killen kann heutzutage sehr teuer sein, oder es kann billig sein. Alles hängt davon ab, was zurückbleibt und ob und wie unverfänglich sich die hinterlassene Schweinerei erklären läßt. Auf den Straßen oder gleich daneben, da sind die bequemsten Abladeplätze. Alles, was Sie dort zurücklassen müssen, ist entweder ein weiteres Mahnmal unserer vulgären Autorouten-Gesellschaft oder, falls sich in irgendeiner der Leichen Kugeln befinden, ein weiteres häßliches Nebenprodukt des von Gangstern beherrschten Monopolkapitalismus. Das heißt, solange Sie die Dinge für die Verkehrspolizei nicht erschweren, indem Sie Soziologen mit Steuerberatern mischen.“ (Auszug Seite 377)

Paul Firman ist leitender Manager und Minderheitseigner des Unternehmens Symposia, das seine Kunden in Sachen Steuervermeidung und -hinterziehung berät. Er gerät ins Visier des Soziologie-Professors Krom, der ihn für eine kriminelle Fallstudie benutzen will, ansonsten droht er mit Firmans Enttarnung. Firman lädt Krom und dessen Kollegen Henson und Connell in eine Villa an der Côte d’Azur ein, um bei umfangreichen Besprechungen auch mit Hilfe von Halbwahrheiten und Lügen seinen Ruf zu retten. Doch es gibt noch jemanden im Hintergrund, der mögliche Enthüllungen und Geständnisse auf keinen Fall riskieren möchte.

Am Rande einer Konferenz für Steuerrecht wird Paul Firman von Professor Krom angesprochen. Krom ist für Firman kein Unbekannter: Vor kurzem hatte Krom einen vielbeachteten Vortrag über das kriminaltheoretische Thema des „kompetenten Kriminellen“ gehalten, in dem auch das Thema Steuerhinterziehung angesprochen wurde. Firman selbst steht der nur oberflächlich legal operierenden Symposia-Gruppe vor, unter verschiedenen weiteren Identitäten betreibt Firman für die Gruppe aber ein einträgliches Geschäft mit Steuervermeidung und -hinterziehung, wobei sie ihre oftmals kriminelle Kundschaft mit überhöhten Provisionen betrügen. Krom sagt Firman seine Machenschaften auf den Kopf hin zu und macht ihm ein Angebot: Er will eine umfassende Fallstudie mit vollständigem Einblick in die kriminellen Geschäfte Firmans veröffentlichen. Für Firmans Kooperation verspricht Krom ihm Anonymität.

Firman geht darauf ein. In einer Villa am Meer finden sich Firman und seine zwei Mitarbeiter Yves und Melanie sowie Krom und dessen zwei jüngere Kollegen Henson und Connell ein. Firman will natürlich nicht vollständig auspacken, sondern seine manipulierte Version der Wahrheit möglichst glaubwürdig an den Mann bringen. Jedoch wird dieses Manöver relativ schnell durchschaut und vorher getroffene Abmachungen von beiden Seiten nicht eingehalten. Allerdings ist nicht nur Krom eine Bedrohung, vielmehr sitzt Firman der neue erste Mann bei Symposia im Nacken. Mat Williamson ist eine undurchsichtige Person mit hohen Ambitionen, die durch diese Zusammenkunft an der Côte d’Azur aus seiner Sicht massiv bedroht werden. Und so baut sich zusätzlich zu den Spannungen in der Villa eine stetig steigende subtile Bedrohung von außerhalb auf.

„Bitte keine Rosen mehr“ ist Eric Amblers vorletzter Roman, Erstveröffentlichung war im Jahre 1977. Und erstaunlicherweise sind seine zentralen Themen Geldwäsche und Steuerhinterziehung aktueller denn je. Ambler baut seinen Roman über weite Strecken als eine Art Kammerspiel in der Villa auf. Ich-Erzähler Firman und Krom belauern sich, keiner traut dem anderen über den Weg. Firman belauscht seine Gäste über Wanzen und versucht ihnen selektierte Informationen anzudrehen. Krom hingegen glaubt Firman in der Tasche zu haben, spielt sich vor seinen Kollegen auf und kauft Firman vor allem eine Bedrohung von außen nicht ab. Beide liefern sich ein Duell der Eitelkeiten. Zwischendurch erläutert Firman in Rückblenden seinen eigenen Werdegang (mit Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg mit autobiografischen Anleihen des Autors) und die seines Unternehmens. Insgesamt ist das Tempo gemächlich, der Fokus liegt auf dem intellektuell-psychologischen Duell zwischen Firm

an und Krom. Dadurch ist der Roman nicht so richtig stringent und temporeich, Spannung und Thrill stellt sich erst spät und dann auch nur etwas halbherzig ein.

In seiner Betrachtung von Eric Ambler im Buch „Phantastische Wirklichkeit – Das 20.Jahrhundert im Spiegel des Politthrillers“ äußert sich Hans-Peter Schwarz etwas unschmeichelhaft über Amblers zweite Thrillerperiode („Viel Lärm um nichts“). „Alles endet in der Banalität“, meint Schwarz und explizit nennt er den letzten Satz von „Bitte keine Rosen mehr“: „Ich dachte an gutes Essen, kühle Tage und anständigen Wein“. In der Tat geht Ambler in diesem Roman die große Weltpolitik und auch der Thrillereffekt ein wenig ab. Stattdessen liefert er in gewohnter Virtuosität, aber auch Komplexität, eine feine Analyse der Wirtschaftskriminalität in Zeiten des ungezügelten Kapitalismus.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Bitte keine Rosen mehr | Erstmals erschienen 1977
Die gelesene Ausgabe erschien 1980 im Diogenes Verlag
454 Seiten | derzeit nur noch antiquarisch erhältlich

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Eric Ambler.

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