Olen Steinhauer | Der Anruf

Sie zieht die Arme zurück in den Schoß und senkt den Blick. „Möchtest du unsere Unterhaltung nicht mitschneiden?“
Ich schüttle den Kopf und tippe mir an die Schläfe. „Lieber nicht, falls Interpol später danach fragt. Vielleicht sagst du etwas, das du nicht an die große Glocke hängen willst.“
Ihr Gesicht drückt aus, dass sie meine Diskretion zu schätzen weiß. Dann erscheint ihre Hand erneut und schiebt sich nach vorn, um nach meiner zu fassen. „Du passt auf mich auf, nicht wahr?“
„Natürlich“, lüge ich. (Auszug Seite 68)

Wien 2006: Eine Gruppe islamischer Terroristen entführt eine Passagiermaschine. Sie fordern die Freilassung von Gleichgesinnten aus österreichischen und deutschen Gefängnissen. Es werden offizielle Verhandlungen geführt. Im Hintergrund mischt auch die CIA-Dependance in Wien mit, die Amerikaner haben sogar einen Mann im Flugzeug. Doch auf einmal endet die Geiselnahme in der Katastrophe: Alle Personen im Flugzeug kommen ums Leben. Einige Jahre später wird das Geschehen noch einmal CIA-intern aufgerollt. Was geschah damals in dieser Nacht? Und wer tätigte den ominösen Anruf aus den CIA-Räumlichkeiten, der das Fiasko auslöste?

Stoff für einen wilden, Action geladenen Spionagethriller – doch weit gefehlt. Slow down, relax. Autor Olen Steinhauer hat sich was ganz anderes einfallen lassen: Ein „harmloses“ Dinner zu zweit. Ein Kammerspiel zwischen zwei CIA-Agenten, die damals vor Ort waren. Henry Pelham, damals Agent im Außendienst, zapfte Quellen an, ist heute immer noch im Dienst. Er soll zu den Ereignissen noch einmal intern ermitteln. Dazu nimmt er Kontakt zu Celia Favreau auf. Sie war Analystin im Innendienst, ist heute nicht mehr für die Agency tätig. Beide waren damals liiert, er fragte sie am besagten Abend sogar, ob sie zusammenziehen sollen, doch nach den Ereignissen zerbrach die Beziehung, sie heirate einen anderen, zog nach Kalifornien und ist inzwischen zweifache Mutter. Henry hat bis heute die Trennung kaum verwunden.

Sie treffen sich also nun in Carmel-by-the-Sea (war Eastwood da nicht mal Bürgermeister?) in einem hippen Restaurant namens Rendez-vous und beginnen mit Plaudereien, trinken viel Wein. Henry spielt die Bedeutung des Gesprächs Celia gegenüber bewusst herunter. Aber: Je länger das Dinner dauert, desto mehr belauern sich beide und desto rauer wird die Atmosphäre. Es wird nicht nur ein Verräter gesucht, sondern auch eine gescheiterte Beziehung aufgearbeitet.

Voller Hochachtung vor ihrer absoluten Selbstbeherrschung nicke ich zu ihrer Lüge. Was weiß sie? Sie weiß, weil ich es ihr erzählt habe, dass ich das Flughafenfiasko untersucht habe. Sie weiß, weil ich es angedeutet habe, dass ich die Telefonaufzeichnungen geprüft habe. Und trotzdem, wenn ich sie so ansehe mit dem schlanken Gelenk, das zu den Sehnen der völlig reglosen Hand führt, habe ich das Gefühl, dass sie völlig mit sich im Reinen ist. Oder sie spielt mir eine perfekte Komödie vor. […]
Als sie den Kopf zu Seite neigt und mich betrachtet, spüre ich es mit einem Mal im Magen. Er zieht sich zusammen und dreht sich, als hätte ihr Blick eine Welle bitterer Säure ausgelöst. Sie weiß es, keine Frage. Sie weiß genau, was ich vorhabe. Ich muss auf der Hut sein. (Seite.166)

Olen Steinhauer ist inzwischen in die erste Riege der Spionagethriller-Autoren aufgestiegen, nach der Milo-Weaver-Trilogie war er von zwei Jahren auch mit Die Kairo-Affäre sehr erfolgreich. Nun also ein etwas unkonventioneller Thriller, inspiriert von der Fernsehadaption des Gedichts „The Song Of Lunch“, die ausschließlich an einem Restauranttisch spielt. Steinhauer beherrscht die literarischen Kniffe, wechselt die Perspektive zwischen beiden, lässt sie in Rückblenden erzählen, bricht die Form, indem er plötzlich das Gespräch als Protokoll wiedergibt.

Die Geschichte ist interessant konzipiert und klug aufgebaut. Der Anruf ist definitiv ein gutes Buch. Und dennoch: Ich hatte mir irgendwie noch mehr erwartet. Es gibt ein, zwei Überraschungen, aber insgesamt hatte ich gehofft, dass der Autor noch mehr mit den Erwartungen des Lesers spielt. Außerdem bleiben für mich auch nach Rekapitulation des Buches noch ein paar Ungereimtheiten. Ein Jammern auf hohem Niveau, das muss man allerdings zugeben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Der Anruf | Erschienen am 11. April 2016 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-554-5
272 Seiten | 19,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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3 Gedanken zu “Olen Steinhauer | Der Anruf

  1. Guten Morgen,
    ich fand die Idee, die ganze Story wie ein Kammerspiel aufzuziehen, sehr spannend. Allerdings war das auch meine erstes Buch von Olen Steinhauer, deshalb hatte ich vielleicht auch so gar keine bestimmten Erwartungen daran. Es ist auf jeden Fall mal etwas ganz anderes als die üblichen Spionage-Thriller :-)

    LG
    Tina

    1. Hallo Tina,
      du hast recht, die Form war auf jeden Fall mal etwas ganz anderes. Ich hätte allerdings erwartet, dass der Leser bezüglich der Ereignisse damals in Wien mehr in die Irre geführt wird. Es war übrigens auch mein erster Steinhauer.

      Viele Grüße,
      Gunnar

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