Matthew F. Jones | Ein einziger Schuss

John sichert die Flinte und rennt auf das Distelfeld zu, aber bevor er dort ankommt, hält er an, weil er eine längliche Vertiefung auf dem von Kiefernnadeln bedeckten Boden bemerkt hat. Er kniet sich hin, berührt mit der Hand die Mitte der Kuhle und spürt die Wärme, die das entflohene Wild zurückgelassen hat. Sogar ein paar Fetzen von seinem Fell sind zu sehen. Johns Herz schlägt schneller, er atmet schwer. Er kann den Hirsch riechen. Den Adrenalinschub des Tiers, heftig und stechend wie sein eigener. (Seite 9)

John Moons Leben befindet sich auf Talfahrt. Er lebt in einem Trailer auf dem ehemaligen Land seiner Familie, seine Frau hat ihn mit dem kleinen Sohn verlassen. Sein Essen erwildert sich John regelmäßig in den Wäldern. Eines Tages schießt er einen Hirsch an und verfolgt das verwundete Tier über eine lange Strecke bis zu einem alten Steinbruch. Dort wird John von einem Geräusch überrascht. Er schießt. Doch statt des Hirschen hat er versehentlich eine junge Frau, eine Ausreißerin, erschossen. John steckt in einer absoluten Zwickmühle. Es war ein Unfall, aber würde man ihm glauben? Als John die Habseligkeiten der Toten begutachtet, findet er eine Kiste voller Geldscheine. Geld, das er verdammt gut gebrauchen kann, vielleicht kann er sogar seine Ehe retten. Er nimmt das Geld an sich, versteckt die Leiche und kehrt nach Hause zurück. John hofft, dass sich alles zum Guten wendet, doch insgeheim ahnt er, dass er die Büchse der Pandora geöffnet hat.

Normalerweise recherchiere ich zu einem Buch auch vorab ein wenig. Hier habe ich das aber versäumt und war dementsprechend überrascht, dass das Original bereits aus dem Jahr 1996 stammt und erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Außerdem wurde es sogar schon verfilmt. A Single Shot feierte Weltpremiere bei der Berlinale 2013. Autor Matthew F. Jones durfte auch das Filmdrehbuch schreiben. Ein einziger Schuss ist ein waschechter country noir und spielt im ländlichen, waldreichen Norden des Bundesstaates New York. Die erzählte Zeit beträgt genau eine Woche. Jones erzählt die Geschichte im Präsens und bleibt als Erzähler die ganze Zeit bei seinem Protagonisten.

Ein absoluter Verlierer, dieser John Moon. Die elterliche Farm wurde schon vor Jahren von der Bank zwangsversteigert, seine Eltern sind unter anderem daran krank geworden und schon verstorben. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über Wasser. Auch seine Frau Moira sieht keine Perspektive und ist mit dem gemeinsamen Sohn Nolan ausgezogen. Und nun dieser verhängnisvolle Schuss, der ihm endgültig den Boden unter den Füßen wegzieht. John treffen die Schuldgefühle mit voller Wucht. Gleichzeitig aber meint er voller Naivität mit dem gefundenen Geld seine Familie zurückgewinnen zu können. Aber natürlich gibt es noch jemanden, der seine Kohle wiederhaben will und selbstverständlich ist mit dem nicht zu spaßen. Zuerst wird Johns Hund erschossen, danach wird bei ihm der Trailer verwüstet und die von ihm versteckte Leiche in seinem Bett platziert. John deponiert die Leiche in seinem Gefrierschrank und wird danach panisch bis paranoid. Doch John nimmt – auch mangels Alternativen – den Kampf um Leben und Tod an.

Ein einziger Schuss ist ein spannendes, dramatisches Werk, in dem vor allem die intensiven Erfahrungen von Schuld, Reue, Hoffnung und Verzweiflung der Hauptfigur im Vordergrund stehen. Die Ereignisse nehmen an Intensität stetig zu. Und obwohl klar ist, dass dem tragischen Held kein Happy End vergönnt sein wird, fiebert man ein Stück weit mit ihm mit – und wird von der Gnadenlosigkeit des Autors am Ende brutal geerdet.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Ein einziger Schuss | Erschienen am 1. Juli 2016 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-39-2
274 Seiten | 14,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe | Filmtrailer A Single Shot

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