John le Carré | Verräter wie wir

John le Carrés Spionagethriller sind bestens für Filmadaptionen geeignet, wie zahlreiche erfolgreiche Verfilmungen beweisen. In Verräter wie wir des britischen Schriftstellers aus dem Jahr 2010 geht es um einen hochrangigen russischen Mafiosi, der nach Großbritannien überlaufen möchte.

Perry Makepiece, ein britischer Oxford-Dozent und seine Freundin Gail Perkins, eine erfolgreiche Anwältin lernen im Urlaub in Antigua beim Tennisspielen eben diesen Mafiosi Dima kennen. Wie sich später herausstellt, ist er „Nummer Eins Geldwäscher von ganzer Welt“, genauer gesagt von einem Syndikat von sieben Wory-Bruderschaften. Ein Wory ist ein Mitglied der Mafia, die in den früheren russischen Gefangenenlagern entstanden ist. Nach der Ermordung seines Schützlings, der sich beim neuen Anführer des Syndikats, dem sogenannten „Prinzen“ unbeliebt gemacht hatte, sieht sich Dima ebenfalls auf der Abschussliste und fürchtet um sein Leben und das seiner Familie. Deshalb will er sich nun nach Großbritannien absetzen und bietet dem britischen Geheimdienst im Gegenzug für Asyl umfangreiche Informationen über die Geldwäscheaktivitäten des Syndikats an. Der potentielle Überläufer bittet Perry, den er Professor nennt und für einen Mann des Fairplays hält, Kontakt mit dem britischen Geheimdienst herzustellen. Der etwas naive, zurückhaltende Perry, der sich mit Anfang 30 in einer Art Sinnkrise befindet, ist von dem charismatischen Oligarchen Dima und seiner Welt fasziniert und willigt ein. Währenddessen hat sich Gail mit den Kindern, besonders mit der 16-jährigen Natascha angefreundet, die Gail ihre heimliche Schwangerschaft anvertraut.

Aufgrund der Brisanz reagiert der MI6 erst mal zögerlich und überträgt dem altgedienten Agenten Hector Meredith diese inoffizielle Operation. Ohne Rückhalt seines Vorgesetzten fehlt dem Geheimagenten der Abteilung Sonderprojekte das Personal. Er beruft Luke Weaver in sein Team, einen Agenten, der nach einigen Fehlern in der Vergangenheit nichts mehr zu verlieren hat. Dima besteht auf der Beteiligung von Perry und Gail und das unbedarfte Akademikerpaar fühlt sich moralisch verpflichtet. Nach einer erneuten Kontaktaufnahme beim Finale der French Open 2009 in Paris fliehen Perry und Gail mit Dimas gesamter Entourage in einer dramatischen Aktion in die Schweiz. Während sie in einem entlegenen Dorf im Berner Oberland untertauchen, wird die Flucht nach England vorbereitet. Der MI6 mauert jedoch weiterhin, denn ob die Briten den Überläufer aufnehmen, ist längst nicht so sicher, wie Hector glauben machen will. Zahlreiche westliche Geschäftsleute und korrupte Spitzenpolitiker, sogar der ehemalige Leiter des britischen Geheimdienstes, scheinen in die international organisierte Kriminalität verwickelt zu sein. Das Ende kommt dann leider wie erwartet, die bösen Vorahnungen trügen nicht.

Am Anfang zog mich die Sprache sehr in den Bann und ich war sehr angetan von dem intelligenten Dialogwitz und dem ironischen Plauderton. John le Carré lässt sich viel Zeit mit der Entfaltung seines Plots und beschäftigt sich ausgiebig und detaillastig mit Monologen, Überlegungen und Bedenken. Der Autor benötigt wirklich eine lange Anlaufzeit und die Geschichte dümpelt gemächlich vor sich hin. In der ersten Hälfte des Thrillers erzählen Perry und Gail minutiös und sehr sachlich fast im Verhörstil den Mitarbeitern des MI6 alles über die erste Kontaktaufnahme. In der zweiten Hälfte ist es Luke, dessen Erläuterungen und Gedanken wir bei der Durchführung des Tauschgeschäfts begleiten.

Obwohl der Autor von Beginn an eine Atmosphäre der latenten Gefahr und Ungewissheit erzeugt, wird es erst zur Mitte der Geschichte richtig fesselnd. Bei den French Open in Paris entwickelt sich eine subtile Dramatik und hier zeigt sich die ganze Klasse des britischen Autors. Schauplätze und Personen werden äußerst präzise dargestellt, sodass ich das Gefühl hatte, ich bin mitten zwischen den bekannten und prominenten Personen in den VIP-Loungen der Tenniscourts und jubel Roger Federer bei seinem Sieg zu. Der damals 79-jährige Autor hat das Milieu aus Politik, Wirtschaft und Luxusgesellschaft hervorragend recherchiert.

 

Aus Antigua wird Marakesch, ansonsten setzt TV-Regisseurin Susanna White in ihrer zweiten Kinoarbeit auf rasch wechselnde Schauplätze. Gleich in der Auftaktszene werden wir Zeuge der Liquidierung von Dimas Vertrautem und dessen Familie. Die Exekution im Schnee wird in Zeitlupe mit klassischer Musik und einem Ballett-Tänzer im Hintergrund in Szene gesetzt. Die Darsteller sind immer in Bewegung und hetzen um den halben Globus, wobei die exotischen Locations wie Moskau, London, Marakesch, Paris und Bern in schicke Hochglanzbilder verpackt werden. Tennis spielt keine große Rolle, man trifft sich konspirativ bei einer Modenschau.

Obwohl Susanna White auf eine hochkarätige Darstellerriege setzen kann, werden alle Figuren ihrem Klischee entsprechend in Szene gesetzt. Während im Roman der extrovertierte Dima mit seinem russischen Akzent für mich manchmal scharf an der Karikatur vorbeischrammte, war ich von der Darstellung des schwedischen Charaktermimen Stellan Skarsgård positiv überrascht. Er wirft sich mit Verve in die Überzeichnung der Figur und verkörpert den großspurigen Lebemann Dima sehr überzeugend. Ewan McGregor wird als Perry mit längerem Haar und Drei-Tage-Bart als Intellektueller in Szene gesetzt, der sich arglos in ein waghalsiges Abenteuer stürzt. Im Film setzt er sich nicht nur für den bedrohten Dima ein, sondern springt zwei Mal sehr mutig als Gentleman misshandelten Frauen zur Hilfe. Damian Lewis (Homeland-Star) spielt Hector, den Agenten alter Schule mit Hornbrille und typischen Trenchcoat, einen Mann, der auf verlorenem Posten steht und bis zum Schluss undurchschaubar bleibt. Gail, die im Buch eine gewichtige Rolle hat, ist für den Film genau wie Luke absolut entbehrlich. Die Schauspielerin Naomie Harris kennt sich seit ihrer Rolle als Miss Moneypenny in James Bond mit Geheimdiensten aus, obwohl Verräter wie wir ein realistischeres Bild zeigt als die 007-Filme. Der Autor John le Carré kann hier auf seine Insiderkenntnisse zurückgreifen, da er selbst jahrelang für den britischen Geheimdienst gearbeitet hat. Das von Hossein Amini adaptierte Drehbuch ist an den richtigen Stellen gestrafft und kommt viel schneller in Fahrt als der Roman.

Ein solider vielleicht etwas zu glatter Hochglanzfilm, der seinen Reiz genau wie die Buchvorlage daraus entwickelt, dass ganz normale Menschen zufällig in eine sich fatal entwickelnde Geschichte geraten, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Man fiebert mit den beiden Amateurspionen mit, die plötzlich zwischen Russenmafia und Geheimdienste und in einen Sog aus Kriminalität und Gefahr geraten.

Wer genau aufpasst, kann John le Carré, der auch als Produzent fungierte, bei einem Cameo-Autritt im Museum erkennen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Verräter wie wir | Erschienen am 27. Oktober 2010 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-55008-833-9
416 Seiten | —
Aktuell als Taschenbuch im selben Verlag erhältlich, erschienen am 15. Juli 2016
ISBN 978-3-54828-807-9
416 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe 

Die DVD erschien am 17. November 2016
Laufzeit 104 Minuten
FSK 16
circa 9.- Euro
Trailer zum Film

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Blogkooperative Verfilmt-Spezial.

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