James Lee Burke | Sturm über New Orleans

„Vielleicht hatte ich zu viele Erinnerungen daran, wie die Stadt früher mal war. Vielleicht hätte ich nicht zurückkehren sollen. Vielleicht erwartete ich, saubere Straßen zu sehen, das Stromnetz intakt, Zimmermannstrupps, die kaputte Häuser reparierten. Aber die Trauer, die ich empfand, als ich die St. Charles Avenue entlangfuhr, war schlimmer als alles, was ich unmittelbar nach dem Sturm durchgemacht hatte. New Orleans war ein Song gewesen, keine Stadt. […] Die Aufgabe, die hier bevorstand, war von herkulischer Größe, und das Ganze wurde noch durch ein Ausmaß an organisiertem Diebstahl, Inkompetenz und Zynismus von Seiten der Regierung verschlimmert, das außerhalb der Dritten Welt nirgends seinesgleichen hatte. Ich war mir nicht sicher, ob New Orleans eine Zukunft hatte.“ (Auszug Seite 300-302)

Hurrikan Katrina trifft den Süden Louisianas und insbesondere New Orleans mit großer Wucht und Härte. In der Stadt bricht Chaos und Anarchie aus, die Behörden sind nicht in der Lage, die Kontrolle zu behalten oder wiederzugewinnen. Gewalt, Plünderungen, Mord, wiederaufflammender Rassismus.

Vier junge schwarze Männer nutzen die Gunst der Stunde und plündern vielversprechende Häuser aus. Dabei geraten sie ausgerechnet an das Eigenheim eines hochrangigen Mitglieds der Unterwelt von New Orleans und lassen neben Drogen und Falschgeld auch noch sehr hochkarätige Blutdiamanten mitgehen. Doch als sie das Haus verlassen, fallen tödliche Schüsse. Höchstverdächtig ist der Nachbar, der außer Selbstschutz auch noch ein weiteres Motiv für die Schüsse hätte. Der Rest der Plünderer kann fliehen, die Diamanten bleiben verschwunden und wecken Begehrlichkeiten bei weiteren zwielichtigen Gestalten. Im Rahmen der Amtshilfe soll Dave Robicheaux die Schüsse auf die Plünderer untersuchen. Gleichzeitig ist er auf der Suche nach dem verschwundenen Priester Jude LeBlanc. Die Fälle überlagern sich und bilden einen tödlichen Cocktail aus Gier, Wut, Angst und Gewalt.

Autor James Lee Burke ist mit seinen beinahe 80 Jahren der große, alte Mann der amerikanischen Kriminalliteratur. Er veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Krimis und Thriller und ist insbesondere hierzulande wieder in aller Munde, spätestens nachdem Regengötter den Deutschen Krimi Preis 2015 in der Kategorie International gewann. Sturm über New Orleans ist übrigens der 16. Roman (von inzwischen 21) mit seinem Protagonisten Dave Robicheaux. Trockener Alkoholiker, mehrfacher Witwer, Vietnam-Veteran, Deputy Sheriff. Sein bester Kumpel ist Cletus Purcel, ein Privatermittler und eine Art Kopfgeldjäger für Kautionsflüchtige. Beide haben einen hohen moralischen Anspruch und Sinn für Gerechtigkeit. Im Gegensatz zu Purcel hat Robicheaux seine Aggressionen dabei aber meist unter Kontrolle.

Das Buch entstand als Reaktion auf die Ereignisse rund um den Hurrikan Katrina. In einem „Grußwort an die deutschen Leser“ bezeichnet Burke die damaligen Ereignisse als „das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung“. Dieser zornige Grundton zieht sich durch das ganze Buch. Der Autor bringt sein Entsetzen über die Ereignisse deutlich zum Ausdruck und doch hätte es aus meiner Sicht noch wuchtiger sein können. Vielleicht kommt es daher, dass sein Ich-Erzähler Robicheaux die Ereignisse in New Orleans nur teilweise selbst erlebt, da er in New Iberia (Wohnsitz des Autors) etwas außerhalb lebt.

Ansonsten zeigt sich aber der hervorragender Stil des Autors, der die Atmosphäre in den Bayous Louisianas gekonnt einfängt. Trotz allem bleibt er aber eng bei seinen Figuren, bietet messerscharfe Dialoge und liefert das, was einen guten Krimi vom Durchschnitt abhebt: Klassische literarische Themen wie Schuld, Rache, Sühne und Vergebung.

Wieder ein sehr starker Krimi von James Lee Burke. Das Comeback und der Höhenflug des Altmeisters in Deutschland scheint sich fortzusetzen. Im Herbst erscheint übrigens der Nachfolger von Regengötter – Glut und Asche.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Sturm über New Orleans

Sturm über New Orleans | Erschienen am 1. März 2015 im Pendragon Verlag
576 Seiten | 17,99 Euro
ISBN 978-3865324504
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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