Linus Geschke | Die Lichtung

Sommer 1986: Eine Kölner Clique verbringt ein Party-Wochenende in einer Blockhütte im Bergischen Land. Zwei Tage lang Bier, Musik, Baggersee und Flirts. Am Ende sind zwei junge Menschen tot – das Mädchen vergewaltigt und erstochen, der Junge brutal erschlagen. Der Doppelmord wird nie aufgeklärt. Der Kölner Zeitungsredakteur Jan Römer soll Jahre später über den ungelösten Kriminalfall schreiben. Römer erinnert sich gut, denn das Wochenende im Wald war das Ende seiner Jugend – er gehörte selbst zu jener Clique. Gemeinsam mit seiner besten Freundin Mütze will er herausfinden, was damals wirklich geschah. Zu spät merkt er, in welche Gefahr er sich dadurch bringt …

Der Autor Linus Geschke ist freier Journalist, er schreibt Reportagen und Reiseberichte sowie sehr erfolgreich über Tauchsport. Jan Römer, der Protagonist seines Krimidebüts Die Lichtung ist so etwas wie sein Alter Ego: Reporter bei einem Kölner Magazin, zuständig für Reise und Sport. Als er für einen erkrankten Kollegen über einen ungeklärten Mordfall schreiben soll, eine schön menschliche Geschichte über sechs Seiten will sein Chef, erleidet Römer einen Schwächeanfall und kippt vom Stuhl.

Der Fall ereignete sich 1986 im Bergischen Land, ein junges Mädchen wurde vergewaltigt und anschließend ebenso wie ihr Freund umgebracht. Was Römer so aus der Fassung bringt ist die Tatsache, dass er das Drama seinerzeit miterlebte, die Opfer waren Mitglieder seiner Clique, gemeinsam hatten sie ein Partywochenende in einer Blockhütte verbracht, bis das grausame Verbrechen die jungen Leute traumatisierte. Alle gemeinsam hatten der Polizei damals den wahren Verlauf der Ereignisse verschwiegen und jeder für sich musste anschließend mit der verheimlichten Wahrheit umgehen, und alle hatten das Geschehen schließlich so gut es ging verdrängt.

Nun muss sich Römer seinen mühsam unterdrückten Erinnerungen stellen. Gemeinsam mit seiner guten Freundin Stefanie Schneider, genannt „Mütze“, versucht er nun, die Tage vor 27 Jahren noch einmal aufleben zu lassen, ruft sich die Namen der längst aus den Augen verlorenen damals besten Freunde ins Gedächtnis und stellt sich die mittlerweile vergessenen Gesichter vor. 16, 17 Jahre alt waren sie, Lehrlinge, Schüler in den großen Ferien in einem Sommer, „der nach frisch gemähtem Gras roch und nach Zweitaktbenzin, der sich nach Neuer Deutscher Welle anhörte und Depeche Mode, der schmeckte wie das Zitroneneis beim Italiener und duftete wie die süßen Parfüms, die damals alle Mädchen benutzten.“

So schreibt Linus Geschke, und wer seine Reiseberichte gelesen hat oder seine Reportagen etwa auf Spiegel online, der erkennt hier seinen Stil sofort wieder, heiter, beschwingt, fast schwerelos, spielerisch und sehr stimmungsvoll. Das kommt dem Plot entgegen, dem zu folgen ansonsten wegen einiger Längen doch ziemlich anstrengend wäre. So liest sich höchst angenehm und absolut entspannt, was aus dem knappen Exposé entwickelt und auf immerhin 375 Seiten ausbreitet wird: Jan Römer stolpert über ein bislang vernachlässigtes Detail in den alten Polizeiberichten und erkennt, dass alle Beteiligten ein falsches Bild vom Tathergang haben, alle bis auf den Mörder, und der muss einer der ihren sein!

So macht Römer sich auf die Suche nach den alten Freunden und befragt einen nach dem anderen zu seiner Erinnerung an die fatale Sommernacht, in der Hoffnung, aus den unterschiedlichen Blickwinkeln schließlich eine Ansicht zu erhalten, die endlich die Wahrheit ans Licht bringt. Dabei tauchen die mittlerweile stark veränderten Damen und Herren ein ums andere Mal wieder ab in ihre Jugendzeit: Mopeds, Mädchen, Mucke, das ist der magische Dreiklang, der die Kölner Clique beschäftigt, da bleibt keine Zeit für Gedanken über Tschernobyl, wo gerade ein Atommeiler außer Kontrolle geraten ist, hier geht es um Wichtigeres, um Sex, um Drogen, um die erste große Liebe. Diese Rückschau gelingt immer recht gut, mit ein paar Gemeinplätzen zwar aber sehr authentisch. Das Ganze kommt mit viel Lokalkolorit daher, ohne kölsche O-Töne aber mit lockerer Jugendsprache. Die Stimmung der Achtziger wird perfekt eingefangen, die bildhafte Sprache, ihr Klang und Rhythmus bewirken, dass die Atmosphäre der damaligen Zeit nicht nur beschrieben wird, sondern durch den Text selbst geschaffen. So werden auch beim Leser Erinnerungen wach, egal, in welchem Alter er diese Zeit erlebt hat.

Und so wird auch Römers eigenen Erinnerungen auf die Sprünge geholfen und wir erleben seine Gedankengänge, seine Überlegungen, Grübeleien, seine Spekulationen und Erklärungsversuche. Und während er sinniert, fallen ihm immer weitere Details aus seiner Jugend ein, Reminiszenzen an die gute, alte Zeit. Zu viele Details, die von der eigentlichen Geschichte ablenken, die den Plot unterbrechen durch Abschweifungen ins Unwesentliche, Unerhebliche, Uninteressante. Die Lösung des Mordfalls wird so hinausgezögert, auch durch den Umstand, dass ständig gewechselt wird zwischen den Ausflügen in die Vergangenheit und den aktuellen Ereignissen. Auf beiden Ebenen, in der Retrospektive wie in der Jetztzeit bekommt der Leser nur bruchstückhafte Informationen, undeutliche Hinweise, verschwommene Andeutungen zum wahren Sachverhalt, durch Cliffhanger soll die Spannung aufrechterhalten bleiben.

So trägt Jan Römer Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen zusammen, es entsteht ein ständig sich änderndes Bild und gleichzeitig gerät ein Mitglied der Clique nach dem anderen als Verdächtiger ins Visier des Journalisten. Denn das ist anders bei diesem Krimi: Es findet keine Polizeiarbeit statt, es gibt keine Ermittlungen, sondern Recherche, kein Verhör, sondern Meinungsaustausch. Erst als im Laufe seiner Nachforschungen ein weiterer Mord geschieht und Römer die Leiche entdeckt, wird er zur Befragung auf die Wache zitiert. Und hier spielt sich die wohl misslungenste Szene des Romans ab, ein höchst albernes Spielchen „good cop-bad cop“ bei dem zwei Beamte sich von dem obercoolen Journalisten vorführen lassen. Und damit kommen wir zur Hauptfigur: zu ihr konnte ich keine rechte Beziehung aufbauen, der Held ist nicht sympathisch genug, als dass man um ihn bangt und mit ihm leidet. Tatsächlich wirkt er seltsam unerwachsen, zudem mangelt es ihm an Verantwortungsgefühl, selbst gegenüber Frau und Kind: Als diese bedroht werden, spielt er die Gefahr herunter, die offensichtlich von jemandem ausgeht, der seine Nachforschungen mit allen Mitteln verhindern will.

Das ist, na klar, der Mörder, und den stellt unser Held zum guten Schluss natürlich, auf eigene Faust und in höchster Gefahr. So kommt im letzten Kapitel doch noch Hochspannung auf, wobei die Geschichte letztlich, nach dem langen, langsamen Aufbau recht hastig zu Ende erzählt wird. Da hätte Geschke einige offene Fragen beantworten können, aber das hat er sich vielleicht vorbehalten für den zweiten Band der Jan Römer-Reihe. Und am Morgen waren sie tot soll im März 2016 (ebenfalls bei Ullstein) erscheinen und nach bewährtem Strickmuster unseren Journalisten wieder bei der Aufklärung eines ungelösten Mordfalls zeigen. Diesmal geht die Zeitreise in die 90er Jahre, und seine beste Freundin Mütze ist auch wieder dabei. Wie sich das Verhältnis zu ihr entwickelt, ob seine Ehe zu retten ist, die im vorliegenden Roman zu scheitern droht, ob er seine Jugendliebe Tanja wiedersieht, man wird sehen. Ich warte nach den Eindrücken dieses Debüts nicht gerade ungeduldig auf die Fortsetzung, aber mich interessiert durchaus, ob und wie Jan Römer sich entwickelt – und auch, ob Linus Geschke sich noch steigern kann.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

Die Lichtung

Die Lichtung | Erschienen am 10. Oktober 2014 bei Ullstein
ISBN 978-3-548-28636-5
384 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anmerkung: Die LP Ahl Männer, aalglatt ist das sechste Studioalbum von BAP, welches im Januar 1986 veröffentlicht wurde.

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