Carlos Ruiz Zafón | Der Mitternachtspalast

In der verblassten Kolonialschönheit Kalkutta begegnet Ben in den 30er Jahren der geheimnisvollen Sheere, von der er sich magisch angezogen fühlt. Beide sind ohne Eltern aufgewachsen; er im Internat, sie bei ihrer Großmutter. Nun können sie nicht mehr ohne einander sein. Doch als hätte eine dunkle Macht nur auf ihr Zusammentreffen gewartet, geraten die beiden bald in einen mörderischen Strudel und müssen erkennen, dass sie weit mehr verbindet als große Gefühle …

Bevor Carlos Ruiz Zafón mit der Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Tetralogie um den „Friedhof der vergessenen Bücher“, seinen großen Barcelona-Romanen, ab dem Jahr 2001 Weltruhm erlangte, schrieb er phantastische Schauerromane für Jugendliche. 1994 veröffentlichte er die vorliegende Geschichte Der Mitternachtspalast (Originaltitel „El palacio de la medianoche“) als zweiten Teil seiner Nebel-Trilogie. Die deutsche Erstausgabe erschien 2010 im Verlag S. Fischer.

Der Mitternachtspalast ist ein verfallenes palastartiges Gebäude in der Schwarzen Stadt Nord-Kalkuttas, welche zur Weißen Stadt kontrastiert. Vergleichbar ist dies etwa mit der East- und Westside Londons der 1980er Jahre. In der Schwarzen Stadt leben die ärmeren Einwohner Kalkuttas, darunter auch die sieben Sechzehnjährigen Isobel, Ben, Michael, Roshan, Siraj, Seth und Ian. Sie leben im Waisenhaus St. Patrick’s. Ihnen dient der Mitternachtspalast als Treffpunkt nach Sonnenuntergang; dort zelebrierten sie sieben Jahre lang ihre gegenseitig geschworene Treue, der sie durch die Gründung der sogenannten Chowbar Society Gewicht verliehen.

Die Geschichte umspannt lediglich vier „glutheiße“ Tage im Mai 1932, und entspinnt sich am letzten Tag der Chowbar Society. Die sieben Waisenkinder verlassen nun im Alter von 16 mit anderen Gleichaltrigen ihr bisheriges Zuhause St. Patrick’s, um ihr Glück in der Welt zu machen. Es ist ein herbeigesehnter und gleichzeitig auch gefürchteter Tag der Jugendlichen, denn noch wissen sie nicht, was auf sie zukommen wird. Und was sich in dieser Nacht des Abschieds ereignen wird, das ist bar jeder Vorstellungskraft.

Der Roman beginnt 1916 mit zwei Neugeborenen, welche in einer regenschweren, stürmischen Nacht entführt und vor einer unbekannten Gewalt gerettet werden. Nicht schwer zu erraten, dass diese beiden eine zentrale Rolle einnehmen werden. Als eine unbekannte ältere Frau beim Waisenhausleiter Mr. Carter vorspricht und ihre junge Enkelin Sheere vor dem Waisenhaus warten soll, trifft diese auf die Mitglieder der Chowbar Society. Ben, der sofort sehr angetan ist von Sheere, lädt sie kurzerhand zum letzten Treffen des Klubs ein, was im Grunde gegen die Statuten verstößt, doch es ist der letzte Abend, der Klub wird aufgelöst und die Jugendlichen ahnen, dass sie sich überhaupt das letzte Mal sehen werden. Als Sheeres Großmutter Aryami Bosé Wind davon bekommt (die Enkelin verlässt ihren Warteplatz und folgt den anderen Jugendlichen), ist sie wenig begeistert, möchte ihren Zorn jedoch auch nicht erklären.

Über Sheere erfahren wir, dass sie zwar nie in einem Waisenhaus war, jedoch mit ihrer Großmutter sechzehn Jahre im Exil lebte, von ihr wie getrieben durch die Welt zog, nie länger als einen Monat am selben Ort verweilte, wodurch sie nie die Erfahrung echter tiefer Freundschaft machen konnte. Gerade nach Kalkutta zurückgekehrt, fasziniert sie die Gruppe der sieben Jugendlichen umso mehr. Sie berichtet ihnen von ihrem Vater, einem berühmten Ingenieur, und von dessen Haus. Sheere kann sich durch niedergeschriebene Erzählungen ihres Vaters wie schlafwandlerisch in Tagträumen durch das Haus bewegen. Nun möchte sie es endlich leibhaftig sehen und betreten.

Doch sie berichtet auch von dem Großbauwerk Jheeter’s Gate, einem imposanten Bahnhofskomplex, welcher von ihrem Vater entworfen und nach dessen Plänen gebaut wurde. Doch zur Nutzung dieses Bahnhofes kam es nie, denn am Tag der Einweihung kam es zu einem schrecklichen Unglück, wonach das Stahlgebäude komplett ausbrannte. Dieses Ereignis ist sagenumwoben und wird – soviel darf verraten sein – Teil der Geschichte. Eine Geschichte, welche weit zurück reicht und mit Opfern gespickt ist.

Was nun den Schauerroman ausmacht, ist die fantastische Erzählung, die sich an die Vorstellung der beteiligten Jugendlichen und Erwachsenen anschließt. Ausgangspunkt ist die Entführung der Babys im Jahr 1916 und das Mysterium, was es damit auf sich hatte. Ein dunkles furchteinflößendes Wesen namens Jawahal nimmt eine weitere wichtige Rolle ein. Doch welcher Gesinnung dieses ist und welche Motive es treibt, das bleibt zugunsten der Spannung im Dunkel.

Alle acht Jugendlichen werden dem Abenteuer ihres Lebens ausgesetzt. Eine Entscheidung dafür oder dagegen scheint es gar nicht zu geben. Es ist, wie es ist. Und da es ernst wird und um Leben und Tod gerungen wird, hält die Chowbar Society an ihrem Treueschwur fest und versucht alles, um die Mitglieder und auch Sheere zu retten.

Der Mitternachtspalast ist ein phantastischer Schauerroman, womit ich ihn für mich auf jeden Fall zu den Spannungsromanen zähle. Darüber hinaus ist er sowohl an Jugendliche als auch an Erwachsene gerichtet. Es ist ein gelungener Mix aus Mystery, Fantasy und Krimi. Teil 1 und 3 der Nebel-Trilogie habe ich sofort auf meinen Wunschzettel gesetzt!

 

Der Mitternachtspalast

Der Mitternachtspalast | Erschienen am 22. September 2014 in 7. Auflage im Fischer Verlag
ISBN 978-3-596-03138-2
336 Seiten | 9,99 Euro
empfohlenes Alter: Ab 12 Jahren
Leseprobe

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