Hansjörg Schneider | Silberkiesel

Er merkte, dass ihn seine Gedanke anödeten. Aber er hatte keine anderen zur Verfügung, er musste die nehmen, die ihm einfielen, auch wenn sie reaktionär, ja hoffnungslos waren. Lieber ehrlich und reaktionär als verlogen und progressiv, dachte er, und jetzt musste er fast kotzen vor Wut über das, was er dachte. Wer war er denn? War er wirklich das allerletzte Häuflein Dreck auf Gottes Erdboden? (Auszug Seite 110 und 111)

Im September 2015 stieß ich im Programm des Diogenes-Verlags auf Hunkelers Geheimnis, den neunte Fall des Ermittlers Hunkeler von Autor Hansjörg Schneider, welchen ich bis dato noch nicht gelesen hatte. Da ich nun aber nicht den Einstieg beim neunten Band wagen wollte, habe ich Band 1 der Serie gelesen – Silberkiesel. Nachdem mir der österreichische Autor Friedrich Glauser und dessen Ermittler Wachtmeister Studer so gut gefallen hatten, hielt ich das für eine gute Idee. Und da war er schon, der Denkfehler: Glauser ist Österreicher, Schneider hingegen Schweizer. Das ist dann – so werden mir die Einheimischen bestimmt bestätigen – doch ein kleiner Unterschied. Aufgefallen ist mir dieser Fauxpas in der Auswahl aber erst nach der Lektüre.

Zum Inhalt ist Folgendes zu sagen: Der libanesische Diamantenkurier Guy Kayat gerät auf seiner Reise nach Basel in Bedrängnis, sodass er sein Schmuggelgut schnellstmöglich loswerden muss. Vorerst verpackt er die Handvoll Diamanten in ein Präservativ und bewerkstelligt es auf der Zugtoilette, dieses zu verstecken. Am Bahnhof Basel – die Gefahr spitzt sich erneut zu – entsorgt er das Präservativ samt Diamanten im Bahnhofsklo und türmt. Nun hat Kayat zwei Probleme: Er wird nach wie vor gesucht und er muss die Diamanten wiederbeschaffen.

Zwischenzeitlich wurde der Kanalarbeiter Erdogan Civil an eben jenen Abfluss berufen, um eine Verstopfung zu lösen. Dabei findet er die Diamanten und nimmt sie mit nach Hause. Dort weiht er seine deutsche Freundin Erika Waldis in sein Fundgeheimnis ein, welche gar nicht erfreut ist, denn sie befürchtet a) Unheil und b) dass ihr Erdogan zurück in die Türkei geht, zu seiner Frau und seinen Kindern, und zwar für immer. Das darf auf gar keinen Fall passieren. Nun hat also auch Erdogan auf einen Schlag zwei Gegenspieler: Kayat, der die Diamanten zurück haben muss, koste es, was es wolle, und Erika, die die Diamanten loswerden will, um Erdogan zu halten.

Nun, ich hatte gehofft, der Plot würde mehr hermachen, als es scheint. Doch die Geschichte ist tatsächlich damit schon halb erzählt, was sie doch etwas mager sein lässt. Es gibt natürlich zu den beiden oben genannten Handlungssträngen noch den des Kommissärs Peter Hunkelers. Dieser hat bereits jegliche Lust an seiner Arbeit verloren und verbringt seine Zeit scheint’s lieber mit seiner Freundin im Ferienhaus im Elsass als daheim in Basel. Desillusionierte Ermittler, Alkohol abhängige Kommissare, geschiedene Polizisten, verkrachte Existenzen im Staatsdienst – all das liest mal in der Kriminalliteratur immer wieder. Doch dieser Kommissär Hunkeler war mir deutlich zu blass. Er langweilt sich und das langweilte wiederum mich als Leser. Dazu diese fade Geschichte … Figuren müssen dem Leser beileibe nicht sympathisch sein, aber ein Profil fände ich schon wünschenswert. Möglicherweise habe ich es so empfunden, weil es der erste Fall ist und ich die Entwicklung des Charakters Peter Hunkeler noch vor mir hätte, doch ich habe mich dagegen entschieden, weitere Teile der Serie zu lesen.

Sacha Verna (NZZ Bücher am Sonntag, Zürich) schrieb: „Natürlich ist Hunkeler eng verwandt mit Simenons Commissaire Maigret und vor allem mit Friedrich Glausers Wachtmeister Studer. (…)“

Im Nachhinein bleibt bei mir nur zu fragen: Geht es auch eine halbe Nummer kleiner? Es ist vollkommen in Ordnung, dass nicht jeder Kommissar ein Maigret und nicht jeder Polizist ein Wachtmeister Studer ist.

 

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Silberkiesel | Erschienen am 26. August 2015 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-24001-6
240 Seiten | 12,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anmerkung: Die ersten sieben Bände sind zuerst als Hardcover im Ammann Verlag, dann als Taschenbuch bei Bastei-Lübbe erschienen; den neuesten Band gab der Diogenes Verlag heraus. Sechs Hunkeler-Romane wurden vom Schweizer Fernsehen mit Mathias Gnädinger in der Titelrolle verfilmt. (Quelle: de.wikipedia.org)

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5 Gedanken zu “Hansjörg Schneider | Silberkiesel

  1. „Silberkiesel“ fand ich auch etwas blass. Der beste Roman aus der Serie um Kommissär Hunkeler war für mich „Tod einer Ärztin“. Diesen Roman las ich zuerst, fand so einen besseren Einstieg in die Serie.
    Mit einem Kommissar Maigret kann Hunkeler auch aus meiner Sicht nicht konkurrieren …

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