Richard Price | Die Unantastbaren

Als Billy und der Großteil seines Teams Penn Station erreichten und von dort die schmuddelige lange Passage im unteren Geschoss, die die Long-Island-Pendlerzüge mit der Subway am anderen Ende verband, hatten die Polizisten, die als Erste am Tatort gewesen waren, Zivilfahnder sowohl der New Jersey Transit als auch der Long Island Rail Road, die Situation bereits erstaunlich gut im Griff. Unsicher, welchen Teil der hundert Meter langen Blutspur sie sichern sollten, hatten sie kurzerhand alles abgesperrt, mit Klebeband und Mülltonnen wie einen Slalomparcours. […]
„Wo ist die Leiche?“, fragte Billy. Wenn er Glück hatte, sah er die Kinder zum Abendessen.
„Folge dem gelben Backsteinweg.“ Feeley deutete auf die rot-braunen Turnschuhabdrücke, die den Weg wie blutige Tanzschrittanweisungen markierten. „Das ist einer fürs Sammelalbum, so viel ist mal klar.“ (Auszug Seite 22 bis 23)

Billy Graves ist Detective der Nachtschicht des NYPD. Seiner Einheit obliegt es, die Fälle aufzunehmen und dann an die nächste Tagschicht abzugeben. Doch ein Mordfall erregt seine volle Aufmerksamkeit: In einem U-Bahn-Tunnel liegt die Leiche von Jeffrey Bannion. Bannion ist für Billy kein Unbekannter: Er ist ein Mörder, der nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wurde. Ein Täter, bei dem die ermittelnden Beamten hundertprozentig von dessen Täterschaft überzeugt waren, aber die Beweise nie für eine Anklage gereicht hatten. Bannion ist einer der Unantastbaren.

Keiner hatte diese Unantastbaren gebeten, sich in ihrem Leben häuslich niederzulassen, keiner hatte diese Schatten gebeten, so dauerhaft und willkürlich wie Malaria ihre Seelen zu belagern, keiner hatte darum gebeten, diesem düsteren Streben derart hilflos ausgeliefert zu sein, dass sie keine Wahl hatten, als ihm weiter und weiter zu folgen. (Seite 42)

Einst waren sie eine verschworene Gemeinschaft von jungen Cops, die sogenannten Wildgänse. Begannen ihre Karriere in einem der schlimmsten Reviere in der Bronx. Später als Detectives hatten alle von ihnen ein Erlebnis mit einem Unantastbaren, einem Mörder, der ungeschoren davon gekommen war und damit zu einer Art Obsession für die Ermittler wurde. Noch Jahre später und selbst nach Quittierung des Dienstes werden die Akten regelmäßig gewälzt, nach nicht beachteten Spuren geforscht und Kontakt zu den Hinterbliebenen des Opfers gehalten. Der Unantastbare ist wie ein persönlicher Dämon für jeden Einzelnen von ihnen.

Vom harten Fünferkern der Wildgänse ist nur noch Billy Graves im Polizeidienst. Ein Familienvater, Anfang vierzig und schon schwer gezeichnet von Leben und vor allem vom Job („Er war zwar erst zweiundvierzig, aber sein Knitterzellophanblick gepaart mit einer exquisiten Schlaflosenpose hatte ihm schon mal eine Seniorenermäßigung fürs Kino eingebracht. Der Mensch war nicht dazu gemacht, erst nach Mitternacht mit der Arbeit anzufangen – Ende der Durchsage, scheiß auf die Zulage.“ Seite 11). Als er mitbekommt, dass nach Jeffrey Bannion noch ein weiterer Unantastbarer ums Leben gekommen ist, klingeln bei ihm die Alarmglocken. Er laviert hin und her zwischen Pflichtgefühl und Loyalität zu seinen Kameraden, denen er eine Tatbeteiligung zutraut. Dabei hat er zuhause genug zu tun, denn auch seine Frau Carmen schleppt eine unausgesprochene Last mit sich herum, sein dementer Vater (Ex-Cop, was sonst?) lebt bei seiner Familie und dann werden auch sie noch von einem Unbekannten terrorisiert.

Die Nacht entwickelte sich zu einer weiteren Nullrunde, der einzige Einsatz bisher führte um vier Uhr an einen Außentatort im West Village, wo ein Hausbesitzer im Garten von einem Rasenmäher angeschossen worden war. Die scharfe 357er-Patrone, die zuvor im Gras geschlummert hatte, war von den Rotorblättern angesogen und gezündet worden und dann aus dem hinteren Teil des Geräts in seine Eier gefeuert.
Als Billy und Stupak am Tatort eintrafen – Schüsse waren nun mal Schüsse -, durchkämmten die Sprengstoffexperten bereits den Garten nach weiteren Blindgängern, und irgendein Witzbold hatte den Luxusrasenmäher mit Handschellen an eine Laterne gekettet. (Seite 326)

Das Faszinierende am Roman ist zum einen sein stetiger, pulsierender Rhythmus, durch Billys ständige Nachtschicht verschwimmen Tag und Nacht, wie Sinatra schon sang, „the city that never sleeps“. Billy versieht unverrichteter Dinge seinen Job und wir begleiten ihn zu den allnächtlichen Verbrechen quer durch Manhattan und bekommen Einblicke in den Kosmos des „Big Apple“. Zum anderen spielt Richard Price seine große Erfahrung als Drehbuchautor (unter anderem für „The Wire“ und „Die Farbe des Geldes“) aus und schafft sehr realistische, knappe, lakonische, auch humorvolle Dialoge, die er für eine Drehbuchadaption eigentlich kaum verändern müsste.

Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahren bei der Lektüre seines letzten Romans Cash noch nicht so ganz sicher war, was ich von dieser Mischung aus Großstadtroman und „cop novel“ halten sollte (wahrscheinlich muss ich das Ding einfach nochmal lesen). Mit Die Unantastbaren ist Richard Price auf jeden Fall ein großer Wurf gelungen. Gebrochene Cops in einer schlaflosen Stadt und die ganz großen Gefühle: Liebe, Freundschaft, Loyalität, Verrat, Schuld, Rache, Wut und Hass.

Dieser Roman gewann übrigens vor einigen Wochen den Deutschen Krimi Preis 2016 in der Kategorie „International“. Aus meiner Sicht eine gute Wahl.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Die Unantastbaren | Erschienen am 22. Oktober 2015 bei Fischer
ISBN 978-3-10-002416-9
432 Seiten | 24,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Cops aus New York.

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2 Gedanken zu “Richard Price | Die Unantastbaren

  1. Eine echt gelungene Besprechung, Gunnar. Die Verbindung mit Sinatra ist wirklich sehr passend. Kann Dir von Price auch „Clockers“ nur ans Herz legen. Beste Grüße und noch schöne (Rest-)Ostern.

Gedanken dazu

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