Joakim Zander | Der Schwimmer

„Und dann? Wenn die Russen abgezogen, die Bilder von Lenin verbrannt und nur die Toten übrig sind? Sollen diese zeitlosen Männer ein Land in Allahs Namen errichten? Sollen wir es ihnen erlauben, Musik, Theater, Literatur, ja sogar archäologische Stätten zu verbieten? So wie sie es ankündigen? Ziehen wir das der Gottlosigkeit des Kommunismus vor? In welche Hände legen wir das Schicksal dieser Welt? “ (Afghanistan 1988) (Auszug Seite 108)

Der schwedische Autor Joakim Zander erzählt in seinem Debüt Der Schwimmer die Geschichte eines amerikanischen Agenten, der vor über 30 Jahren bei einem Anschlag im Nahen Osten seine Frau verloren hat. Er hielt die gemeinsame Tochter im Arm und musste mit ansehen, wie sie einer ihm geltenden Autobombe zum Opfer fiel. Klara wuchs bei ihren schwedischen Großeltern auf einer Schäreninsel auf, ohne irgendetwas über ihren Vater zu wissen. Der traumatisierte CIA-Agent leidet darunter, seine Tochter nie wieder gesehen zu haben und nie erfahren zu haben, wer für den Anschlag verantwortlich gewesen ist. Nur beim Schwimmen kann er ein wenig innere Ruhe und Frieden finden. Die Rückblicke auf sein Leben bilden die Rahmenhandlung dieses Krimis.

Die eigentliche Geschichte dreht sich um die inzwischen Erwachsene Klara Walldéen, die als dynamische EU-Referentin in Brüssel Karriere macht. Während ihres Studiums in Uppsala verliebte sie sich in einen Politologen, der die Beziehung grundlos beendete. Als Professor Mahmoud Shammosh sich jetzt meldet und sie um Hilfe bittet, zögert sie nicht, ihrer großen Liebe „Moody“ zu helfen. Das Ausmaß dieser Geschichte kann sie allerdings noch nicht erahnen. Der angesehene Professor ist an Informationen von derart politischer Brisanz gekommen, das alsbald skrupellose Geheimdienstler auf ihrer Spur sind. Die Dunkelmänner schrecken vor nichts zurück, um die Berichte, die sich auf einem Laptop befinden, zu eliminieren. Auch Klara gerät in das Visier der Scharfschützen und es kommt zu einer Hetzjagd durch ganz Europa.

Und dann ist da noch der Lobbyist Georg Lööw, der nur das große Geld und seine Karriere im Auge hat, einen Fehler macht und daraufhin erpressbar ist. Er wird mit einem heiklen Auftrag betraut und nicht nur er wird im Laufe der Geschichte noch über sich selbst hinauswachsen.

„Wir ermorden niemanden“, erwidert Kirsten ruhig. „Wir befinden uns in einem Krieg, klar? Soldaten morden nicht, sie kämpfen für das Überleben ihres Landes. Und genau das sind wir: Soldaten. Was wir tun, hält die Welt am Laufen. Weil wir uns opfern, können du und deine blutleeren Kollegen jeden Tag zur Arbeit gehen, und ihr könnt mit eurem verdammten bullshit weitermachen. Ermorden? Was glaubst du eigentlich, wer du bist, hier zu sitzen und von Mord zu quatschen? Und wir tun alles, was in unserer Macht steht, damit niemand sein Leben lassen muss. Du glaubst mir vielleicht nicht? Du glaubst vielleicht, wir würden das genießen?“ (Seite 288)

Der Autor treibt seinen anspruchsvollen Politthriller mit kurzen Kapiteln, vielen Orts- und Zeitenwechseln voran. Die unterschiedlichen Erzählperspektiven verlangen dem Leser einiges an Konzentration ab. Unterbrochen wird der intelligente, packende Plot von den Rückblenden des Schwimmers. Diese intensiven Kapitel sind in der Ich-Perspektive im Präsens geschrieben und so ist man dem melancholischem Amerikaner sehr nahe. Sie erzählen von einem einsamen, desillusionierten Agenten, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hat. Sie nehmen aber auch zumindest im ersten Drittel ein bisschen das Tempo raus und schränken den Lesefluss ein. Wenn nach einigen überraschenden Wendungen die einzelnen Handlungsstränge zusammenlaufen und auf ein Showdown zurasen, entsteht großes Kopfkino. An diesem Punkt konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Der brisante Thriller ist aus der Feder eines Autors, der über reichlich Hintergrundwissen verfügt. Der in Stockholm geborene Joakim Zander wuchs an der schwedischen Küste und in Damaskus, Syrien, auf und arbeitete unter anderem für das Europäische Parlament in Brüssel. Er weiß also, wovon er spricht und so beschreibt er sehr eindrücklich und schonungslos die Machenschaften hinter den Kulissen der EU. Ein zweiter Band um die Protagonistin Klara Walldéen soll schon fertig sein und ein dritter ist in Planung.

 

Rezension von Andy Ruhr.

 

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Der Schwimmer | Erschienen am 1. September 2014 bei Rowohlt Polaris
ISBN 978-3-49926-887-8
432 Euro | 14,99 Euro
Bibliographische AngabenLeseprobe & Trailer

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