Gioacchini Criaco | Schwarze Seelen

Wir hielten uns für tüchtig, für die Fähigsten von allen, wir dachten, wir hätten in Eigenregie zuerst Heroin, dann Koks gedealt. Stattdessen waren wir freiwiliig auf einen Zug aufgesprungen, den andere steuerten. Wir verkauften den Tod, weil jemand ein Interesse daran hatte, dass wir es taten, doch wir wussten, was wir taten. Seit unserer Kindheit trugen wir Waffen, um frei zu sein. Wir waren noch immer bewaffnet, doch wir ähnelten in allem jenen, die wir eigentlich bekämpfen wollten.
Nicht wir fanden das Rauschgift der Türken, es kam zu uns. Den Grund dafür erkannte ich erst später, Luciano hatte es geahnt, er hatte mich gewarnt, doch ich hatte ihm nicht geglaubt, und wie immer riss ich ihn mit.
Wir glaubten zu strahlen, brachten jedoch Dunkelheit (Auszug Seiten 104-105)

Drei Jungen aus einem Dorf im tiefen Süden des italienischen Stiefels wachsen als Söhne von Ziegenhirten auf. Die ärmlichen Dörfer ringsum werden von den „Ehrenmännern“ kontrolliert. Doch die Jungs wollen sich nicht damit abfinden, von der Mafia rekrutiert zu werden. Sie ziehen lieber ihr eigenes Ding durch. Schon als Schüler drehen sie die ersten Dinger: Einbrüche, Diebstähle, schließlich Überfälle. Schließlich gehen sie nach Mailand und steigen dort erfolgreich in den Drogenhandel ein. Das Geschäft wächst und wächst, aber sie gehen auch Verbindungen ein, die sich nicht so einfach aufkündigen lassen.

Der Aspromonte ist ein Bergmassiv im südlichen Kalabrien. Schroffe Felsen, Eichenwälder. Traditionell wird dort Ziegenzucht betrieben. Ansonsten gibt es dort wenig zu tun. Das Armenhaus Italiens, kontrolliert vom organisierten Verbrechen. Schon ewig verstecken dort die Bauern und Hirten von der Mafia verschleppte Entführungsopfer („Schweine“) oder Flüchtige oder Entflohene. Diese „Schatten“ hatten oftmals noch einige Rechnungen offen und wenn sie bei ihrer Rache vermutlich lebend davonkommen würden, nannte man diese „Schwarze Seelen“.

Wer hier geboren wurde, starb hier auch. Man starb aus zweierlei Gründen, aus Armut oder im Kugelhagel. Sowohl dem einen als auch dem anderen konnte man nicht entkommen. (Seite 8)

Die Protagonisten von Schwarze Seelen sind der Ich-Erzähler (wobei oft auch in der Wir-Form erzählt wird) und seine Freunde Luciano und Luigi. Diese drei Jungs aus den Wäldern sind tief in der Region verwurzelt. Im Laufe des Buches werden sie auch lange in Mailand leben, doch sie kehren immer wieder in die Heimat zurück. Sie glauben, ihre Ambitionen nur mit kriminellen Handlungen erreichen zu können (vermutlich haben sie recht) und da sie niemand aufhält, geht dies auch erstaunlich lange gut. Was mit kleinen Diebstählen begonnen hat, wächst in Mailand zu einem kleinen Rauschgiftimperium heran. Erst Heroin, später Kokain. Während der ganzen Zeit (der Roman umfasst schätzungsweise zwei Jahrzehnte) geraten die Drei aber immer mehr in ein Netz von Politik, Justiz, Polizei, Mafiapaten und arabischen Drogenhändlern und Terroristen.

Eine starke Geschichte, die Gioacchini Criaco hier erzählt. Sehr italienisch. Man darf annehmen, dass der Autor hier nicht nur Fiktionales verfasst hat, denn er stammt selbst aus Africo am Aspromonte. Sein Vater wurde in einer Blutfehde umgebracht und sein Bruder gehörte zu den meistgesuchten Verbrechern Italiens. Von Beginn an ist dem Leser klar, dass diese Story nicht gut ausgehen kann. Aber man kann sich diesen Jungs nicht entziehen; stinkreiche, eiskalte Drogenbosse, aber im Herzen immer noch Ziegenhirten vom Aspromonte.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Schwarze Seelen | Erschienen am 8. März 2016 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-684-9
233 Seiten | 22,90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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