Bernhard Aichner | Totenhaus

„Das hier wäre die Alternative gewesen. Björk war hier aufgewachsen, sie hatte in einem Park mit einem künstlich angelegten Teich gespielt und nicht in einem Kühlraum mit Leichen. (…) Keine Außenpools, keine Minigolfanlage, keine Hundertschaft an Mitarbeitern, mit denen sie hätte reden können. Blum hatte nur ihre Leichen gehabt.“ (Auszug Seite 63)

Zwei Jahre sind vergangen. Zwei Jahre, seitdem Mark, Blums Mann, überfahren wurde. Blum ist mit ihren Kindern in Griechenland am Strand im Urlaub. Die Kinder spielen, Blum liegt im Liegestuhl, trinkt Wein und blättert in Zeitschriften. Dann entdeckt sie einen Artikel über tote Menschen, die ausgestopft und ausgestellt wurden, in einem Museum in Innsbruck. Und weil das noch nicht skurril genug ist, sieht eine der ausgestellten Leichen aus wie Blum, wie aus dem Gesicht geschnitten. Daraufhin bricht Blum den Urlaub ab und fährt zu der Ausstellung. Sie will wissen wer das ist.

Der Künstler kannte diese Frau ziemlich gut. Björk. Blum hat eine Zwillingsschwester und im Alter von 3 Jahren müssen die beiden Schwestern bei der Adoption getrennt worden sein. Blum ist neugierig und will alles über Björk wissen. Welches andere und bessere Leben hätte auch sie haben können? Der Künstler Leo Kuhn nimmt Blum mit zu dem riesigen Hotel, in dem Björk und ihre Familie gelebt hat. Sie trifft auf Björks Bruder Ingmar und den Vater Alfred.

Zur gleichen Zeit wird wegen einer Erbstreitigkeit ein Grab geöffnet, das Blum „bestattet“ hat. Es soll ein DNA-Test gemacht werden. Dabei werden in dem Grab zwei Beine und ein Kopf zu viel entdeckt. Schnell ist klar, dass Blum was damit zu tun hat. Und dass die Leichenteile von dem berühmten Schauspieler stammen, der vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Er wurde also ermordet. Die Presse stürzt sich auf diesen Fall und schon bald ist Blum zur Fahndung ausgeschrieben und Polizei und Presse belagern die Villa, in der sie wohnt. Blum muss ihre Kinder beim Großvater zurücklassen und sich verstecken. Ingmar nimmt sie in dem großen Hotel auf, dort ist sie in Sicherheit. Sie wird dort nicht vermutet und kann sich in Ruhe das weitere Vorgehen überlegen.

Das riesige Hotel „Solveig“ in dem Björk und Ingmar aufgewachsen sind, wirkt für Blum zuerst wie das Paradies. Das war also die Alternative zu ihren Eltern, zu einer Kindheit ohne Liebe und Zuneigung und schon von Anfang an im Bestattungsinstitut, in dem ihr Vater sie schon als kleines Mädchen zur Mithilfe bei der Leichenversorgung gezwungen hat. Nach und nach stellt sich aber heraus, dass das Paradies keines ist. Das Hotel steht seit zwei Jahrzehnten leer, über 300 Betten unbenutzt. Nur noch Alfred und Ingmar, Vater und Sohn, und eine Haushälterin leben hier. Mutter Solveig, nach der das Hotel benannt wurde, und Björk haben Selbstmord begangen. Als dann auch noch die Haushälterin Gertrud stirbt, wird Blum bewusst, dass das eher ein Totenhaus ist. Dann tritt der Prolog ein und Blum ist klar, mit der ganzen Familie stimmt etwas nicht.

Totenhaus von Bernhard Aichner ist genauso spannend wie der vorherige Thriller Totenfrau. Ich konnte das Buch nicht zur Seite legen. Was auch daran lag, dass vor allem zum Kapitelende Wendungen in der Geschichte begannen. Auch die Gedanken an den Prolog haben die gesamte Handlung über begleitet. Bei jeder Entscheidung von Blum habe ich mich daran erinnert und mitgezittert und mitgegrübelt, ob das denn jetzt die richtige war.

Die Geschichte ist insgesamt weniger grausam und brutal geschildert, als der erste Teil. Nur als Ingmar Blum seine immer gleiche Kunst vorstellt und zeigt, wie er die rotbraune, verschmierte Farbe auf die Leinwand bringt, war ich sehr geschockt. Das Ende finde ich etwas überdramatisiert. Blum weiß nicht mehr, wem sie überhaupt noch trauen kann und vermutet ein Lügenkonstrukt. Um das aufzulösen, greift sie zu brutalen Maßnahmen. Schließlich hat sie so und so ähnlich auch vorher schon fünf Menschen umgebracht, damit also schon Erfahrung.

Bernhard Aichner wurde 1972 geboren und lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er hat bis jetzt zehn Bücher veröffentlicht, darunter nicht nur Thriller, sondern auch Romane und Erzählungen.

Ich freue mich jetzt noch etwas mehr auf die geplante Verfilmung und der Epilog lässt auf ein weiteres Buch hoffen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

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Totenhaus | Erschienen am 17. August 2015 bei btb
ISBN 978-3-44275-455-0
416 Seiten | 22,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Band 1 der Totenfrau-Trilogie, Totenfrau

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