Britta Bolt | Das Haus der verlorenen Seelen

Pieter Posthumus hatte noch nie so viel Blut gesehen.
„Mein Gott“, sagte jemand hinter ihm. Eine Hand in seinem Rücken schob ihn ins Zimmer.
„Du bist das doch gewöhnt“ „Normalerweise sehen wir die Leichen nicht“, sagte Posthumus.
„Nicht so.“ (Auszug Seite 9)

Nach dem gelungenem Debüt Das Büro der einsamen Toten geht nun die Reihe um Pieter Posthumus mit Das Haus der verlorenen Seelen weiter. Pieter, der als Beamter der Stadt Amsterdam für eine würdige Beerdigung von anonymen Leichen zuständig ist, wird diesmal zufällig Zeuge eines brutalen Gewaltverbrechens.

PP sitzt in seinem Stammlokal Dolle Hond, als in der benachbarten Pension ein junger Moldawier tot in einer riesigen Blutlache aufgefunden wird. Die Vermieterin Marloes Vermolen hat aus dem ehemaligen Gästehaus ihrer Eltern am Rande des Rotlichtviertels ein Heim für gestrandete junge Menschen gemacht. Der ermordete Zig, dem sie nach einer Stricher- und Drogenkarriere wieder auf die Beine half, war ihr Lieblingsschützling gewesen. Marloes, eine schrille, exzentrische Frau mit einer Vorliebe für bunte, wallende Gewänder, die blutüberströmt, total verwirrt und um Hilfe bittend im Dolle Hond auftaucht, wird schnell zur Hauptverdächtigen. Es ist ausgerechnet PP, der einen Zusammenhang zu einem länger zurückliegenden Mordfall entdeckt. Als er seine Erkenntnisse der Polizei mitteilt, ahnt er nicht, dass er damit den Grund liefert, Marloes als Verdächtige eines Doppelmordes zu verhaften. PP, von Marloes Schuld nicht überzeugt, kann gar nicht anders als der Sache auf den Grund zu gehen und auf eigene Faust zu ermitteln.

Der zweite Band um den ungewöhnlichen Ermittler Pieter Posthumus knüpft nahtlos an das Erstlingswerk an. Ein paar Mal wird sogar auf den ersten Teil Bezug genommen und einige offenen Fragen geklärt. Nachdem mir der erste Fall des Autorenduos Britta Böhler und Rodney Bolt alias Britta Bolt so gut gefallen hatte, war ich sehr gespannt auf den vorliegenden Roman. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich war sofort wieder mitten in Amsterdam. Und sie waren alle wieder da. Der beharrliche, gutmütige, PP, der immer noch mit dem Fahrrad durch sein Viertel kurvt, weiter seine Exfreundin Anna, die gute Seele und Wirtin des Dolle Hond und immer noch (heimlich) seine große Liebe Cornelius, der Künstler, der die Gedichte für die anonymen Toten schreibt, etc. Selbst Frau Pling sitzt wieder an ihrem Lieblingsplatz am Geldspielautomaten.

Die Autoren haben wirklich ein Händchen für liebenswerte, schräge Vögel, die alle bis auf die kleinsten Nebenrollen sehr authentisch und menschlich gezeichnet sind. Besonders gut gelungen ist der sympathische Eigenbrötler und Hobbykoch PP.

„Er würde dafür sorgen, dass der Fall bei ihm landete. Seinen Kollegen war es egal. Nur Posthumus ging die Bücherregale seiner „Klienten“ – so nannte er die Toten – durch, begutachtete ihre Musiksammlungen und blätterte in privaten Briefen, um ihren Abschied von der Welt persönlicher zu gestalten. Seine Kollegin Maya nannte ihn deshalb einen makabren Schnüffler.“ (Seite 15)

Der Hauptdarsteller ist aber die Stadt Amsterdam, die die beiden Autoren, die seit 1990 hier leben, mit ihren Vierteln, Grachten und Kaffeehäusern liebevoll und atmosphärisch dicht beschreiben, wobei nicht mit gesellschaftlicher Kritik gespart wird.

Die Häuser von De Wallen drängten sich dicht an die Rückseite der Kirche. Kleinkinder spielten fröhlich in einer Kindertagesstätte, die flankiert war von den Mädchen in ihren Fenstern. Sie waren schon bei der Arbeit, obwohl es erst kurz nach elf war. Kein Wunder, dass manche Leute, so entsetzt über Amsterdam waren, dachte Posthumus, während er sich durch die schmale Gasse schlängelte. Aber ansehen wollten sie es sich natürlich trotzdem. Junge Männer mit rosigen Wangen, begleitet von ihren offenkundig verlegenen oder gelangweilten Freundinnen. Gruppen von Tagesausflüglern mittleren Alters in Anoraks. Sie hatten Spaß an dem kleinen Nervenkitzel, die moralische Empörung auf ein missbilligendes Zungenschnalzen reduziert. (Seite 205 und 206)

Pieter mit seinem untrüglichen Gespür für Ungereimtheiten findet bei dem Ermordeten Merkwürdiges auf einem Gemälde, eine Kopie von Vermeers Dienstmagd mit Milchkrug, welches der talentierte Zig hinterlassen hat. Seine Ermittlungen führen ihn daher nicht nur durch das Rotlichtviertel oder in dubiose Fitnesscenter, sondern auch ins Rijks-Museum. Mir hat dieser Handlungsstrang um die alten Holländischen Meister besonders gut gefallen. Der Leser ist immer an Pieters Seite und kann miträtseln in diesem spannenden verzwickten Fall. Für mich war dieser leise, kluge Krimi, der auf unnötige Gewaltszenen verzichtet, ein Highlight, der sich wohltuend von dem üblichen Krimieinerlei abhebt.

Das wunderschön gestaltete Cover der deutschen Ausgabe zeigt einen Totenkopf in dem typischen holländischen Delfter Blau und passt damit gut zu Band 1 der Reihe, der einen Totenkopf in dem gleichen Look ziert. Ich freue mich schon auf den bereits in den Niederlanden erschienenen 3. Teil der als Trilogie angelegten Pieter Posthumus Reihe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Das Haus der verlorenen Seelen | Erschienen am bei Hoffmann und Campe
ISBN 978-3-
320 Seiten | 22,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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