Zygmunt Miłoszewski | Ein Körnchen Wahrheit

„Sollen die Schulen geschlossen werden?“
Szacki stutzte. Er drängte zum Eingang durch, doch die Frage war so blöd, dass er stehen blieb.
„Die Schulen, warum?“
„Um die Kinder zu schützen.“
„Entschuldigung, aber wovor?“
„Vor dem Mysterium des Bluts.“
„Sind sie verrückt geworden?“
Staatsanwalt Teodor Szacki hatte den Eindruck, es öffne sich die Tür zu einer alternativen Wirklichkeit. Zu einer alten, vergessenen und irrealen Wirklichkeit, wie er dachte, übersät mit den Leichen alter Dämonen. Aber es genügte schon, einen Blick durch einen Spalt zu werfen, um zu erfahren, dass die Dämonen keineswegs tot waren, sie hatten nur geschlummert, und dazu war das ein überaus leichter Schlaf gewesen. (Auszug Seite 219)

Staatsanwalt Teodor Szacki hat sich ins Provinzstädtchen Sandormierz versetzen lassen. Dort ist es eigentlich relativ geruhsam, doch dann erschüttert ein grausamer Mord das Städtchen. Eine hoch angesehene Frau wurde durch schwere Schnittverletzungen am Hals ermordet, offenbar durch ein spezielles Messer für rituelle jüdische Schächtungen. Alte antisemitische Ressentiments kommen wieder hoch und Szacki versucht verzweifelt, gegen diese alte Legenden anzukämpfen. Da wird die nächste Leiche gefunden, auch sie ermordet wie in der alten Ritualmordlegende.

Bereits im letzten Jahr las ich den ersten Band der als Trilogie angelegten Reihe um den Warschauer Staatsanwalt Teodor Szacki. Sowohl mit Warschauer Verstrickungen als auch mit Ein Körnchen Wahrheit gewann Autor Zygmunt Miłoszewski den Polnischen Krimipreis „Nagroda Wielkiego Kalibru“. Was mir an der Reihe besonders gefällt, ist die vom Autor hervorragend kreierte Hauptfigur. Staatsanwalt Teodor Szacki ist Ende 30, eisgraues Haar, eitel, intelligent, geistreich, schlagfertig bis zynisch. In seinem Job sehr professionell, tonangebend, manchmal arrogant. Ein strenger Hüter der Gerechtigkeit. Nach seiner Affäre im ersten Teil ist seine Ehe gescheitert und er hat fernab der Hauptstadt einen neuen Job in der beschaulichen Kleinstadt Sandormierz angenommen. Er fühlt sich im Job unterfordert. Mit unkonkreten Affären versucht er seine Einsamkeit und Melancholie zu vertreiben, doch eigentlich will er zurück zu Frau und Kind.

Der Roman ist ein Whodunnit, eng begleitet der Autor seine Hauptfigur mit einem personalen Erzähler durch die Ermittlungen. Obwohl der Krimi durch die Melancholie des Protagonisten und die akribische Ermittlungsarbeit einen eher ruhigen Verlauf nimmt, versteht es Miłoszewski durch die gesellschaftlichen Hintergründe eine subtile Spannung zu erzeugen und überrascht am Ende mit einem Twist.

Sandomierz ist ein architektonisches Kleinod im Südosten Polens an der Weichsel. Die Morde wecken allerdings in der kleinstädtischen Atmosphäre böse Geister auf. Die Ritualmordlegende als Teil des alten Antijudaismus war bis ins 20. Jahrhundert europaweit verbreitet (und wird bis heute von Rechtsextremen und Islamisten immer noch propagiert). Und wie fragil das Verhältnis zwischen Juden und Polen bis heute ist, das zeigt der Autor in diesem Krimi auf. In einer Gegend, in der es noch Pogrome nach dem zweiten Weltkrieg an Holocaust-Heimkehrern gab, in der bis heute ein Wandbild der Legende in der Kathedrale (verhüllt) hängt und umgekehrt Juden tragende Rollen im kommunistischen System und der polnischen Staatssicherheit spielten (was Miłoszewski klugerweise einen Rabbi im Buch bestätigen lässt). Teodor Szacki hat alle Hände voll zu tun, sich gegen alte Ressentiments zu stemmen, aber gleichwohl muss er seine Ermittlungen in alle Richtungen offen halten.

„… Ich bin Beamter der Republik Polen, und mich interessiert ausschließlich eins: den Schuldigen für diese Verbrechen zu finden und vor Gericht zu stellen. Und es ist mir total schnuppe, ob das der wiederauferstandene Karol Wojtyla, Ahmed aus der Döner-Bude oder ein schmächtiger Jude von ihrem Typ ist, der in seinem Keller Mazze backt. Wer immer es ist, er wird an seinem verlausten Pejes aus dem feuchten Loch gezogen, in das er sich verkrochen hat, und muss sich für das verantworten, was er getan hat. Das garantiere ich Ihnen.“ (Seite 224)

Vor einem Jahr haben wir gemeinsam mit dem Schneemann schon die Krimilandschaft Osteuropas erkundet. Und der Blick gen Osten lohnt sich weiterhin: Ein Körnchen Wahrheit bietet eine exzellente Hauptfigur, interessante religiös-gesellschaftliche Hintergründe und einen feinen, literarischen Stil.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Ein Körnchen Wahrheit, erschienen am 1. Juli 2016 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-83331-011-9
512 Seiten | 10,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Zygmunt Miloszewskis Roman Warschauer Verstrickungen

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2 Gedanken zu “Zygmunt Miłoszewski | Ein Körnchen Wahrheit

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