Arne Dahl | Sieben minus eins

Der Beamte mit den hellgrünen Augen wankte aus der Dunkelheit ins Freie. Er war kreidebleich. Seine Dienstwaffe fiel auf den Boden der Veranda. Erst als er zusammenbrach, verwandelte sich der Laut wieder in einen Schrei. Aber noch immer klang er nicht menschlich. Das Blut des Mannes vermischte sich mit dem Wasser auf den Holzplanken, während ihn zwei Kollegen in Sicherheit brachten. In seinen Oberarmen steckten Messerklingen. (Auszug Seite 11 )

Bei der Erstürmung eines Sommerhauses wird ein Polizist schwer verletzt, doch die Beamten der Kripo Stockholm kommen zu spät. Von der seit Wochen verschwundenen 15-jährigen Ellen keine Spur, dafür jede Menge Blutspuren in dem weit verzweigten Keller. Kriminalkommissar Sam Berger vermutet, dass es bereits frühere Opfer des Täters gibt und findet Zusammenhänge zu weiteren Vermisstenfällen junger Mädchen in der Vergangenheit.

Da er jedoch diverse Hinweise, die in seine eigene Jugend zurückreichen, verheimlicht, stößt er mit seiner Serientäterthese bei seinem Chef auf wenig Verständnis. Bei seinen eigenmächtigen Nachforschungen entdeckt der beharrliche Berger anhand von Pressefotos eine Frau, die an sämtlichen Tatorten auftauchte. Während des Verhörs, bei dem man noch ermittelt, ob diese Frau, die als Nathalie Fredén verhaftet wird, Mittäterin oder Gehilfin des Serientäters ist, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Berger selbst gerät als Verdächtiger ins Visier der Geheimpolizei und muss sich gegen die Säpo-Agentin Molly Blom behaupten.

Obwohl ich ein großer Fan der skandinavischen Kriminalliteratur bin und mir Arne Dahl natürlich ein Begriff ist, hatte ich tatsächlich bisher noch nichts von ihm gelesen. Der Anfang ist sehr spannend und verwirrend. Ohne große Einleitung findet man sich gleich zu Beginn mitten im Geschehen wieder und zwar in dem schaurigen Kellerverlies. Aber grade diese Orientierungslosigkeit machte für mich einen großen Reiz aus und ich konnte das Buch zumindest am Anfang nicht mehr aus der Hand legen. Die dramatische Verhörszene ist eine der Schlüsselpunkte des Thrillers. Zwei Menschen sitzen sich am Tisch gegenüber, dann kippt die Situation plötzlich, die Machtverhältnisse wechseln zwischen den beiden und der verhörende Kommissar wird selbst zum Verhörten.

Sieben minus eins ist der Beginn einer neuen Thrillerserie, in der sich das Ermittlerduo Sam Berger und Molly Blom erst mal zusammenraufen muss. In ihrer gemeinsamen Schulzeit liegt der Schlüssel für diese Geschichte, in der Mobbing und seine Auswirkungen der Ausgangspunkt ist.
Mir als passioniertem Krimileser passiert es mittlerweile selten, aber Dahl schafft es, mit vielen unerwarteten Wendungen zu überraschen. So hat mich zum Beispiel total verblüfft, wie der Autor seine Heldin Molly Blom einführt. Dahl spielt routiniert mit den Erwartungen der Leser, um sie wenig später ins Leere laufen zu lassen und alles erscheint immer wieder in einem völlig anderen Licht.

Realitätsnähe oder Gesellschaftskritik sucht man in diesem gut durchdachten Krimiplot vergebens. Dafür punktet Dahl mit vielen grausigen Einfällen, mit denen er die Geschichte voran treibt. Auch hat er sich große Mühe mit der Konstruktion raffinierter Mordmaschinen und Folterwerkzeuge gegeben. Die Geschichte liest sich flüssig und durchweg spannend, da versteht der Autor sein Handwerk. Die Handlungen der beiden Hauptpersonen waren teilweise sehr sprunghaft und nicht immer sofort nachvollziehbar, aber wenn man sich darauf einlässt und die Logik manchmal außer Acht lässt, erfährt man ein großes Lesevergnügen. Dahl spielt mit vielen Klischees, zum Beispiel finden die ganzen Ermittlungen – typisch für einen düsten schwedischen Thriller – im Dauerregen statt.

Seine Hauptprotagonisten sind Kriminalkommissar Samuel Berger, ein eigenwilliger Bulle mit weichem Kern, verbissen und traumatisiert. Seit seiner Scheidung fühlt er sich einsam und seine Frau hält auch noch die beiden Kinder von ihm fern. Sein Verhältnis zu Frauen ist schwierig. Seit seiner Jugend faszinieren ihn und übrigens auch den Täter Uhren und er besitzt mehrere wertvolle Armbanduhren, die er abwechselnd trägt. Diese mechanisch aufzuziehenden Uhren strukturieren seinen Alltag. Durch permanente Alleingänge und gefährliche Aktionen bringt er sich und seine Kollegen in Lebensgefahr.

Da auch Molly Blom einen eigenwilligen Charakter hat, sorgt das für viele Konflikte. Sie ist ein sehr kontrollierter Mensch, fast schon soziopathisch, dem Ordnung und Struktur sehr wichtig sind. Auf der anderen Seite besitzt sie ein großes Talent, in andere Rollen zu schlüpfen. Durch ein traumatisches Erlebnis in ihrer Kindheit vertraut sie niemandem mehr und verlässt sich nur noch auf sich selbst.

Arne Dahl ist das Pseudonym des Literaturwissenschaftlers und Kritikers Jan Arnold, der unter anderem auch für die Schwedische Akademie arbeitet, die den Nobelpreis vergibt. Er ist 1963 geboren und lebt in Stockholm. Berühmt wurde er mit seiner 10-teiligen Serie um eine Spezialeinheit der Schwedischen Polizei, zuständig für internationale Verbrechen. Die sogenannte A-Gruppe um die Hauptfiguren Paul Hjelm und Kerstin Holm zählt zu den weltweit erfolgreichsten, inzwischen auch verfilmten Serien. Als er 2011 mit einer neuen Thriller-Serie mit einem grenzüberschreitend operierendes Ermittlerteam der Europol an die vorherigen zehn Teile anschließt, setzt er sich auch hier mit dem globalisierten Verbrechen auseinander.

Doch diese Thriller um Europas Eliteermittler wurden mittlerweile von der Realität eingeholt. Wie Arne Dahl in einem Interview bekannte, hatte er genug von der organisierten Kriminalität und Gewalt in der globalisierten Welt. Als er mit der Serie anfing, war er noch überzeugt, dass man mit einem „europäischen FBI“ dagegen vorgehen kann. Müde geworden aufgrund der mafiösen Strukturen in diversen Ländern, beschloss er, seine Geschichten kleiner zu machen. Der Bestseller-Autor verließ seine bisher so erfolgreichen Krimi-Pfade und kehrt mit Sieben minus eins an den Schauplatz Schweden zurück. Da er mehr Zeit in die Geschichte investieren wollte, bedurfte es eines ganz neuen Ansatzes und so belebte er den Charakter des einsamen, niedergeschlagenen Kommissars wieder neu. Ein Ermittlertyp, der ja nicht grade selten in Krimis auftaucht und von Arne Dahl bisher vermieden wurde. Den schaurigen Cliffhanger zum Schluss hätte es für mich gar nicht gebraucht, um neugierig auf weitere Teile zu sein. Der Auftakt zur neuen Reihe hat mich bestens unterhalten.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Sieben minus eins | Erschienen am 1. September 2016 bei Piper
ISBN 978-3-49205-770-7
416 Seiten | 16,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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4 Gedanken zu “Arne Dahl | Sieben minus eins

  1. Endlich habe ich mal eine Meinung zu diesem Buch gelesen. Darauf habe ich schon gewartet.
    Als ich im November beim Krimifestival Arne Dahl getroffen habe und er in seiner Veranstaltung über das Buch gesprochen hat, fand ich die vorgelesenen Stellen ziemlich packend. Dass er sich einige grausame Details einfallen lassen hat, hat man da auch schon gemerkt.

    Das Buch ist auf jeden Fall immer noch auf meiner Wunschliste! :)

  2. Ich freue mich, dass Arne Dahl wieder zu dem von dir angesprochenen „kleineren“ Format gefunden hat. Die Opcop-Fälle liefen mir zum Schluss ein wenig zu sehr auseinander und machten mir immer weniger Spaß. Mit dieser Reihe werde ich es nochmal versuchen, zumal ich den Autor bei einer Lesung als äußerst sympathisch empfand.

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