Jane Harper | The Dry

Natürlich war der Tod auf der Farm nichts Neues, und die Schmeißfliegen waren nicht wählerisch. Sie machten keinen Unterschied zwischen einem Kadaver und einer Leiche. Die Dürre hatte den Fliegen den Sommer über ein reichhaltiges Angebot beschert. Sie fanden starre Augen und klebrige Wunden, wenn die Farmer von Kiewarra wieder einmal ihre Gewehre auf abgemagertes Vieh richten mussten. Kein Regen hieß: kein Futter. Und kein Futter bedeutete harte Entscheidungen in einer Gegend, die Tag für Tag unter einem sengenden Himmel flirrte. (Auszug Seite 7)

Aaron Falk kehrt zur Beerdigung seines Jugendfreundes Luke Hadler in seinen Heimatort zurück. Er ist hier im Outback aufgewachsen, lebt und arbeitet inzwischen seit zwanzig Jahren in Melbourne als Polizist. In dem kleinen Städtchen Kiewarra leiden die Farmer unter einer Jahrhunderthitze und kämpfen gegen die anhaltende Dürre um ihre wirtschaftliche Existenz. In dieser Ausnahmesituation soll der verzweifelte Luke durchgedreht sein und erst seine Frau Karen, seinen Sohn Billy und dann sich selbst erschossen haben. Lukes Eltern, Gerry und Barb Hadler glauben nicht an den erweiterten Suizid und bitten den ehemaligen Jugendfreund ihres Sohnes um Hilfe.

Aaron Falk ist in Melbourne als Beamter der Steuerfahndung eher Schreibtischtäter und will eigentlich schnell wieder weg. Andrerseits hatten die Hadlers ihn immer wie ihren eigenen Sohn behandelt, und auch ihn lässt die Frage, warum Luke und seine Familie sterben mussten, nicht mehr los. Die Indizien sind nicht eindeutig und selbst der örtliche Polizist Sergeant Raco zweifelt an der offiziellen Version. Wenn Luke wirklich seine Frau und Sohn brutal getötet hat, warum hat er das Baby Charlotte verschont?

Aaron fragt sich, ob die Tragödie etwas mit dem Tod Ellie Deacons vor zwanzig Jahren zu tun hat. Die 16-jährige gemeinsame Freundin von Luke und Aaron war tot im Fluss aufgefunden worden. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt, aber die Einwohner von Kiewarra haben keinesfalls vergessen, dass Aaron damals verdächtigt wurde, seine Freundin ermordet zu haben und nach vielen Schikanen deshalb mit seinem Vater den Ort verlassen musste. Jetzt schlägt ihm wieder Verachtung, Wut und Misstrauen entgegen.

Für mich war das Thriller-Debüt der Journalistin Jane Harper eine totale Überraschung. Von der ersten Seite fesselte sie mich mit ihrer Bild gewaltigen Sprache. Die Geschichte, die in einer wirtschaftlich schwer angeschlagenem Kleinstadt angesiedelt ist, zog mich in den Bann. Die Hitze und die Trockenheit unter der die Farmer und Tiere leiden, aber auch die Kleingeistigkeit mancher Bewohner und die Vorurteile gegenüber Falk stehen im Mittelpunkt. Die Dürre als allgegenwärtiges Thema findet sich selbst auf den Bildern der Schulkindern wieder.

Alle hatten sie dieselben Visionen von frischer, sauberer Luft und netten Nachbarn, die man alle kannte. Die Kinder würden Gemüse aus dem eigenen Garten essen und lernen, was ein Tag mit ehrlicher Arbeit wert ist. Wenn sie dann ankamen und die leeren Umzugswagen davonfuhren, schauten sie sich um und nahmen sprachlos die ungeheure Weite des offenen Landes wahr. Das war das Erste, was sie verunsicherte. Platz gab es reichlich. Genug, um sich darin zu verlieren. Aus dem Fenster zu schauen und keine andere Menschenseele zwischen dir und dem Horizont zu sehen, konnte eine ungewohnte und irritierende Erfahrung sein. (Seiten 215 & 216)

Die angespannte Atmosphäre und auch das Leid zu beschreiben gelingt der Autorin wirklich perfekt. Man sitzt neben Aaron Falk in der Trauerhalle und spürt die misstrauische Blicke der alten Bewohner. Man fühlt seine Enttäuschung als er den Fluss aufsucht, an dem er in seiner Jugend viel Zeit verbracht hat und in dem Ellie Deacon ertrank.

Falk versuchte, tief einzuatmen, doch die Luft fühlte sich warm und widerlich im Mund an. Seine eigene Naivität verhöhnte ihn wie aufflackernder Wahnsinn. Wie hatte er sich bloß einbilden können, dass zwischen diesen Farmen, wo tote Tiere auf den Weiden lagen, noch frisches Wasser floss? Wie konnte er stumm nicken, wenn das Wort Dürre fiel, und nicht begreifen, dass der Fluss versiegt war? (Seite 123)

Für Fans temporeicher Action dürfte The Dry keine befriedigende Lektüre sein. Dafür nimmt sich Jane Harper viel Zeit für ein einzigartiges, atmosphärisch dichtes Setting und setzt auf gut ausgestaltete, glaubhafte Charaktere. Es ist weniger ein Thriller als eine im besten Sinne altmodisch klassische Kriminalgeschichte, denn Jane Harper erzählt bedächtig aber fesselnd über Polizeiarbeit in einer Kleinstadt. Immer wieder wird die Handlung von kursiv gehaltenen Rückblenden unterbrochen, die über das Ereignis aus der Vergangenheit berichten. Das macht einen großen Spannungsbogen aus und gibt dem Leser die Möglichkeit mitzurätseln. In den Rückblenden wird sehr lebendig und über vier Jugendliche berichtet, die ihre Probleme mit Schule, erste Liebe und Familie haben. Es geht sehr lebensecht um Unsicherheiten und Missverständnisse. Die Dialoge sind sehr stimmig, kein Wort zu viel.

Jane Harper entwirft klug und mit psychologischer Raffinesse ihre Figuren. Der Hauptprotagonist Aaron Falk ist ein sympathischer, kluger und bescheidener Zeitgenosse. Er kehrt mit einem beklemmenden Gefühl an den Ort seiner Jugend zurück, denn er hat das Geschehene nie richtig überwunden. Die Umstände zwingen ihn, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen, denn die damalige Tragödie war einschneidend für sein Leben. Zusammen mit dem unerfahrenen aber engagierten Raco bildet er ein gutes Team, dem die Einwohner von Kiewarra es sehr schwer machen.

Wenn zum Schluss der Fall sein logisches, wenn auch überraschendes Ende findet, hat die in Melbourne lebende Jane Harper ein fantastisches Debüt vorgelegt. Sie wurde in Großbritannien geboren und wuchs in Australien auf. Nach ihrem Studium arbeitete sie jahrelang als Journalistin, bevor sie sich nach der Auszeichnung einer veröffentlichten Kurzgeschichte dem Leben als Schriftstellerin widmete.

Bei dem entstehenden Kopfkino verwundert es nicht, dass sich die Hollywoodschauspielerin Reese Witherspoon schon die Filmrechte von The Dry gesichert haben soll. Es ist eine Geschichte über Heimat, Freundschaft und Lüge und mein Highlight des Jahres!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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The Dry | Erschienen am 21. Oktober 2016 bei Rowohlt Polaris
ISBN 978-3-49929-026-8
384 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen der Blogkooperative Australien & Neuseeland-Spezial.

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