Gerald Kersh | Die Toten schauen zu

„Meine Herren, natürlich ist die Beseitigung der Ursachen das bestmögliche Gegengift gegen jedweden Terror. Das zweitbeste ist… nun, sagen wir, das Zerstampfen der Früchte, die er trägt. Man liefert den Beweis, dass die Sache sich nicht auszahlt, und so, wie man auf jede Revolution mit einer Gegenrevolution antworten kann, kann man Terror mit Gegenterror begegnen. Das hier, meine Herren, dürfen Sie als einen Entwurf zu Gegenterror betrachten – als ein überzeugendes Exempel. Sie werden, da bin ich ganz sicher, zu dem Schluss gelangen, dass Gegenterror ohne Frage wirkungsvoll sein kann, sofern man fest entschlossen ist, ihn bis zum bitteren Ende durchzuziehen und jede Drohung, die man genötigt wurde auszusprechen, in die Tat umzusetzen und mehr noch als das. Angeblich, so heißt es, könne man ein ganzes Volk nicht mal eben so auslöschen. Nun, gut. Es ist unsere Pflicht, unsere absolute Bereitschaft erkennen zu lassen, genau das zu tun, sofern es notwendig ist.“ (Auszug Seite 103)

In der besetzten Tschechoslowakei wird der SS-Obergruppenführer von Bertsch von einem vorbeifahrenden Motorradfahrer erschossen. Die Deutschen sinnen auf Vergeltung und wollen den tschechischen Widerstand in die Knie zwingen. Als vor dem kleinen Dorf Dudicka ein verlassenes Motorrad gefunden wird, reicht dies aus, um an den unschuldigen Dorfbewohnern ein Exempel zu statuieren.

Schon in der Widmung dieses Romans wird klar, welches Stoffes sich Autor Gerald Kersh hier angenommen hat: Das Attentat auf Reinhard Heydrich, SS-Obergruppenführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im besetzten Prag am 27. Mai 1942 und die Zerstörung des Dorfes Lidice als Vergeltungsmaßnahme am 9. Juni 1942. Wobei das Wort „Zerstörung“ dieser Tat nicht gerecht wird: Alle 177 Männer älter als 14 wurden erschossen, alle Frauen ins KZ verbracht, die Kinder ausgesondert, 9 als „germanisierbar“ in Pflegefamilien gebracht, der Rest ins Vernichtungslager. Das Dorf in Brand gesteckt, gesprengt und schließlich eingeebnet. Das Massaker wurde auch propagandistisch ausgeschlachtet, so dass die Welt hiervon schnell erfuhr.

Gerald Kersh, bis dahin erfolgreicher Autor von Londoner Noir-Romanen, schloss seinen Roman über das Massaker bereits im November 1942 ab. 1943 wurde er im Original veröffentlicht und erst im letzten Jahr in der deutschen Übersetzung bei Pulp Master, wo bereits mehrere Büchers Kershs erschienen sind.

Karl Marek, der Lehrer, kam hinaus in den Garten, steckte sich das Hemd in die Hose und fragte: „Habt ihr das gehört?“
„Klang wie ein Maschinengewehr, Onkel Karel“, sagte Max.
„Bedeutet es, dass es Probleme geben wird, Vater?“, wollte Anna wissen. „Nein. Es bedeutet Untergang“, erwiderte der Lehrer gelassen. (Seite 42)

„Das Grauen. Das Grauen.“ Um dieses Buch in wenigen Worten zu beschreiben, fallen mir zuerst die berühmte Worte von Joseph Conrads Figur Kurtz ein. Dieses Buch begibt sich nämlich durchaus ins „Herz der Finsternis“. Das Unheil, das über die Dorfgemeinschaft hereinbricht, ist in seiner Radikalität und brutalen Monstrosität nur schwer zu ertragen. Das Massaker wird geleitet vom bürokratisch-peniblen, fest in seiner rassischen Ideologie verankerten Heinz Horner, den Kersh eindeutig an den Reichsführer SS Heinrich Himmler anlehnt. Überhaupt gewährt der Autor einen Einblick in die Täterpsychen, die von Überlegenheit, Boshaftigkeit, Opportunismus oder blindem Gehorsam zeugen. Einzelne Gewissensbisse gehen im perfekten Kollektiv unter. Aber mehr noch will Kersh den Opfern ein Gesicht geben, indem er einzelne Bewohner der Dorfgemeinschaft vorstellt und in ihren letzten Stunden begleitet. Dabei zeigt er eine tiefe Empathie, schießt bei einzelnen Figurenzeichnungen für meinen Geschmack aber auch ein klein wenig übers Ziel hinaus.

Die Toten schauen zu ist ein (zumindest im deutschsprachigen Raum) fast vergessenes Buch über ein hoffentlich nie zu vergessendes Verbrechen. Eine erschütternde und zugleich mahnende Lektüre.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Die Toten schaue zu, erschienen am 28. Januar 2016 bei Pulp Master
ISBN 978-3-92773-474-6
227 Seiten | 12,80 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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2 Gedanken zu “Gerald Kersh | Die Toten schauen zu

    1. Der Autor war mir bis dahin auch nicht bekannt. Ich fand die Entstehungsgeschichte des Buches auch interessant, dass es so zeitnah nach dem Ereignis geschrieben wurde.
      Viele Grüße!

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