Christian von Ditfurth | Zwei Sekunden

Die Terroristen waren vom Fach. Trotzdem würde es ihnen schwerfallen, Bierbauer zu töten. Niemand wusste, in welchem Hotel er übernachtete. Niemand wusste, welche Route sein Wagen fuhr. Keine Chance, den Job mit einer Bombe zu erledigen. Wenn er den gepanzerten Wagen verließ, dann in einer kurzfristig gesperrten Tiefgarage und umgeben von Personenschützern. Keine Chance für einen Schützen. So dämlich die Fahrzeugwechsel waren, so wirksam war der sonstige Schutz. Merkow sah es sofort, wenn er es mit Profis zu tun bekam. […]
Sie hatten sich rund ums Adlon aufgestellt. Waren nicht in den Wagen sitzen geblieben. Hatten Betriebsamkeit vorgetäuscht. Einer ging einkaufen, die andere bummelte zum Brandenburger Tor. Schließlich wollten sie das BKA nicht auf sich aufmerksam machen.
So war Bierbauer doppelt geschützt. Aber es nützte ihm nichts. (Auszug Seite 223-224)

Staatsbesuch in Berlin: Die Kanzlerin begrüßt den russischen Präsidenten am Flughafen. Die Fahrzeuge machen sich auf den Weg ins Stadtzentrum, als eine Detonation die Kolonne erschüttert. Einer der Wagen wird völlig zerstört, vier Menschen sterben. Der Wagen mit Kanzlerin und Präsident ist nur knapp davon gekommen. Helle Aufregung aller Orten, ein Taskforce wird gegründet. Außerdem erhält noch jemand den Auftrag zu ermitteln – der eigenwillige Hauptkommissar Eugen de Bodt.

De Bodt bedingt sich einen unabhängigen Status außerhalb der Taskforce aus und erhält diesen auf Befehl von ganz oben. Sehr zum Verdruss einiger seiner Kollegen. Doch wie seine Kollegen kann de Bodt und sein Team zunächst wenig Handfestes vorweisen. Die Drahtzieher des Anschlags bleiben im Dunkeln. Erst als der Kanzleramtsminister und weitere hochrangige Beamte weiteren Anschlägen zum Opfer fallen, reift in de Bodt die Idee: Waren Kanzlerin und Präsident womöglich gar nicht das Ziel und war der erste Anschlag gar kein Fehlschlag?

Autor Christian von Ditfurth ist Historiker und Autor zahlreicher Kriminalromane, alternativhistorischer Romane und politischer Sachbücher. Sehr interessant fand ich beispielsweise seinen Roman Der Consul, der mit den Fund der Leiche Adolf Hitlers in einem Hotel in Weimar 1932 beginnt und von da aus eine alternative Version der Geschichte weitererzählt. Seine Krimireihe um den Historiker Stachelmann hat übrigens in Zwei Sekunden eine Art „Cameo-Auftritt“: Im Bücherregal einer Prostituierten liegt der Roman Mann ohne Makel. Der Name (von) Ditfurth dürfte einigen Kindern der Achtziger wie mir noch etwas sagen: Tatsächlich ist Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth („So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“) der Vater des Autors, die Publizistin und ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth seine Schwester.

Er lehnte sich zurück, rieb sich die Schläfe und flüsterte: „Die Angst läuft vorweg, sie entdeckt die Folge, ehe denn sie kommt, so, wie man es an sich selber spüren kann, dass ein Wetter im Anzuge ist.“
„Hegel“, sagte Seibert.
De Bodt nickte. Nur eine Andeutung. „Die Angst verrät, was wir in der Zukunft fürchten. Unser Hirn betrachtet die Fakten, mischt sie mit unseren Sorgen. Wenn im Amt die Angst umgeht, dass das Morden weitergeht, spüren die Leute dort Motive, die wir nicht kennen.“
Seibert starrte de Bodt an. „Sie meinen, die Angst weiß mehr.“
„Das meine ich. Die Angst weiß mehr.“ (Seite 189)

Seinen Protagonisten Eugen de Bodt lässt von Ditfurth nun zum zweiten Mal ermitteln. De Bodt ist ein unkonventioneller und (vor allem für seine Vorgesetzten) unbequemer Kommissar mit Sonderstatus im Berliner LKA. Eine Laus im Pelz des Beamtenapparates. De Bodt ist fachlich brillant, denkt und handelt unorthodox und ist gerade dadurch erfolgreich. Er lässt dies aber auch andere spüren und ist daher als arroganter Einzelgänger verschrien. Zudem kommentiert er gerne Situationen mit philosophischen Bonmots, vor allem von Hegel. Doch seine beiden Untergebenen Salinger und Yussuf lassen nichts auf ihn kommen, verteidigen seine Eigenarten, weil sie spüren, dass er sie zu besseren Ermittlern macht.

De Bodts Erfolge im vorherigen Fall (Heldenfabrik) haben auch bei der Bundeskanzlerin Eindruck gemacht, so dass er in diesem neuen Fall vom Kanzleramt einen Sonderstatus erhält und unabhängig zur Taskforce ermitteln darf.
Eine Konstellation, die es im normalen Leben bei den deutschen Sicherheitsapparaten wohl kaum geben dürfte, die sich aber in diesem Thriller als Glücksgriff erweist. Denn der Blick auf diese Taskforce ist spöttisch-satirisch. Dort versammeln sich abgehalfterte GSG-9-Helden, Besserwisser, Speichellecker, oder ganz einfach kriminalistisch durchschnittliche, aber höchst selbstbewusste Alphatiere. Auf den Sitzungen werden neben dem Austausch von (überschaubaren) Ermittlungsergebnissen und der Strategie fürs weitere Vorgehen mindestens so viele Gedanken daran verschwendet, wem man dieses Behördenversagen am besten ankreiden kann. Die deutschen Sicherheitsbehörden erweisen sich (mit Ausnahme von de Bodt natürlich) als völlig untauglich, mit dieser Situation klarzukommen. Außerdem wird nach und nach klar, dass der deutsche Ministerialapparat relativ problemlos korrumpierbar oder ansonsten erpressbar ist.

Auch die Russen bilden ihre eigene kleine Taskforce in der Botschaft „Unter den Linden“, schließlich kann man einen Anschlag auf den Präsidenten (wem sonst soll der Anschlag gegolten haben?) nicht auf sich sitzen lassen. Auch hier gibt es große Rivalitäten und auch hier tappt man im Dunkeln. Das hält sie natürlich nicht davon ab, irgendwelche angeblichen Drahtzieher oder Maulwürfe zu traktieren. Aber wenn ich nicht lupenreiner Demokrat, sondern Zyniker wäre, würde ich sagen, immerhin unternehmen die Russen etwas. Ditfurth etabliert Konstantin Merkow, Chefleibwächter des Präsidenten und hochrangiger Offizier des FSO als wichtigste Nebenfigur. Merkow ist ein intelligenter Mann, der kühl kalkulierend die Interessen Russlands vertritt. Er darf an der deutschen Taskforce teilnehmen, aber merkt schnell, dass bei den Deutschen nur de Bodt in der Lage ist, die Hintergründe der Terrorserie aufzudecken. De Bodt und Merkow ticken ähnlich und entwickeln einen gegenseitigen Respekt voreinander.

Salinger lächelte. Er hatte wieder ‚treu‘ gesagt. Treu, das gab es nicht mehr. Genauso wenig wie Minnesang. Man hatte es längst in Loyalität umbenannt, das so klang wie Kaugummi. (Seite 271)

Dass de Bodt am Ende so ein bisschen James-Bond-mäßig die Lage klärt – geschenkt! Denn ansonsten bietet das Buch echte Pageturner-Qualitäten. Hohes Tempo und hohe Spannung werden unterstrichen durch den extrem knappen, stakkatoartigen Stil. Das aber nicht zu Lasten der Figuren oder der durchaus komplexen, aber überzeugenden Gemengelage im Plot. Zwei Sekunden ist ein wirklich starker deutscher Politthriller.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Zwei Sekunden | Erschienen am 8. August 2016 bei Carl’s Books
ISBN 978-3-57058-567-2
460 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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6 Gedanken zu “Christian von Ditfurth | Zwei Sekunden

    1. Wobei ich zugeben muss, dass er mich nicht immer völlig überzeugt hat. Hatte vor diesem drei Bücher von ihm gelesen, davon zwei von seinen alternativhistorischen Romanen. „Die Mauer steht am Rhein“ gefiel mir nicht so sehr, dafür aber „Der Consul“. Trotzdem waren die Konstellationen in diesen Romanen sehr interessant.
      Von der Stachelmann-Reihe habe ich nur eines gelesen, „Mit Blindheit geschlagen“, das war okay.
      Ich war vor zweieinhalb Jahren auf einer Lesung, bei der der Autor den ersten de Bodt vorgestellt hat. Da war ich skeptisch und konnte mich nicht durchringen. Diesmal konnte ich bei einer Leserunde mitmachen und habe es nicht bereut.

    2. Mm, okay. Klingt dann jetzt aber auch nicht so, als müsste man unbedingt einen von Ditfurth (alternativhistorisch wäre für mich schon mal nix) gelesen haben. Oder würdest du da widersprechen=

    3. Also diesen kann ich wie gesagt nur empfehlen. In diesem Fall ist er auch sehr aktuell. Kannst ja nach dem Taschenbuch demnächst Ausschau halten…;-)

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