Denzel Meyrick | Tödliches Treibgut

„Jetzt verstehe ich, was du damit gemeint hast, dass die alle alles wissen“, sagte Scott zu Daley. „Also so was, woher wusste sie von deiner Beförderung?“
„Weil Klatsch und Tratsch hier schneller die Runde machen als in der Polizei von Strathclyde. Es ist nur ein Jammer, dass sie den Mund halten über Dinge, die wirklich wichtig sind.“ Daley nippte an seinem Whisky und rollte ihn auf der Zunge, um das Aroma besser auszukosten.
„Kann man ihnen kaum verübeln“, sagte Scott mit einer Stimme, die wenig mehr war als ein Flüstern. „Wo dieser Arsch Macleod hier das Sagen hat. Da hätt‘ ich auch nicht viel Vertrauen in die Polizei.“ (Auszug Seite 193)

Am Strand des schottischen Ortes Kinloch wird eine Frauenleiche angespült. Der Glasgower Inspektor Daley wird ins weit entfernte Kinloch beordert. Doch die Ermittlungen laufen schwer an. Die Tote war für ihr ausschweifendes Leben berüchtigt und dennoch tut sich kein klares Motiv auf. Dann stellt sich heraus, dass auch eine Freundin der Toten und der Besitzer eines kleinen Nachtclubs vermisst werden.

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, das Prequel Die Mädchen von Strathclyde des schottischen Autoren Denzil Meyrick zu lesen und war recht angetan. Die etwas zu kurze Vorgeschichte spielt nämlich im Glasgow der 1980er und zeigt die ersten Anfänge des jungen Police Constable Jim Daley bei der Kripo. Es wehte ein (zarter) Hauch von Sean Duffy durch die Story, daher habe ich mir sofort den ersten Roman der neuen Serie besorgt – Tödliches Treibgut. Ich hätte mich allerdings etwas besser informieren sollen, denn der Roman setzt nicht etwa beim Prequel an, sondern spielt etwa 25 Jahre später und der gute Jim Daley ist bereits Detective Inspector.

Da war ich am Anfang doch etwas irritiert, aber ansonsten ließ sich der Roman doch deutlich besser an als man angesichts des grauenhaften deutschen Titels (im Original: „Whisky from small glasses“) befürchten durfte. Die Geschichte spielt im Fischerdorf Kinloch (vermutlich angelehnt an die Ortschaft Campbeltown) auf der Halbinsel Kintyre im Südwesten Schottlands. Autor Meyrick gelingt es ansprechend, die reizvolle Landschaft und die Atmosphäre der dortigen kleinen Gemeinschaft darzustellen. Die Dorfbewohner sind Auswärtigen nur bedingt aufgeschlossen, intern gibt es jedoch kaum ein Gerücht, dass nicht in Windeseile die Runde gemacht hat. Aber dennoch gibt es wohl in ihrer Mitte einen Mörder – oder doch jemand von außerhalb? Daley und sein loyaler Adjutant Scott haben durchaus einige Mühe, in die Ermittlungen zu kommen, zumal selbst der örtliche Polizeichef ihnen nicht wohlgesonnen ist.

Großen Raum nehmen die Ermittlungen und auch die Konflikte zwischen verschiedenen Bereichen des Polizeiapparates ein. Dies wird durchaus amüsant und in rauem, manchmal spöttisch-zynischem Ton vorgetragen. Ebenfalls viel Zeit nimmt sich der Autor bei der Porträtierung seiner Hauptfigur Jim Daley. Der 43-Jährige ist ein gewissenhafter, besonnener Beamter, der allerdings auch genügend Biss und Rückgrat gegenüber Vorgesetzten und schwierigen Kollegen hat. Privat ist Daley allerdings zunächst schwermütig, denn er leidet unter der Untreue seiner Frau, die ihm auch noch nach Kinloch folgt. So sehr es Sinn macht, seine Hauptfigur gebührend einzuführen, leider übertreibt es Meyrick hier ein ums andere Mal. Das Auf und Ab in Daleys Ehe wird für meinen Geschmack schon arg ausgewalzt und immer wieder werden Abschnitte unnötigerweise unterbrochen, weil Daley plötzlich Erinnerungen hochkommen.

Über weite Strecken ist Tödliches Treibgut ein ordentlicher schottischer (Regional-)Krimi, der einen Einblick in raue, hemdsärmelige Polizeiarbeit und in eine etwas abgehängte Dorfgemeinschaft gibt, mit all den Problemen wie Alkoholkonsum, Arbeitslosigkeit, Drogengeschäfte. Doch gegen Ende wandelt sich der Roman zu meinem Bedauern zu einem absolut schematischen Serienmörderthriller, bei dem der Täter dann auch frühzeitig klar war. Dafür gibt es dann von mir aber klaren Punktabzug.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Tödliches Treibgut | Erschienen am 8. Mai 2017 bei Harper Collins Germany
ISBN 978-3-95967-104-0
416 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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