Georges Simenon | Maigret und die junge Tote

Unbewusst spürte Maigret, daß es ein ziemlich komplizierter Fall war, der da begann. Die Pfeife im Mund, die Hände in den Taschen, wartete er und warf dann und wann einen Blick auf die am Boden liegende Gestalt. Das blaue Kleid war alles andere als neu und schon ziemlich abgetragen, der Stoff recht gewöhnlich. […] Die nächstliegende Erklärung war die, daß ein Animiermädchen auf dem Nachhauseweg überfallen und ihr die Handtasche gestohlen worden war. Nur hätte sie dann noch beide Schuhe angehabt und der Dieb hätte sich nicht die Mühe gemacht, dem Opfer den Mantel wegzunehmen. (Auszug Seite 12)

Auf der Place Vintimille in Paris wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Kommissar Maigret schnappt dem missmutigen Inspektor Lugnon die Leiche quasi vor der Nase weg. Doch zunächst geht es sehr schleppend voran, denn niemand vermisst die Tote. Auch auf das veröffentlichte Foto meldet sich niemand. Doch schließlich bringt Maigret nach und nach Licht in das Leben der Toten.

Autor Georges Simenon war bekanntermaßen ein Vielschreiber. Maigret und die junge Tote ist der 45. von insgesamt 75 Romanen (und 28 Erzählungen) um den Pariser Kommissar Maigret. Umso erstaunlicher, dass ich noch gar keinen Maigret gelesen habe. Das habe ich nun nachgeholt und war durchaus angetan von diesem klassischen Kriminalroman. Der Figur des Maigret ist wohl hinreichend bekannt. In dieser Folge ist er bereits Kommissar und Leiter der Pariser Mordkommission. Ein intelligenter und sehr besonnener Polizeibeamter, der sich mehr auf Intuition und Einfühlungsvermögen als auf Kriminaltechnik verlässt. In diesem Fall rekonstruiert er den Lebensweg des ermordeten Mädchens. Zunächst dauert es, bis die Identität der Toten geklärt ist. Dann beginnt Maigret Schritt für Schritt durch Zeugenbefragungen ein Psychogramm der Toten zu zeichnen, das ihm schließlich am Ende auch dazu verhilft, den Täter zu überführen.

Reizvoll an diesem Band ist außerdem der scheinbar regelmäßig in Maigret-Romanen auftauchende Inspektor Lognon alias Inspektor Griesgram. Diese tragikomische Figur ist von Missmut und Misstrauen gekennzeichnet. Lognon ist zwar kein direkter Untergebener Maigrets, ihm aber dennoch dem Rang nach unterstellt. Lognon hat sich trotz beständig mieser Laune im Fall des toten Mädchens offenbar vorgenommen, den Täter vor Maigret zu ermitteln. Dabei läuft er sich im strömenden Regen die Hacken wund, während Maigret deutlich leichter an die Informationen zu kommen scheint.

Ein Whodunnit der alten Schule, schnörkellos, bedächtig und unterhaltsam. Merkwürdig, dass ich so lange mit einem Maigret gewartet habe.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Maigret und die junge Tote

Maigret und die junge Tote, erstmals erschienen 1954, die gelesene Ausgabe erschien 2006 im Rahmen der Süddeutsche Zeitung Kriminalbibliothek
ISBN 978-3-866-15230-4
138 Seiten | Diogenes-Ausgabe 9,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe (Diogenes Ausgabe ISBN 978-3-257-23845-7)

Nachhören: Georges Simenon | Maigret – Die spannendsten Fälle

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