Wallace Stroby | Kalter Schuss ins Herz

Sie senkte das Handy, dachte an das, was Jimmy Peaches ihr gesagt hatte. Die ganze Sache eine Farce. […] Es machte sie wütend auf Stimmer, wütend auf sich selbst. Wayne wäre vorsichtiger gewesen, hätte selbst recherchiert, bevor er zusagte. Halt ein Auge offen für Problem, sagte er immer, und dann umgehe sie.
Zu spät dafür, dachte sie. Sie warf das Handy auf den Beifahrersitz. Du bist jetzt mittendrin. Und der einzige Weg heraus ist mittendurch. (Auszug Seite 231 bis 232)

Crissa Stone ist ein absoluter Profi in Sachen Raubüberfällen. Bei ihrem letzten Job ist deutlich weniger abgefallen als vorher gedacht und so lässt sie sich untypisch schnell zu einem weiteren Raubzug anheuern. In einem Hotel in Fort Lauderdale überfällt sie mit zwei Partnern eine illegale Pokerrunde. Alles scheint glatt zu gehen, doch kurz bevor sie abhauen können, verliert einer ihrer Kompagnons die Nerven und erschießt einen der Pokerspieler. Dessen Tod bringt einen gefährlichen Mann ins Spiel: Eddie der Heilige, der sich von nun an unerbittlich an Crissas Fersen heftet.

Der Autor Wallace Stroby begann nicht ganz unüblich für amerikanische Krimischriftsteller seine Karriere in den 1980ern als Polizeireporter in New Jersey. Seinen Debütroman „The Barbed-Wire Kiss“ veröffentlichte er 2003. Kalter Schuss ins Herz ist sein vierter Roman, der erste einer Reihe, von der in den USA bereits vier Bände veröffentlicht wurden. Stroby bringt in diesem Roman eine frische Serienheldin hervor, die ganz in der Tradition vergangener hardboiled-Helden steht. In mehreren Besprechungen und auch im Nachwort von Alf Mayer wird der ganz große Name dieses Subgenres zitiert: Parker, der knallharte, kompromisslose Berufskriminelle aus der Feder Richard Starks alias Donald E. Westlakes. Crissa Stone ist aus ähnlichem Holz geschnitzt, intelligent, taff, kühn und in ihrem Metier ein absoluter Profi. Sie ist also ziemlich hartgesotten, und doch sie keine billige weibliche Kopie Parkers. Ihr fehlt diese gnadenlose Unerbittlichkeit und Skrupellosigkeit, vielmehr ist sie durchaus zu Loyalität und Empathie fähig. Wayne, ihr Partner im Leben und im Job, sitzt in einem texanischen Gefängnis. Er hat die Chance auf vorzeitige Haftentlassung, aber dafür braucht Crissa verdammt viel Kohle und macht sie unvorsichtiger als gewohnt. Zudem gibt es bei ihr noch eine besondere Achillesferse: Ihre Tochter Maddie lebt bei ihrer Cousine in der alten texanischen Heimat.

Als Casco sich vorbeugte, sein Gesicht im Safe, setzte Eddie ihm einen Fuß zwischen die Schulterblätter, um ihn dort zu halten, und schoss ihm zwei Mal in den Hinterkopf. Terry schreckte auf. Der Schuss hallte von den Wänden wider. Messinghülsen klackerten auf den Boden. Eddie nahm seinen Fuß weg. Cascos Körper sackte nach vorne, rollte dann langsam zur Seite, Gesicht nach oben. Terry sah weg. […]
Als Terry sich nicht bewegte, ging Eddie zu ihm hinüber, umfasste seinen Nacken und drückte ihn.
„Sieh mich an“, sagte er. „Du musst dich für mich zusammenreißen.“
Terry nickte, sah immer noch auf Cascos Leiche. Eddie ließ ihn los.
„Damit dir eines klar ist“, sagte er. „Hier ging es nicht ums Geld. Es ging ums Prinzip.“ (Seite 47 bis 48)

Wenn Crissa Stone im Klappentext als das „beste bad girl“ der Kriminalliteratur angekündigt wird, dann darf aber auch nicht unterschlagen werden, dass es in dieser Geschichte auch einen „very bad guy“ gibt. Wobei „very“ schon fast untertrieben ist, denn Eddie Santiago, genannt Eddie der Heilige, ist ein richtig übler Typ, der Crissa für meinen Eindruck mächtig die Show stiehlt. Schon die Anfangsszenen, als Eddie von seinem alten Partner Terry aus dem Knast abgeholt wird und sich erst mal bei einem Schuldner Kohle abholt und diesen mal eben „aus Prinzip“ plattmacht, sind bezeichnend. Vor allem bei den Gesprächen zwischen dem unterwürfigen Terry und dem latent unterschwellig bösartigen Eddie stellen sich beim Leser fast schon die Nackenhaare auf. So einen will man sich garantiert nicht zum Feind machen, aber genau das passiert Crissa Stone.

Die Story spielt über weite Strecken in des Autors Heimat New York/New Jersey im kriminellen Milieu. Direkt zu Beginn startet die Geschichte in medias res mit einem Raubüberfall. Ein Delikt, dass mich im Krimi schon immer fasziniert hat. Diese Raubzüge sind irgendwie altmodisch, aber werden sie mit viel Finesse erzählt. Auch schön zu lesen, dass es trotz aller möglicher Gangsterbanden, Mafiaclans und Syndikate noch durchaus ein paar Selbstständige in diesem Business gibt.

Stroby schildert diese Gangsterstory sehr straight, präzise, hart und ohne großen Schnickschnack. Einfach eine mitreißende, richtig gut erzählte Story mit einer Heldin, von der man gerne auch noch mehr lesen möchte.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Kalter Schuss ins Herz | Erschienen am 31. August 2015 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-487-0
352 Seiten | 15,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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