Jo Nesbø | Der Sohn

„Ich glaube, sie kam aus Weißrussland. Minsk ist doch in Weißrussland, oder?“ Rover blickte kurz auf, aber der Junge auf dem Bett antwortete nicht. „Nestor hat sie immer Minsk genannt“, sage Rover.
„Und dann hat er gesagt, ich soll sie erschießen.“
Es war echt von Vorteil, sich jemandem mit einem derart ausgebombten Herzen anzuvertrauen. Da konnte man sicher sein, dass keine Namen und keine Details in Erinnerung blieben, es war irgendwie, wie mit sich selbst zu reden. Vermutlich gingen die Häftlinge des Staten deshalb zu ihm und nicht zum Pastor oder Psychologen. (Auszug Seite 8 und 9)

Sonny Lofthus sitzt bereits seit 12 Jahren im Hochsicherheitsgefängnis Staten in Oslo ein. Der vorbildliche Gefangene ist für seine Mithäftlinge in seiner ruhigen, sanftmütigen Art so was wie ein Beichtvater. Er geriet auf die schiefe Bahn, als sein heißgeliebter Vater Selbstmord verübte. Ab Lofthus, einst ein angesehener Polizist, gestand in einem Abschiedsbrief korrupt gewesen zu sein.

Für den damals noch sehr jungen Sonny brach eine Welt zusammen, war sein Vater doch sein großer Held. Er scheint mit seinem Leben abgeschlossen zu haben, sein einziges Interesse gilt dem Heroin, mit dem er im Gefängnis versorgt wird, und dafür übernimmt er die Verantwortung für Verbrechen einflussreicher Mitglieder der Gesellschaft. Doch Sonny wird aus seiner Lethargie gerissen, als er bei einer Beichte erfährt, dass sein Vater keineswegs der Spitzel war, für den ihn alle hielten und dass er ermordet wurde. Er bricht aus dem Gefängnis aus und beginnt einen gnadenlosen Rachefeldzug. Dabei helfen ihm die Informationen über die Unterwelt Oslos, die er über Jahre als Beichtvater gesammelt hat, um durch Selbstjustiz Gerechtigkeit zu erlangen. Auf der Flucht vor der Polizei findet er Unterschlupf in Martha’s Heim für Heroinabhängige.

Also großer Fan von Jo Nesbø und seiner Reihe um den Kommissar Harry Hole war ich sehr neugierig auf Der Sohn, ein weiterer Stand-Alone wie die bereits erschienenen Romane Headhunter und Blood on Snow. Und der norwegische Erfolgs-Autor zeigt auch hier, was für ein genialer Handlungskonstrukteur er ist. Obwohl man als Leser an Sonnys Seite stets einen Wissensvorsprung vor den Ermittlern hat, war ich von Anfang an gefesselt von der intelligenten Dramaturgie und den lebendigen Dialogen. Immer wieder gelingt es ihm durch trickreiche, clevere Wendungen zu überraschen. Durch stetigen Perspektivenwechsel erhält er den Spannungsbogen konstant hoch bis zum Showdown, wenn auf den letzten Seiten das Rätsel um den Maulwurf bei der Polizei nachvollziehbar gelöst wird.

Neben seinem Ideenreichtum ist eine weitere große Stärke des Starautors, den Charakteren Leben einzuhauchen. Die Hauptperson ist ein drogenabhängiger, verurteilter Mörder, eine charismatische, verstörende Figur, und Nesbø schafft es, dass man als Leser durchaus große Sympathien fühlt. Der Junkie Sonny ist immer höflich, schont Unschuldige und hilft den Bedürftigen. Immer wieder bedient sich Nesbø an religiösen Elementen, zum Beispiel wenn Sonny bei einer Prügelei noch die andere Wange hinhält. Verstärkt werden die ambivalenten Gefühle durch den perspektivischen Trick des Autors, Sonny und seine Handlungen nur durch die Sicht der anderen zu beschreiben.

Auch die weiteren Protagonisten sind glaubhaft und authentisch gezeichnet. Da ist der Ermittler Simon Kefas, ein kluger, altmodischer Kommissar kurz vor der Pension, ein Jugendfreund und langjähriger Partner seines Vaters. Er gibt seine Erfahrungen an seine junge Kollegin Kari Adel weiter, die eigentlich nur auf dem Sprung zu einer großen Karriere abseits der Polizei ist. Selbst die kleinsten Nebenrollen werden detailliert beschrieben und gewinnen dadurch an Tiefe, sei es der pädophile Gefängnispfarrer, der gutmütige Taxifahrer, der Obdachlose, der auf Sonnys Klamotten aufpasst, der korrupte Gefängnisleiter, der neugierige Nachbarsjunge etc.

Bei dem großen Figurenensemble, sollte man, um nicht den Überblick zu verlieren, lange Unterbrechungen vermeiden. Manche Nebendarsteller werden auch erst hundert Seiten später noch eine wichtige Rolle spielen.

Neben dem komplexen Plot unterhält uns Nesbø wie gewohnt mit bizarren, brutalen Morden und reichlich Blut.

Aber er konnte die Beine nicht anwinkeln. Verdammt, waren die tief eingeschlafen. Er versuchte es noch einmal, aber sie reagierten nicht. Es fühlte sich an, als hätten sie sich komplett abgekoppelt. Er kratzte sich am Schenkel. Kniff in die Haut, und in seinem Kopf klickte es. Nachdenken. Nein, nicht nachdenken! Zu spät. Das Loch im Album. Das Blut. Die Kugel musste seinen Rücken durchschlagen haben. Die ausbleibenden Schmerzen. Sylvester legte sich die Hand auf den Bauch. Nass von Blut. Nur dass es sich so anfühlte, als würde er einen anderen anfassen.
Er war gelähmt. (Seite 282)

Manches ist natürlich ein bisschen unrealistisch, zum Beispiel Sonnys relativ einfache Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis, die schnelle Überwindung seiner Heroinsucht oder die Liebesgeschichte zwischen ihm und Martha. Ich hoffe auch mal, dass unsere Gesellschaft nicht komplett so von Korruption durchsetzt ist. Aber für mich war dieses Drama um Schuld und Vergebung ein großes Lesevergnügen auf höchstem sprachlichem Niveau.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Der Sohn | Erschienen am 6. November 2015 bei Ullstein
ISBN 978-3-54828-778-2
528 Seiten | 10,99 Euro17
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiter: Ullstein live. Jo Nesbø: Der Sohn

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